Inns’el der Seligen

Andreas Exenberger und Josef Nussbaumer verwandeln in einem Gedankenexperiment Innsbruck in ein fiktives Städtchen mit 100 Menschen und geben unvermutete Einblicke in die Lebensrealitäten in der Tiroler Metropole. In einem weiteren Schritt vergleichen sie Innsbruck und die Welt.
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Bild: Innsbruck wurde von Andreas Exenberger und Josef Nussbaumer geschrumpft, um Lebensrealitäten greifbarer zu machen.Foto: TVB / Christoph Lackner

Wir schreiben das Jahr 2000, in dem das fiktive Weltstädtchen namens Inns’Bruck genau 100 Einwohner mit Hauptwohnsitz, 8 Wohngebäude (davon 2 Einfamilienhäuser) zählt. Es ist 300 Quadratmeter groß, verfügt über ein Straßennetz von 300 Metern sowie über 70 Meter Radweg. „2000 lebten real 112.500 Menschen in Innsbruck. Wir haben daher alle statistischen Angaben durch den Wert 1.125 dividiert, um die Demografie, Wohn-, Arbeits- und Konsumverhältnisse sowie den Ressourcenverbrauch greifbarer und global vergleichbar zu machen“, erklärt Ass.-Prof. Andreas Exenberger den Hintergrund des Experiments, dessen Ergebnisse er und Ao. Univ.-Prof. Josef Nussbaumer im Band „Politik in Tirol. Jahrbuch 2012“ veröffentlicht haben. Das Jahr 2000 dient den Wissenschaftlern vom Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte dabei auch als Referenzpunkt, um Veränderungen im Zeitablauf zu zeigen. So gab es im Jahr 1900 in Inns’Bruck erst 44 Hauptwohnsitze, 2010 hingegen bereits 106. – Der Bevölkerungsanstieg der vergangenen Jahre resultiert aus dem Zuzug aus dem Umland, denn im fiktiven Städtchen Inns’Bruck wird jährlich eine Person geboren und eine stirbt. – Neben den 106 Einwohnern mit Hauptwohnsitz leben in Inns’Bruck 2010 noch weitere 19 Personen mit einem Nebenwohnsitz. Von den insgesamt 125 Anwesenden haben 101 eine österreichische Staatsbürgersbürgerschaft, 14 sind EU-Bürger, 10 Menschen stammen aus einem Nicht-EU-Land. Statistisch wahrnehmbar sind in Inns’Bruck 5 deutsche und 5 italienische Staatsbürger (letztere vor allem aus Südtirol), 2 türkische sowie je einer aus Serbien und Bosnien-Herzegowina. „Statistisch gibt es in unserer fiktiven Stadt keinen einzigen Afrikaner“, ergänzt Josef Nussbaumer. Inns’Bruck ist außerdem nicht besonders polyglott: neben Deutsch liegen bei den Muttersprachen nur jugoslawische Sprachen und Türkisch über der statistischen Wahrnehmungsschwelle, als Zweitsprache sind (neben Deutsch) nur Englisch und – weit weniger – Italienisch einigermaßen verbreitet.

