Von der pädagogischen Praxis in die Theorie und wieder zurück

Seit April 2012 ist Annette Sprung im Bereich Migration und Bildung am Institut für Erziehungswissenschaft tätig. Von der Sozialarbeit führte sie ihr beruflicher Weg in die Wissenschaft, ohne ihre praktische Arbeit aus den Augen zu verlieren. Der Schwerpunkt Migration stand dabei immer im Vordergrund.
Annette Sprung ist seit April 2012 Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft.

Die Bildungsforscherin Annette Sprung treibt der Wunsch an, sich gegen soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheit einzusetzen. „In mir keimte schon immer ein großes Interesse für Fragen der Gesellschaft; für soziale Phänomene sowie die Zusammenhänge und Ursachen dieser Phänomene. Die Idee, Sozialarbeiterin zu werden, hängt natürlich sehr stark mit der Vorstellung sich engagieren zu können und gegen soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheit einzusetzen zusammen“, erklärt die Pädagogin. Dieses Engagement ist auch in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn nicht verschwunden, es veränderte sich lediglich die Form des Engagements. Während ihrer Tätigkeit als Diplomsozialarbeiterin studierte sie Pädagogik mit einem Fokus auf Erwachsenenbildung an der Karl-Franzens-Universität in Graz und blieb fortan in der Wissenschaft aktiv. Auf theoretischer Ebene beschäftigt sie sich heute mit Themen wie Migration, Interkulturalität, Erwachsenenbildung, Rassismus, Diversität und Differenz. Neben ihrer wissenschaftlichen, theoretischen Arbeit ist sie zudem weiterhin in der Erwachsenenbildung praktisch tätig. Diese berufliche Ergänzung stellt eine gute Möglichkeit dar, den Transfer von der Wissenschaft in die Praxis selbst zu unterstützen. „Die Beratungs- und Bildungsarbeit im Feld Migration und Integration habe ich mir neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit erhalten, da mir diese für meine Forschungsarbeit als Methode der Resonanz sehr wichtig erscheint. Was sind die relevanten Fragen in den pädagogischen Praxisfeldern; mit welchen Herausforderungen haben die Menschen zu tun?“

„Interkulturelle Pädagogik“ und Interkulturalität

In einer pluralistischen Gesellschaft ist die aktive Auseinandersetzung mit Diversität und Differenz sowie der damit oftmals verbundenen Exklusionsprozesse fundamental. Die Erziehungs- und Bildungswissenschaft versucht Lösungsansätze dieser Debatte innerhalb der sogenannten „Interkulturellen Pädagogik“, die sich seit den späten 1960er Jahren zum Teil als Reaktion auf die damalige sogenannte Gastarbeitermigration entwickelt hat, zu klären. Dem Begriff liegt nicht ein Konzept, sondern mehrere kontroversielle Theorieansätze zugrunde. Im Bereich der Pädagogik handelt es sich dabei um einen umstrittenen Sammelbegriff, weil er eine starke Betonung auf Kultur und kulturelle Unterschiede impliziert. Annette Sprung beschäftigt sich mit Interkultureller Pädagogik daher lediglich unter Anführungszeichen. „Ich sehe diesen Begriff sehr kritisch. Das Thema Migration und Migrationsgesellschaft wird dabei häufig kulturalisiert. Durch die Forschung trägt man teilweise dazu bei, dass Fremdheitskonstruktionen bestätigt oder gar erzeugt werden. Hier sollte ein Perspektivenwechsel erfolgen“, erläutert die Bildungswissenschafterin ihre Kritik. Diesen Einwand kann man bis zu ihrer Dissertation aus dem Jahr 2000 zurückverfolgen. Unter dem Titel „Interkulturalität – eine pädagogische Irritation?“ nahm die Steierin eine Kritik an ihrem Fachgebiet vor und zwar insofern, als sich die Pädagogik und insbesondere die Erwachsenenbildung mit dem Thema Migration sehr wenig auseinandergesetzt hat bzw. auseinandersetzt. Die Kritik ist dementsprechend natürlich auch eine Irritation für ein Feld, das die Augen vor unbequemen Themen verschließt. „Aus meiner Sicht handelt es sich hierbei um ein Spiegelbild der fehlenden adäquaten Auseinandersetzung seitens der Politik und Gesellschaft mit dem Thema Migration. Dieser politische Mangel spiegelt sich ein Stück weit in der Pädagogik wider.“ Dem Begriff Irritation entspringen dabei zwei Bedeutungen: Irritation als Beunruhigung und – im pädagogischen Kontext – als Anlass des Lernens. Die alternativen Schwerpunkte, die die Wissenschafterin in den folgenden Jahren in ihrer eigenen Arbeit setzte, wurden unter anderem in ihrer 2011 publizierten Habilitationsschrift mit dem Titel „Zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft“ akzentuiert.

Schwerpunkt Migration

Ein Grund, für die Grazerin nach Innsbruck zu gehen, war in erster Linie der Forschungsbereich Migration und Bildung innerhalb der Erziehungswissenschaft. Die Universität Innsbruck ist eine von nur zwei Universitäten in ganz Österreich, die im Studienfach Pädagogik einen Schwerpunkt auf Migration setzt. Der Schwerpunkt ist dabei sowohl in den Studienplänen verankert als auch in der Forschung intensiv gegeben. „Hier an der Uni Innsbruck gibt es einen fachlichen Schwerpunkt zur Migrationsforschung im Gegensatz zu anderen österreichischen Universitäten, wo dieser zum Teil komplett fehlt. Das ist ein Indiz dafür, dass die Uni Innsbruck bzw. das Institut für Erziehungswissenschaft die Notwendigkeit für ein derartiges Fachgebiet erkannt und Maßnahmen ergriffen haben, um dieses einzurichten. Darauf kann man stolz sein“, lobt Annette Sprung ihre neue Arbeitgeberin.