Alpine Ökosysteme langfristig erforschen

Im Gebiet um den Gossenköllesee im Kühtai wird seit Jahrzehnten die Ökologie alpiner Gewässer und ihrer Einzugsgebiete erforscht. Die vor 38 Jahren errichtete Forschungsstation der Uni Innsbruck fungiert bis heute als Drehscheibe für diese Untersuchungen. Nun ist die langjährige Forschungsarbeit gefährdet.
gossenkoellesee_400x306px.jpg
Bild: Das Forschungslabor Gossenköllesee im Kühtai (Foto: Lois Lammerhuber)

Von den derzeit 610 Biosphärenparks in 117 Ländern liegen sieben in Österreich und zwei davon in Tirol: die Gebiete um den Gossenköllesee und den Gurgler Kamm. Sie wurden bereits kurz nach der Einrichtung der ersten Biosphärenparks im Jahr 1976 im Rahmen des UNESCO „Man and the Biosphere (MAB)“-Programms gegründet. „Mitte der 1990-Jahre änderte die UNESCO aber die Strategie dieses Programms und rückte neben der Erforschung der Ökosysteme die Menschen stärker in den Mittelpunkt“, sagt Dr. Günter Köck, Vice-Chair des internationalen MAB-Programms und Generalsekretär des MAB-Nationalkomitees bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Die Menschen sollten als integraler Bestandteil im Biosphärenpark leben und wirtschaften mit dem Ziel, ihre natürliche Umgebung langfristig zu erhalten, nach dem Motto: Schützen durch Nützen.“ Damit verbunden ist die Einteilung der Biosphärenparks in drei Zonen: Kernzone, Pufferzone und Entwicklungszone. Im Laufe dieses Jahres werden nun alle Biosphärenparks von der UNESCO-Liste gestrichen, die nicht den neuen Kriterien entsprechen. „Da im Biosphärenpark Gossenköllesee diesbezügliche Veränderungen aus geographischen und ökonomischen Gründen nicht durchführbar sind, wird das Gebiet den Schutzstatus verlieren“, betont Köck. „Auch eine Neuzonierung des Gurgler Kamms ist derzeit leider wenig wahrscheinlich.“

Forschungsstation der Uni Innsbruck

Schon in den 1930er-Jahren führte Senta Leutelt-Kipke vom Zoologischen Institut der Universität Innsbruck erste limnologische Untersuchungen in hochalpinen Seen im Kühtai durch. 1959 wurde dann am Finstertaler See eine universitäre Forschungsstation gegründet. Diese musste 1974 einem Stauseeprojekt weichen und fand mit der ein Jahr später errichteten, neuen Forschungsstation am Gossenköllesee einen Ersatz. In diese Zeit fällt auch die Anerkennung als Biosphärenpark im Jahre 1977 durch die UNESCO und damit verbunden der Start einer kontinuierlichen Langzeiterforschung der Ökologie alpiner Gewässer und Einzugsgebiete. Mit Unterstützung der TIWAG - Tiroler Wasserkraft AG und der Kühtaier Bergbahnen wurde die Station 1994 renoviert und modernisiert und dient seither als Stützpunkt zahlreicher nationaler und internationaler Forschungsprojekte.

Langjährige Untersuchungsreihen

Heute werden am Gossenköllesee Untersuchungen zu Meteorologie, Niederschlag, Leben in Schnee und Eis, Hydrologie, Paläolimnologie, Photobiologie und Fischökologie durchgeführt. „Durch ihre Lage und Ausstattung hat die Forschungsstation am Ufer des Sees auf 2.417 ein Alleinstellungsmerkmal. Dokumentiert ist dies durch die rege Forschungsaktivität in zahlreichen Projekten diverser Fördergeber wie der EU. Sie ist aber auch ein wichtiger Ausbildungsort für Studierende aus aller Welt, Tagungsort, Drehort verschiedene Dokumentationen und Standort für die Ausbildung von Schülerinnen und Schüler“, sagt Vizerektor und Limnologe Prof. Roland Psenner, der gemeinsam mit Dr. Birgit Sattler den Biosphärenpark managt. „Seit 1975 werden im Einzugsgebiet des Gossenköllesees ökologische Daten erhoben, welche für die Untersuchung langfristiger Veränderungen unabdingbar sind und in dieser Qualität im alpinen Raum nur vereinzelt zur Verfügung stehen. Dass der Gossenköllesee eine der letzten Bachforellenpopulationen beherbergt, deren Vorfahren aus dem Donaueinzugsgebiet stammen und bis auf Kaiser Maximilians Besatzmaßnahmen zurückgehen, macht den See – neben vielen anderen Faktoren – nicht nur für die Forschung, sondern auch für den Erhalt der heimischen Biodiversität extrem wertvoll“, betont Roland Psenner weiter.

Forschung sichern

Um die Langzeitforschung zu sichern, soll jetzt versucht werden, das Einzugsgebiet und den See durch Erreichen eines adäquaten Schutzstatus zu bewahren. Denn der Verlust des Biosphärenschutzes wird unweigerlich die Begehrlichkeiten der Skilift- und Tourismussparte in diesem großen Wintersportgebiet wecken. „Für Tirol wäre der Schutz dieses Gebiets eine Gelegenheit, die Bedeutung der Forschung für nachhaltige sozio-ökonomische und ökologische Fragestellungen des Alpenraums klar zu demonstrieren“, betont Prof. Psenner. In der letzten Sitzung des Naturschutzbeirates der Tiroler Landesregierung wurde das Thema auch zur Sprache gebracht. Landesrat Mag. Thomas Pupp sowie alle Beiratsmitglieder unterstrichen die besondere Bedeutung des Gossenköllesees für den Forschungsstandort Tirol. Die Tiroler Landesregierung wurde gebeten, andere Schutzoptionen für den ehemaligen Biosphärenpark zu erkunden. Gemeinsam mit den Stakeholdern sollten dann die nächsten Schritte zur Bewahrung des Forschungsgebietes gesetzt werden.