Globaler Vergleich

Die Idee, die Innsbrucker Lebensverhältnisse auf eine überschaubare Einwohnerzahl von 100 herunterzubrechen, ist die Fortsetzung eines Gedankenexperiments, das Andreas Exenberger und Josef Nussbaumer bereits vor drei Jahren sehr erfolgreich für die gesamte Welt durchgeführt haben. Die Zahlen, die sie für das fiktive 100-Einwohner-Dorf Globo errechnet haben, vergleichen sie mit jenen von Inns’Bruck und kommen in ihrer Publikation zu dem Ergebnis, dass Tirols Landeshauptstädtchen nicht von dieser Welt ist. „Wenn man sich bestimmte Zahlen anschaut, wird einem bewusst, wie gut Innsbruck im globalen Vergleich dasteht. Gerade in Zeiten, in denen sich viele Menschen vielleicht nicht mehr alles leisten können, was sie gewohnt sind, ist es wichtig sich unsere Situation im globalen Kontext zu vergegenwärtigen“, gibt Josef Nussbaumer zu bedenken. So haben 100 Menschen in Inns’Bruck Zugang zu sauberem Trinkwasser, in Globo fehlt 20 der Zugang zu sauberem Trinkwasser, ohne Strom leben im Weltdorf 27 Menschen, in Inns’Bruck haben alle Strom. In Globo sind 44 von 100 Menschen gänzlich von der Geldwirtschaft ausgeschlossen, in Inns’Bruck gibt es (abgesehen von Kindern) nur eine Person ohne Bankkonto, die vermutlich auch keines will. Während es bei uns statistisch keinen Obdachlosen gibt, leben in Globo 15 Menschen ohne Dach über dem Kopf beziehungsweise in einem Slum. 45 Globo-Bewohner haben unzureichenden Zugang zu sanitärer Versorgung, in Inns’Bruck gibt es statistisch immerhin eine Wohnung ohne Bade- und Duschgelegenheit. „Es ist allerdings nicht sicher, ob dort auch jemand wohnt, denn viele Wohnungen stehen leer. Nichtsdestotrotz hat uns das erstaunt“, so Exenberger.
Was die gesundheitliche Versorgung betrifft, geht es den Bewohnern von Inns’Bruck im globalen Vergleich hervorragend, auch wenn sich statistisch kein Arzt für 100 Einwohner ausgeht. Es gibt ein Krankenhaus, 100 Menschen haben hier Zugang zu Blutversorgung im Fall einer Operation, in Globo genießen nur 20 das Privileg.
Im Bereich der Bildung ist Innsbruck ebenso gesegnet. 24 Menschen – davon mindestens 12 Nicht-Innsbrucker – gehen hier zur Schule, 22 studieren an der Universität, die einen wissenschaftlichen und einen nicht-wissenschaftlichen Mitarbeiter beschäftigt sowie einen externen Lektor. „Für eine Stadt in einem entwickelten Land ist das zwar typisch, auf Globo bezogen aber alles andere als selbstverständlich“, verdeutlicht Exenberger.

Paradies mit Fehlern

Auch wenn es den Innsbruckerinnen und Innsbruckern – im Übrigen überwiegen die Frauen und stehen finanziell schlechter da als die Männer – verhältnismäßig gut geht, möchten es Andreas Exenberger und Josef Nussbaumer nicht verabsäumen, auch auf Probleme in Inns’Bruck hinzuweisen. Die Verteilungsgerechtigkeit sei natürlich auch in Innsbruck ein Problem, ebenso die hohen Miet- und Wohnkosten. „Einkommens- und Vermögensunterschiede würden sich wahrscheinlich pointiert darstellen lassen, wenngleich sie nicht so extrem sind wie in Globo“, mutmaßt Exenberger. „Allerdings gibt es nur wenige zuverlässige, öffentliche Datenquellen dazu.“ – Eine Situation, die übrigens auch auf weitere Themengebiete wie beispielsweise Energie- und Ölverbrauch zutrifft. „Viele Dinge sind regional und lokal schwieriger zu recherchieren als global“, bedauert Josef Nussbaumer und ergänzt, dass die statistische Beschreibung der Stadt Innsbruck sich zunehmend verschlechtert. „Von 1945 bis in die Mitte der 1990er Jahre gab es ein sehr detailliertes statistisches Handbuch, das aus Kostengründen nicht mehr herausgegeben wird. Das zeigt in gewisser Weise den Wert, den man der Transparenz und Reflektion der eigenen Situation beimisst.“

Innsbruck und die Welt

  Inns'Bruck Globo
Lebenserwartung bei der Geburt 81,6
67,9
Menschen im Sozialversicherungssystem 100 ca. 20
Kinder im schulpflichtigen Alter, die arbeiten müssen 0 von 8 4 von 20
arbeitslos oder existenzbedrohend unterbeschäftigt 3 von 62 17 von 52
Bauern 0 36
Menschen, die mit TBC-Erregern infiziert sind 0 33
Personen mit Zugang zu elektrischem Strom
100 73
Autos
45 11
Christen 76
30
Muslime 5 20

 

Weitere Einblicke in das Leben in Innsbruck und Globo geben der Artikel „Ist Innsbruck von dieser Welt“ in „Politik in Tirol. Jahrbuch 2012“ herausgegeben von Ferdinand Karlhofer und Günther Pallaver sowie das Buch „Unser kleines Dorf. Eine Welt mit 100 Menschen“ von Josef Nussbaumer, Andreas Exenberger und Stefan Neuner.

Dieser Artikel ist in der Februar -Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version steht unter folgendem Link zur Verfügung: wissenswert 1/2012