Freie Formen am Fuß der Serles

Zwei geschwungene Holzplatten, die durch rohrförmige Netze und scheinbar beliebig angeordnete Stützen verbunden sind: Der zehn Meter hohe cut.enoid.tower steht seit Anfang Juli nahe der Bergstation der Serlesbahnen Mieders. Realisiert wurde die Skulptur im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Architekturfakultät der Universität Innsbruck.
Der cut.enoid.tower entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Fakultät für Architektur.
Bild: Der cut.enoid.tower entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Fakultät für Architektur. (Foto: Günther Filz)

Auch wenn der Turm aufgrund der angebrachten Klettergriffe von vielen „nur“ als Kletterturm wahrgenommen wird, handelt es sich dabei um eine kreative, temporäre Skulptur mit komplex geometrischem und konstruktivem Hintergrund.

Die wissenschaftliche Vorarbeit für den Prototyp leistete Ass.-Prof. Dr. Günther Filz vom Institut für Gestaltung der Uni Innsbruck bereits während seiner Dissertation. In seiner Lehrveranstaltung „Übung zu Konstruktion und Gestaltung“ nutzte der Architekt seine Idee, um den 25 StudentInnen die Umsetzung freier Formen näher zu bringen „Mir war wichtig, dass die Studierenden die Probleme bei der Realisierung freier Formen verstehen lernen. Eine gekrümmte Linie ist schnell gezeichnet, die Umsetzung erfordert aber einiges an Know-How“, so Filz. Ergebnis der Übung ist der cut.enoid.tower, der kürzlich nahe der Bergstation der Serlesbahnen in Mieders offiziell eröffnet wurde.

Handarbeit

Eine Besonderheit der Skulptur sind die vorgespannten, rohrförmigen Netze – sogenannte Katenoide - , die sich zwischen die beiden zehn Meter hohen Holzplatten spannen. „Ich arbeite intensiv an Leichtbauweisen, wie sie beispielsweise vom Olympiapark München bekannt sind. Die Auslotung der Möglichkeiten, diese in ansprechender Weise mit der herkömmlichen Formenwelt zu verknüpfen, ist Gegenstand meiner Forschungstätigkeit. Ein besonders interessanter Teilaspekt davon sind die Katenoide. Es handelt sich dabei um Formen aus der Familie der Minimalflächen, die mich schon seit meiner Dissertation beschäftigen“, beschreibt Filz, der für sein Forschungsprojekt auch vom Tiroler Wissenschaftsfonds unterstützt wurde.

Vereinfacht gesagt kann man bei vorgegebenen Randbedingungen logischerweise nur eine Fläche mit minimalem Flächeninhalt finden. Im Fall der Katenoide ergeben sich dadurch räumlich gekrümmte, rohrförmige Elemente. „Diese Formen sind für uns sowohl ästhetisch interessant, haben aber auch konstruktive Vorteile, da sie in alle Richtungen idente Spannung aufweisen“, beschreibt der Architekt Günther Filz. Da bei den katenoiden Netzen keine Masche der anderen gleicht, mussten diese Netze per Computermodell berechnet, ausgewertet und dann von Hand geknüpft werden. Eingesetzt wurden die Netze in frei geformte von der Natur inspirierte Ausschnitte in den Holzplatten.

Das Stützensystem des Turms ist ebenfalls eine Besonderheit. Bei den auf den ersten Blick als zufällig und windschief angeordneten Stützen handelt es sich um ein innovatives, fachwerkähnliches System, das sich durch die spezielle irreguläre Anordnung sperrt. „Das System sieht nur zufällig aus. Die Stützen funktionieren aber nur durch diese Form der Anordnung – eine Beobachtung, die bei uns am Institut durch Eda Schaur gemacht und seitdem weiterverfolgt wird“, so Filz.

Breite Unterstützung

Als klar war, dass die Umsetzung des zehn Meter hohen und drei Meter breiten Turms im Rahmen der Lehrveranstaltung möglich ist, schlug Günther Filz den Serlesbahnen Mieders vor, den cut.enoid.tower nahe der Bergstation zu errichten.

Der 10 Meter hohe Turm lädt zum Sitzen ein.

Foto: Günther Filz

 

 „Sowohl der Leiter der Bergbahnen als auch der Bürgermeister von Mieders und die Vertreter der Agrargemeinschaft als Grundbesitzer waren von der Idee begeistert und stimmten zu“, so Filz. „Natürlich stießen wir an einigen Punkte der Umsetzung sowohl finanziell als auch technisch an unsere Grenzen – dank der Unterstützung durch die Firmen Carl Stahl, Radiusholz, Doka, Porr, Schafferer und Felbermayr konnte wir unser Projekt aber trotzdem umsetzen.“ Die aufwändige Projekt-Statik wurde von dem renommierten Büro ArtEngeneering von Dr. Switbert Greiner aus Stuttgart übernommen.

Der Turm, der noch bis Herbst nahe der Bergstation der Serlesbahnen Mieders stehen soll, wird von der Bevölkerung und den Touristen gut angenommen. „Er wird sowohl zum Klettern als auch zum Sitzen und Liegen genutzt. Die Netze laden dazu ein, sich auszuruhen und die Aussicht zu genießen“, freut sich Günther Filz, der auch für verschiedene Nachnutzungsmöglichkeiten offen ist.