„Neugier erwecken ist ganz zentral“

Vergangene Woche fand in Innsbruck die „Improving University Teaching“-Konferenz (IUT) zu Universitätslehre statt. Der Konferenzdirektor, Harvard-Wissenschaftler Prof. James Wilkinson, spricht im Interview über gute und schlechte Lehre und was einen Universitätslehrer ausmacht.
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Bild: James Wilkinson war bis 2009 Direktor des „Derek Bok Center for Teaching & Learning“ an der Harvard-Universität.

James Wilkinson ist Historiker und war bis vor drei Jahren für insgesamt über zwanzig Jahre Direktor des „Derek Bok Center for Teaching & Learning“ an der Harvard-Universität in Cambridge, Massachusetts. Er leitete die 37. IUT-Konferenz, die zwischen 25. und 27. Juli erstmals an der Universität Innsbruck stattgefunden hat.

Die IUT-Konferenz beschäftigt sich mit Best-Practice-Beispielen von universitärer Lehre. Fangen wir mit dem Gegenteil an: Wann ist Lehre schlecht?
James Wilkinson: Lehre ist dann schlecht, wenn niemand etwas lernt. Wenn ein Dozent in seiner Vorlesung glänzt, aber die Studierenden nichts davon haben, war es schlechte Lehre. Gute Lehre misst sich am Lernerfolg.

Wie erreicht man diesen Erfolg?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Wenn ein Universitätslehrer sich erinnern könnte, wie es war, als er selbst studiert hat und seine Lehre entsprechend gestaltet, sind die ersten Schritte in Richtung gute Lehre getan. Eine Lehrerin oder ein Lehrer sollte fachlich nicht dort anfangen, wo er oder sie selbst steht, sondern dort, wo die Studierenden stehen.

Auch Neugier am jeweiligen Fach wird oft als wichtiger Faktor beschrieben.
Ja, Neugier erwecken ist ganz zentral. Im traditionellen Unterricht kam der Professor und erzählte, was er wusste. Das ist falsch. Man sollte mit Fragen arbeiten – jeder Forscher, und Universitätslehrer sind ja häufig auch Forscher, arbeitet ja auch in der Forschung an Fragen. Ein Beispiel: Ich habe regelmäßig eine Vorlesung über europäische Geschichte gehalten, und zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kann man schlicht sagen, ein Mord in Sarajevo entfesselte 1914 vier Jahre Krieg. Das ist aber alles Teil einer Antwort und sollte erst später kommen. Ich habe den Studierenden die Frage gestellt: Wieso ging die Bevölkerung damals mit so großer Freude in diesen Krieg? Ich hatte zeitgenössische Fotos aus Berlin, wo junge Leute zu sehen sind, die jubeln, viele Menschen hatten auch Blumen, das war ein Volksfest. Für die Studierenden war diese Stimmung unvorstellbar. Und natürlich gibt es auf eine Frage nach dem „Warum“ meistens mehr als nur eine richtige Antwort. Dadurch, dass man mit einer Frage statt mit einer Antwort anfängt, erweckt man Neugier bei den Studierenden. Die Fragestellung ist enorm wichtig: Eine gute Frage kann gute Lehre ausmachen, und eine schlechte Frage, oder, noch schlimmer, gar keine Frage, das ist ein schlechter Anfang.

Was ist eine gute Frage?
Eine Frage nach dem Warum ist meistens gut und am besten dann, wenn etwas daran nicht den Erwartungen entspricht. Und eben: Jubelnde Leute in Berlin – die Erwartung ist doch, der Krieg kommt und die Leute machen sich Sorgen deswegen. Jeder Mensch hat Erwartungen. Man kann etwas wissen oder nicht wissen, aber irgendwo im Gehirn stecken Erwartungen. Wenn man sich diesen Erwartungen klarer wird und wenn die Situation den Erwartungen nicht entspricht, dann muss man fragen: Wieso habe ich etwas anderes erwartet? Das ist für Forscherinnen und Forscher gang und gäbe. Solche Fragestellungen sind auch sehr ergiebig, daraus lernt man sehr viel. Die meisten Menschen, die nicht forschen, sind durch das Ungewisse verunsichert. Gute Lehre sollte Studierenden den Mut geben, sich mit dem Unbestimmten zurechtzufinden, mit Fragen zu leben anstatt immer mit Antworten: Ich habe Fragen, die Lösungen kenne ich bis jetzt nicht, aber trotzdem geht es mir gut. Ich weiß, wie man von einer Fragestellung bis zur Lösung kommt. Mit diesem Selbstvertrauen kommt man nicht nur durch die Uni, sondern durchs Leben. Das sind wirklich Life Lessons.

