Globalisierter Krieg

2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum einhundertsten Mal. Die Wissenschaft ist nicht untätig, mehrere Forschungsprojekte sind im Entstehen.
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Bild: Das höchste Geschütz im 1. Weltkrieg auf einer Bergspitze im Ortlergebirge auf 3.850 Metern Seehöhe. (Foto: Sammlung Matthias Egger)

Als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wird er bezeichnet, die Italiener, Briten und Franzosen nennen ihn „Großen Krieg“, in Russland wurde er, wie später auch der Zweite Weltkrieg, als „Großer Vaterländischer Krieg“ bezeichnet – der Erste Weltkrieg war ein Jahrhundertereignis, das nahezu das gesamte 20. Jahrhundert prägte. Ein Jahrhundert wird in zwei Jahren auch seit dem Ausbruch des Krieges vergangen sein, und auch die historische Weltkriegsforschung arbeitet auf dieses Gedenken hin. „Der Historiker und Diplomat George F. Kennan hat mit seinem Befund der ‚Urkatastrophe’ schon Recht: Die politischen Entwicklungen, die der Erste Weltkrieg mittelbar und unmittelbar auslöste, prägten das 20. Jahrhundert ganz entschieden, schufen die Voraussetzungen für den Zweiten Weltkrieg und den Ost-West-Konflikt“, hält Gunda Barth-Scalmani fest. Sie ist Professorin für österreichische Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie und an mehreren Forschungsprojekten zum Ersten Weltkrieg beteiligt.

Globalisierter Krieg

Pünktlich 2014 soll mit der englischsprachigen „International Encyclopedia of the First World War“ eine umfangreiche Enzyklopädie zum Krieg online gehen. Als eine von drei „Sectional Editors“ für Österreich-Ungarn und Italien ist Gunda Barth-Scalmani für die thematische Auswahl von Artikeln zum Ersten Weltkrieg in dieser Region und deren Qualitätssicherung als Reviewerin verantwortlich. „Das Besondere daran ist, dass der Erste Weltkrieg in diesem Projekt als Geschehen in globaler Dimension begriffen wird: Dieser Krieg fand nicht nur in Europa statt, sondern hatte weltweite Auswirkungen, etwa auf europäische Kolonien in Afrika, und es gab zum Beispiel auch k.u.k. Soldaten in Palästina, die auf Seiten der Osmanen kämpften“, erklärt sie. An dieser Enzyklopädie sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 15 Ländern beteiligt, in Summe sollen bis zu 500 wissenschaftliche Artikel zum Krieg entstehen – rein enzyklopädisch-beschreibende Artikel noch nicht mit eingerechnet.
In der öffentlichen Wahrnehmung, besonders im deutschsprachigen Raum, tritt der Erste Weltkrieg zudem häufig hinter den Zweiten Weltkrieg zurück. „Durch die Notwendigkeit, die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs aufzuarbeiten, trat der erste natürlich etwas in seinen Schatten“, sagt Gunda Barth-Scalmani. „Allgemein ist der Bezug zum Ersten Weltkrieg aber immer noch dort sehr stark, wo seine politischen Auswirkungen noch immer spürbar sind.“ Etwa in Tirol, wo die Trennung von Südtirol als direkte Folge des Krieges nach wie vor auch politisch immer wieder thematisiert wird, in Kärnten, wo gleiches mit dem „Abwehrkampf“ der Kärntner geschieht, oder in jenen ehemaligen Ostblock-Staaten und -Regionen, die bis Ende des Weltkriegs Teil des Habsburgerreiches waren und in denen die habsburgische Vergangenheit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder ins Bewusstsein rückte. „Im ehemaligen Kronland Galizien, besonders in Ostgalizien, das heute in der westlichen Ukraine liegt, hat diese Vergangenheit als Teil des Westens neben anderen Faktoren zu einer Westorientierung auch heute geführt“, erklärt die Historikerin.

Arbeitskraft aus Russland

Heute recht wenig bekannt ist deshalb zum Beispiel die Tatsache, dass im damaligen Habsburgerreich und auch in Tirol tausende russische Kriegsgefangene als billige Arbeitskräfte für Infrastrukturprojekte eingesetzt wurden. „Man darf sich das allerdings nicht als qualvolle Zwangsarbeit vorstellen, wie man das aus dem Zweiten Weltkrieg kennt“, sagt Gunda Barth-Scalmani. Zwar sei die Situation dieser Arbeiter keineswegs luxuriös gewesen, sie wurden allerdings für ihre Arbeit bezahlt und die Arbeit bot eine Alternative zu zermürbender Untätigkeit in den Kriegsgefangenenlagern. „Das entsprach auch der Haager Landkriegsordnung, die unter anderem den Umgang mit Kriegsgefangenen regelt.“ In der damaligen gefürsteten Grafschaft Tirol kamen hauptsächlich Gefangene aus Salzburger und oberösterreichischen Lagern zum Einsatz. „Die Grödnerbahn in Südtirol wurde fast ausschließlich von Russen gebaut – das ist außerhalb Grödens kaum bekannt und wird auch dort nicht aktiv kommuniziert, etwa durch eine Gedenktafel“, erklärt Gunda Barth-Scalmani. Nicht zuletzt, um das Schicksal dieser Kriegsgefangenen und das der österreichisch-ungarischen Gefangenen in Russland aufzuarbeiten, arbeitet das Innsbrucker Geschichte-Institut mit dem russischen „Zentrum Borodina“ in Meran zusammen. In gemeinsamen Tagungen mit russischen Historikerinnen und Historikern arbeiten die Innsbrucker Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem die Beziehungen zwischen dem Habsburgerreich und Russlands im Ersten Weltkrieg auf. „Es gibt noch Tagebücher und persönliche Gegenstände, die von der Zeit in Gefangenschaft erzählen – diese Erinnerungsspuren wollen wir im Rahmen einer gemeinsamen europäischen Geschichtsschreibung aufbereiten.“
Der gemeinsamen europäischen Geschichte verschreibt sich auch ein Projekt, das gerade im Rahmen des EU-Programms zur Förderung geisteswissenschaftlicher Forschung, HERA, beantragt wird. Forscherinnen und Forscher aus mehreren europäischen Ländern, darunter Gunda Barth-Scalmani, wollen sich dabei den Status von und den Umgang mit Minderheiten in kleinen europäischen Staaten in der Zwischenkriegszeit näher ansehen, darunter Österreich. „Viele der kleineren europäischen Länder sind nach dem Ersten Weltkrieg erst neu entstanden, und die meisten hatten nationale, ethnische und religiöse Minderheiten in ihren Territorien“, sagt sie. „In Wien gab es etwa besonders viele jüdische Flüchtlinge aus Galizien, daneben ist auch der Umgang des Staates mit Protestanten noch kaum erforscht.“

Dieser Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins zukunft forschung erschienen.