Der Kormoran: ein Fischfresser im Brennpunkt

Schutzmaßnahmen führten dazu, dass sich der Kormoran-Bestand in Europa erholte. Was Vogelschützer freut, ist für Fischer eine Gefahr für die Fischbestände. Ein Grund mehr für Ökologen der Uni Innsbruck, sich den Speiseplan der Vögel genauer anzusehen.
Den Speiseplan der Kormorane untersuchen derzeit Ökologen der  Uni Innsbruck. (Foto: Michael Traugott)
Bild: Den Speiseplan der Kormorane untersuchen derzeit Ökologen der Uni Innsbruck. (Foto: Michael Traugott)

In einer zeitlich sehr fein aufgelösten Untersuchung wollen die Wissenschaftler herausfinden, welche Fischarten Kormorane im Alpenvorland zu welcher Jahreszeit fressen und wo sie diese fangen. Dazu kombinieren sie morphologische, mikrochemische und molekularbiologische Methoden.

Kormorane polarisieren. Nachdem sie in Europa fast ausgestorben waren, erholte sich die Art dank der strengen Schutzmaßnahmen in den 70er-Jahren. Damit lebte ein alter Konflikt wieder auf: Fischer sehen in Kormoranen Konkurrenten und eine Gefahr für die Fischbestände. „Dadurch, dass ein Kormoran 300 bis 500 Gramm Fisch pro Tag verzehrt, wird der Konflikt mit den Fischern natürlich angeheizt“, erklärt Assoz.-Prof. Michael Traugott vom Institut für Ökologie der Uni Innsbruck. Unter seiner Leitung läuft derzeit ein vom Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziertes Forschungsprojekt zur Nahrungsökologie der Kormorane. In diesem Projekt will man unter anderem der Frage auf den Grund gehen, ob Kormorane die bei den Anglern begehrten Äschen und Forellen bevorzugen, oder doch eher die weniger attraktiven Barsche oder Rotaugen verzehren. „Bisher gibt es nur Untersuchungen, die Teilaspekte der Nahrungswahl des Kormorans abdecken. Unser Ziel ist es, ein umfassendes Bild der Nahrungsökologie dieser Vogelart im Alpenvorland zu zeichnen“, erläutert Michael Traugott.

„Kormorane gelten in der Literatur als Opportunisten, das heißt, sie fressen, was sich ihnen gerade anbietet. Ob das so stimmt, oder ob die Vögel auch gezielt in umliegenden Gewässern fischen, wollen wir in unserem Projekt ebenfalls klären“, erklärt Mag. Johannes Oehm vom Projektteam. Gemeinsam mit MMMag. Bettina Thalinger wendet er die in der Arbeitsgruppe von Michael Traugott entwickelten molekularbiologischen Untersuchungsmethoden zur Erforschung der Nahrungsökologie des Kormorans an. „Dank der Nachwuchsförderung unserer Universität konnten beide Dissertanten schon im Vorfeld der Projektgenehmigung durch den FWF mit den Forschungsarbeiten starten“, freut sich Michael Traugott, der seine Dissertanten mit großer Begeisterung unterstützt. Im dreijährigen Forschungsprojekt soll nun der Speiseplan der Kormorane und ihre bevorzugten Jagdgebiete untersucht werden. Zudem wollen die Ökologen herausfinden, ob sich die Kormorane an fischbiologischen Ereignissen, wie zum Beispiel Laichzeiten bestimmter Arten, orientieren.