Ein weiterer Punkt ist Wegkommen vom „Lernen auf Vorrat“ hin zu praxisbezogenem Lernen. Wie wichtig ist dieser Praxisbezug?
„Lernen auf Vorrat“, auf Englisch sagt man „just in case learning“ – das bedeutet, wenn ich das lerne, brauche ich es vielleicht eines Tages. Im Medizinstudium war das früher der Fall. Man hat eine Unmenge an Kenntnissen aufgesaugt, und man wusste dann zum Beispiel etwas über ein bestimmtes Blutgefäß. Aber es könnte vielleicht zwanzig Jahre dauern, bis das wichtig wurde. Vor ungefähr zwanzig Jahren hat man an der Harvard-Universität dieses traditionelle Studium beiseite geschoben und hat etwas Neues angefangen, nämlich problembasiertes Lernen. Damals fingen sie mit einem echten Mordfall an: Ein Bulgare, der in London lebte und Widerstand gegen die damalige kommunistische Regierung in Bulgarien leistete, war ermordet worden. Er wartete auf seinen Bus, spürte etwas am Bein, einen Stich, und zwei Tage später war er tot. Und es stellte sich heraus, dass ihn jemand aus dem bulgarischen Geheimdienst mit einem spitzen Regenschirm ins Bein gestochen hatte. Die Frage an die Studierenden war dann: Wie ist es möglich, dass so eine kleine Verletzung am Bein zum Tod führt? Die Studierenden hatten zwei Wochen, in Teams zu jeweils sechs Personen, um die Lösung zu finden. Die mussten dann etwas über den Blutkreislauf lernen, also wie schnell Blut vom Bein in den restlichen Körper transportiert wird, und über Gifte, und so weiter. Und es gab einen Grund, das alles zu lernen – die haben das nicht nur „auf Vorrat“ gelernt, sondern sie hatten ein Ziel, nämlich, diesen Fall zu erklären. Ich finde das sehr gut und ich habe auch selbst mit ähnlichen Fällen in meinem Unterricht gearbeitet.

Kann jeder Wissenschaftler lehren?
Ja – bis zu einem bestimmten, ziemlich guten Niveau. Nicht alle können ausgezeichnet lehren. Genauso kann nicht jeder ein ausgezeichneter Pianist sein. Aber eine Meinung teile ich ganz bestimmt nicht: Und zwar, dass gute Lehrer geboren sind und nicht gemacht. Das ist meines Erachtens eine faule Ausrede.

Also kann man Lehren lernen?
Absolut. Man kann auch gute Lehre lernen. Ein englischer Psychologe, Winnicott, hat Beziehungen zwischen Eltern und Kindern untersucht, und er hat den Begriff „die ausreichend gute Mutter“ geprägt. Die Mutter muss keine Supermutter sein, sie muss nur gut genug sein, um das Kind gut zu erziehen. Nicht alle Mütter können ausgezeichnete Mütter sein, das ist fast unmöglich. Bei den Lehrern ist es genauso. Die weitaus große Mehrheit aller Lehrerinnen und Lehrer kann gut genug sein. Diese Menschen müssen natürlich lehren wollen und dann müssen sie es lernen. Es heißt oft, wenn ich den Stoff kenne, kann ich ihn vermitteln – das ist falsch. Harvard hat viele kluge Leute, aber das bedeutet gar nicht, dass sie ihr Wissen anderen vermitteln können. Es braucht Zeit, Arbeit, Wiederholung, Rückmeldungen von den Studierenden, Hilfe von den Kollegen – ein ganzer Apparat zur Unterstützung der Lehre muss da sein und ohne diesen Apparat ist es sehr schwierig für Einzelne.

Welche Rolle spielen neue Medien in der Lehre?
Diese Instrumente können gut sein, ersetzen aber nicht Face-to-face-Kommunikation. Einige meiner ehemaligen Studierenden sind jetzt Dozenten, einer davon in Südkorea. Und er hat mir geschrieben, weil seine Studierenden gerade eines meiner Bücher gelesen hatten und ein paar Fragen an mich hatten. Zwischen Boston und Seoul gibt es 13 Stunden Zeitunterschied, aber wir haben das über Skype gemacht und es hat super funktioniert. Der Dozent hatte sein Tablet und ging damit von Student zu Student, so dass jeder, der eine Frage hatte, sie auch stellen konnte und wir konnten fast direkt miteinander sprechen. Das kann aber nicht Gruppenarbeiten oder Vorlesungen ersetzen. Ein Schwachpunkt bei reinen Online-Angeboten ist die Rückmeldung, und auch Hilfe bei Übungen ist ganz zentral. Am besten sind sogenannte hybride Modelle – Teile einer Lehrveranstaltung finden „live“ statt, andere Teile finden online statt. Grundsätzlich verhält sich das wie bei Konzerten und Schallplatten – eine gute Aufnahme kann nie ein Konzert ersetzen.