Gräphlich vernachlässigtes Tirol

In den Augen von Josef Nussbaumer und Stefan Neuner wissen die Tirolerinnen und Tiroler weniger über sich, als man im Zeitalter der Wissensgesellschaft vermuten möchte. Deshalb haben sie rund 8.000 Daten zur sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lage des Landes in 320 Graphen kondensiert. Im Interview sprechen sie u.a. über Neugier und die Tücken der Wissensgesellschaft.
Josef Nussbaumer und Stefan Neuner
Bild: Josef Nussbaumer und Stefan Neuner. (Foto: Eva Fessler)

Sie untertiteln ihren Band „Die Graphen von Tirol“ mit „ein Bilderbuch für Neugierige“, handelt es sich um ein harmloses Bilderbuch oder steckt eine Intention dahinter?

Stefan Neuner: Prinzipiell ist es so, dass wir selbst sehr neugierig sind. Ansonsten würde man so ein Buch nicht machen. Unser Hintergedanke ist aber schon der, dass wohl niemand von sich behaupten würde, er wäre nicht neugierig. So gesehen glauben wir, dass jeder Tiroler und jede Tirolerin in unserem Buch sicher etwas findet, auf das er/sie neugierig wäre.
Josef Nussbaumer
: Und im Sinne der Wissensvermehrung darf man ruhig ein bisschen neugierig sein und mehr erfahren über die Gesellschaft, in der man lebt. 

 

Glauben Sie, dass wir zu wenig über uns Bescheid wissen?

Nussbaumer: Ganz sicher.
Neuner
: Uns wird ständig weisgemacht, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es für jeden möglich wäre, an die Informationen zu kommen, die ihn interessieren. Die Realität schaut aber ganz anders aus. Nämlich so, dass wir von Informationen überschwemmt werden. Wir müssen unglaublich viel Zeit aufbringen, um an bestimmte Informationen zu kommen und herauszufinden, ob sie glaubwürdig sind.
Nussbaumer
: Ganz viele Daten, mit denen man tagtäglich in der Zeitung, in Fernsehen und im Netz beliefert wird, werden nicht mehr überprüft. Wir haben mehrfach recherchiert, zu den Graphen die Quellen angegeben und sie mit Warn- und Rufzeichen gekennzeichnet, wenn es sich um Datensätze handelt, die man hinterfragen oder zumindest mit einem lachenden Augen ansehen muss. Zum Beispiel die Statistik zu den im Straßenverkehr getöteten Hasen. Das stellt sich die Frage, wer so etwas wie erhebt. Unser Buch bietet einen gewissen redaktionellen Rahmen, in dem man sich über Tirol informieren kann.

 

Sie schreiben in Ihrer Einleitung, dass die eine oder andere Grafik willkürlich ausgewählt erscheinen mag. Was war ausschlaggebend für Ihre Auswahl?

Nussbaumer: Wir wollten einen möglichst großen Überblick über sozial und wirtschaftlich relevante Dinge geben, die es in dieser Zusammenstellung einfach so noch nicht gibt. Immer mit einem historischen Touch dabei. Die Willkür kommt automatisch, weil man genauso ein 600-Seiten-Buch hätte machen können. Der Witz daran ist, dass man in einer Hand ungeheuer viele Informationen hat,  die man sich relativ einfach anschauen kann.

 

Es gibt das geflügelte Wort: „Traue nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast?“ – Wie sehr trauen Sie den Statistiken, die Sie in Ihr Buch aufgenommen haben?

Nussbaumer: Also gefälscht haben wir bewusst keine (lacht). Der eine oder andere Fehler kann natürlich passieren, wir haben aber noch keinen gefunden. Also wenn irgendein Leser welche findet und uns aufmerksam macht, dann sind wir dankbar.
Man kann mit Statistiken und Grafiken unterschiedliches aussagen. Ich nenne nur ein Beispiel: Wir haben ganz bewusst die Zahlen zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit relativ und absolut angeführt. Wenn man die Prozentzahlen anschaut, dann hat die Arbeitslosigkeit seit 1950 kaum zugenommen. Wenn man das Thema absolut betrachtet, dann kann man eine enorme Steigerung sehen. Jetzt sind aber beide Statistiken nicht gemogelt, obwohl die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Das sieht man so schön, wenn man beide nebeneinander hat. Wenn ich nur eine Statistik bringe, habe ich eine einseitige Information, wenn ich beide bringe, dann sehe ich zumindest, was man mit den gleichen Zahlen alles tun kann. Insofern ist das ein kleiner pädagogischer Versuch. Wir wollten  aber nicht primär irgendetwas auf eine bestimmte Weise darstellen.

 

Was ist die größte Herausforderung bei der Übersetzung von Zahlen in Bilder bzw. Grafiken?

Neuner: Es ist die schiere Masse. Josef Nussbaumer hat in jahrelanger Kleinstarbeit eine Unmenge von Daten gesammelt und in dem Buch sind ca. 8000 verarbeitet. Unsere erste Aufgabe hat in der Auswahl und Schwerpunktsetzung bestanden. Bei der Umsetzung kam hinzu, dass unterschiedlichste Formate und Zeitangaben vorlagen, die von recherchierten Archivdaten bis hin zu Zahlen aus Zeitungsartikel reichten. Die zusammenzufassen war eine Riesenherausforderung. Sehr viel Zeit ging auch für die Auswahl und Erstellung der Hintergrundbilder drauf. Die sind alle von mir gestaltet.
Nussbaumer:
Du hast einmal gesagt, dass du ungefähr 1000 Stunden investiert hast. Die Datensuche hat sicher noch einmal so lange gedauert. Also wenn wir dieses Buch finanzieren hätten müssen, hätte  sich sicher kein externer Financier gefunden. Und man muss auch dazusagen: Die Graphen von Tirol sind nicht subventioniert. Nicht zuletzt aus dem ganz einfachen Grund, damit nicht irgendwer dann reinredet und sagt, das wollen wir raushaben oder reinhaben.

 

Sie lassen die Grafiken zum Betrachter sprechen. Hätte sie nicht die eine oder andere kommentieren wollen?

Neuner: Ein bisschen sind die Kommentare in den Überschriften enthalten. Und, ja, wir haben natürlich darüber gesprochen, ob es sinnvoll wäre, auf gewisse Sachen dezidiert hinzuweisen, haben uns aber dagegen entschieden, weil wir diese Grundintention gehabt haben: Die Leute sollen sich selber ein Bild machen.
Nussbaumer:
Also, wenn man das Buch zum Beispiel in Schulen verwendet, ist die unkommentierte Variante sicher idealer. Wenn alles bereits interpretiert ist, dann sind Schüler vorgeblendet. So können sie ein Aha-Erlebnis beim Durchschauen haben oder selbst Prozentsätze ausrechnen. Und unsere Idee wäre ja, dass man das Buch in Schulen oder Bibliotheken verwendet.
Neuner:
Es ist auch es kein Buch, das man von vorne bis hinten lesen muss, sondern ein Nachschlagewerk. Man sollte sich das aufs Nachkastl legen und jeden Tag ein Bild ein bisschen näher anschauen und wirken lassen. Es sollte in jedem Tiroler Haushalt sein.

 

Josef Nussbaumer ist außerordentlicher Professor am Institut für Wirtschaftstheorie, Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte. Stefan Neuner ist diplomierter Betriebswirt, selbstständiger Ökonom und angehender Wirtschafts- und Sozialhistoriker.

 

Das Gespräch führte Eva Fessler