Sammelarbeit

Für ihre Untersuchungen zum Ernährungsverhalten der Kormorane im Jahresverlauf sammeln die Wissenschaftler zwei Jahre lang alle 14 Tage Kotproben und Speiballen einer Kormoranpopulation am Chiemsee. Dazu spannen sie über Nacht Vliese unter den Bäumen, in denen die Kormorane schlafen beziehungsweise ihre Nester haben und bringen die am nächsten Morgen darauf gesammelten frischen Kotproben und Speiballen in ihr Labor. So haben die Wissenschaftler im vergangenen Sommer bereits 1300 Speiballen und 1000 Kotproben gesammelt. „Erwachsene Kormorane würgen jeden Tag in der Früh die unverdauten Überreste ihrer Nahrung vom Vortag heraus. Diese Speiballen beinhalten aufschlussreiches Material für unsere Arbeit“, erklärt Bettina Thalinger. Ein besonders wichtiger Inhalt der Speiballen sind die sogenannten Otolithen, die Gehörknochen der Fische. „Anhand der Otolithen können wir oftmals bei nicht-karpfenartigen Fischen die Art bestimmen. Bei karpfenartigen Fischen müssen wir auf die Schlundzähne zurückgreifen. Daneben helfen uns unverdaute Fischknochen und Wirbelkörper sowie Schuppen dabei, die von den Kormoranen verzehrten Fische morphologisch – also nach Form und Struktur – zu bestimmen“, beschreibt Johannes Oehm.

Anhand der Otolithen kann man aber nicht nur die Fischart bestimmen: Weil sich die Gewässer aufgrund ihrer verschiedenen geologischen Einbettung in ihrer mikrochemischen Zusammensetzung unterscheiden, kann man mithilfe der Otolithen auch bestimmen, wo die gefressenen Fische gelebt haben. „Bei dieser Methode werden die Otolithen mit einem Laser beschossen und die dabei entstehenden Dämpfe auf ihre Isotopensignatur hin untersucht. Das Verhältnis der darin enthaltenen Strontium- und Kalzium-Isotope gibt dann Aufschluss darüber, in welchem Gewässer die Fische gelebt haben – bei Fließgewässern können sogar verschiedene Abschnitte identifiziert werden“, beschreibt Oehm die Methode, die von Projektpartnern an der Universität für Bodenkultur in Wien durchgeführt wird.

DNA-Analysen

Da die morphologische Untersuchung der Speiballen der Kormorane natürlich auch Grenzen hat – die vorhandenen Knochen sind schon angedaut beziehungsweise werden Jungfische oft ganz verdaut – kombinieren die Ökologen diese Methode erstmals mit molekularbiologischen Untersuchungen. „Die Arbeitsgruppe von Michael Traugott ist im Bereich der Analyse von Nahrungsbeziehungen mittels DNA-Methoden unter den weltweit führenden Gruppen. Unser Forschungsprojekt profitiert natürlich enorm von dem vorhandenen Know-How“, ist Bettina Thalinger überzeugt. Um die gesammelten Speiballen und Kotproben molekularbiologisch untersuchen zu können, haben die Ökologen im Vorfeld eine Fisch-DNA-Datenbank mit 70 Arten erstellt. Jede der gesammelten Proben wird auf diese Fischarten getestet. „Die Tests sind sehr aufwändig, da wir aus den angedauten Proben nur kurze DNA-Stücke gewinnen können. Deshalb müssen wir in unserem Labor besonders gut darauf achten, keine Verschmutzung von außen einzubringen. Schutzbekleidung wie sie aus der Gerichtsmedizin bekannt ist, ist deshalb Pflicht“, erklärt Michael Traugott die Arbeitsbedingungen.

Eine weitere Frage, die im Rahmen des Projekts mithilfe der DNA-Analyse geklärt werden soll, ist die, ob männliche und weibliche Kormorane sich unterschiedlich ernähren. „Diese Frage ist noch ungeklärt, da bisherige Untersuchungen auf Momentaufnahmen des Mageninhalts toter Tiere aufbauen und zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Durch die DNA-Methode können Proben von weiblichen und männlichen Kormoranen unterschieden werden und mittels der über das Jahr gesammelten Proben verfügen wir über eine repräsentative Datenmenge, die das grundlegende Wissen um diese Vogelart bereichern wird“, so Bettina Thalinger. Ob der herrschende Konflikt zwischen Kormoranen und Fischern durch ihre Forschungsergebnisse entschärft werden kann hängt sicher auch von den Ergebnissen ab. „Die Intention für das Projekt war, eine objektive Datengrundlage zu liefern, mit der dann gearbeitet werden kann. Unsere Ergebnisse werden es ermöglichen, den Effekt der Kormorane auf die Fischbestände genauer zu modellieren und das ist die Grundlage für eine Lösung des Konfliktes“, ist sich Traugott sicher.