Auf Interaktivität keinesfalls verzichten

Lehreplus!-Preis-Gewinnerin Dunja Brötz vom Fachbereich Vergleichende Literaturwissenschaft spricht im Interview über ihre Zugangsweise zur Lehre, experimentelle Lehrveranstaltungskonzepte und die Unverzichtbarkeit von Interaktivität.
In die Lehrveranstaltung "Tanz als Text" hat Dunja Brötz Künstlerinnen und Künstler einbezogen, die u.a. vorführten, dass Kommunikation nicht unbedingt verbal erfolgen muss.
Bild: In die Lehrveranstaltung "Tanz als Text" hat Dunja Brötz Künstlerinnen und Künstler einbezogen, die u.a. vorführten, dass Kommunikation nicht unbedingt verbal erfolgen muss.

Sie wurden Ende 2012 für die Lehrveranstaltungen „Tanz als Text / Tanztheater / Tanztheorien“ und „Film- und Kulturtheorien in künstlerischer Praxis“ mit dem Lehreplus!-Preis ausgezeichnet. Dieser wird an besonders engagierte Lehrende der Universität Innsbruck verliehen. – Worauf legen Sie in Ihren Lehrveranstaltungen besonderen Wert?

Ich möchte so viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie möglich in die Lehrveranstaltung einbeziehen. Natürlich hat man in jeder Gruppe unterschiedliche Charaktere, und ich bin niemand, der unbedingt die ganz Stillen ins Rampenlicht zerren will, wenn es ihrem Charakter nicht entspricht. Aber wenn jemand nicht gerne redet, heißt das nicht automatisch, dass er nicht gut schreiben kann oder sich keine interessante Gedanken macht. In diesem Sinne ist es spannend, wenn sich alle irgendwie einbringen können.

Wie gelingt Ihnen das?

Seit meinen ersten Lehrveranstaltungen 2007 bin ich immer mehr vom klassischen Frontalunterricht weggekommen. Am Anfang hatte ich sehr ausgefeilte, fast druckreife Manuskripte, habe dann aber erkannt, dass mich das einschränkt. – Ich hatte immer zu viel hineingepackt. Durch die zunehmende Routine, aber auch durch hochschuldidaktische Kurse, habe ich gelernt, dass man eine Lehrveranstaltungsstruktur nicht zu Tode reiten muss, wenn sie nicht funktioniert. Ich habe verschiedene, oft sehr experimentelle Gruppenarbeiten ausprobiert, bei denen ich vorher nicht sagen hätte können, wie sich das Ganze entwickelt. Das habe ich so auch von Anfang an zu den Studierenden gesagt. „Ich probiere etwas aus mit Ihnen und wenn es nicht funktioniert, ist es kein Beinbruch. Bitte melden Sie zurück, ob Sie so arbeiten können.“ Das wird sehr positiv aufgenommen. Eine klassische Vorlesung mit Frontalunterricht halte ich nicht mehr, weil sie den Studierenden – das zeigen auch hochschuldidaktische Studien – am wenigsten bringt. Dafür hat man selbst Unmengen an Arbeit damit und kein Feedback.

Das klingt fast so, als wäre die Vorlesung Ihrer Meinung nach ein überholtes Konzept...

Natürlich sind in jedem Curriculum, auch in der Vergleichenden Literaturwissenschaft, einige Vorlesungen vorgesehen. Es kommt aber immer darauf an, wie man die gestaltet. Ich würde z.B. keinesfalls auf den Aspekt der Interaktivität verzichten wollen. Auch nicht in der Vorlesung. Vorlesungen sind an Universitäten historisch begründet. Wenn jemand im Mittelalter ein Buch besessen und es anderen zugänglich gemacht hat, hat er es vorgelesen. Dieser Aspekt fällt gerade in der heutigen Zeit, in der in Bibliotheken und auch im Internet nahezu alles Wissen zugänglich ist, weg.

Wann ist für Sie ganz persönlich eine Lehrveranstaltung gelungen?

Die Lehrveranstaltungen, bei denen ich wirklich ein gutes Gefühl habe, sind die, bei denen ich selbst für das Thema Feuer gefangen habe. Es ist unglaublich wichtig, den Studierenden zu vermitteln, dass man selbst Freude an der Forschung hat. Wenn man das vermitteln kann und die Studierenden mit glänzenden Augen in der Lehrveranstaltung sitzen und ich merke, dass sie wahnsinnig viel Zeit und Engagement investieren, ist es für mich gelungen. Es hängt natürlich auch von der Gruppe, der Gruppengröße und dem Raum ab, ob eine Lehrveranstaltung gelingt.
Ich habe zum Glück noch nie die Erfahrung gemacht, dass ich eine komplett passive Gruppe hatte, die sich gegen mich sträubt.

In welchem Nahverhältnis stehen für Sie Lehre und Forschung?

Ich war zunächst Forschungsassistentin in zwei FWF-Projekten und habe 7 Jahre geforscht, bevor ich meine erste Lehrveranstaltung gehalten habe. Ich hatte die Möglichkeit, meine Dissertation zu schreiben, ein internationales Symposium zu organisieren, erste Publikationen zu machen und mir Inhalte zu erarbeiten, das möchte ich auf keinen Fall missen. In meine allererste Lehrveranstaltung, ein Proseminar über Akira Kurosawa und seine Filme, bin ich richtig euphorisch hineingegangen. Das Thema war als Teil meiner Dissertation auch eine meiner großen Vorlieben auf dem Gebiet des Films. Das war nicht nur eine tolle Erfahrung, ich war auch sehr gut vorbereitet. Entsprechend größer war die Herausforderung bei Themen, die ich erst erarbeiten musste und die nicht mehr so direkt in mein Forschungsgebiet gepasst haben. Basierend auf meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es dringend notwendig ist, den jungen Kolleginnen und Kollegen zuerst ausreichend Zeit zu geben, Inhalte zu erarbeiten, auch wenn das aus heutiger Sicht als purer Luxus erscheinen mag.

Sind Studierende gerade in den ersten Semestern mit spezifischen Forschungsinhalten nicht überfordert?Unsere

Lehrpläne gehen stufenweise vor. Es geht im Bachelorstudium nicht darum, dass wir die Studierenden mit ganz spezifischen Forschungsfragen überfordern, sondern sie schön langsam über praktische Textanalyse, über Weltliteratur und Einführungen zum spezifischen Forschen hinführen. Wichtig ist immer, Forschung mit praktischen Beispielen zu belegen und schwierige Fachtermini nicht einfach hinzuwerfen und davon auszugehen, dass sich die Studierenden das schon selbst nachschauen. Das ist zumindest nicht mein Verständnis von Lehre.


Dieses Interview ist in der Juni-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ im Rahmen des Lehreschwerpunktes erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).