Fortschreitender Klimawandel bedroht Europas Gebirgsflora

Die Bergpflanzen Europas wandern in höhere Lagen – das konnten Wissenschaftler im Forschungsprojekt GLORIA nun nachweisen und im Fachjournal Science publizieren. Das Höhersteigen der Arten führt oft zu einem Anstieg der Artenzahl in den Gipfelbereichen. Es kann aber auch zu einem Rückgang der Artenvielfalt führen.
Mag. Peter Unterluggauer beim Ausmessen der Gipfelsektoren unterhalb vom höchsten Gipfelpunkt - am höchsten Gipfel in den Dolomiten - 2893 m.
Bild: Mag. Peter Unterluggauer beim Ausmessen der Gipfelsektoren unterhalb vom höchsten Gipfelpunkt - am höchsten Gipfel in den Dolomiten - 2893 m.

Grundlage der Publikation waren detaillierte Untersuchungen auf 66 Berggipfeln zwischen Nordeuropa und dem südlichen Mittelmeergebiet in den Jahren 2001 und 2008. Das internationale ForscherInnenteam unter der Leitung von BiologInnen des Departments für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien und dem Institut für Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erhob alle Pflanzenarten in den oberen Gipfelbereichen nach einer standardisierten Aufnahmemethodik. Koordiniert wurde die Arbeit von Harald Pauli, Michael Gottfried, Stefan Dullinger und Georg Grabherr. Auch ein Innsbrucker Team ist an den Erhebungen beteiligt: Brigitta Erschbamer, Martin Mallaun und Peter Unterluggauer vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck untersuchten vier Berggipfel in den Dolomiten.

Pflanzenvielfalt in der Mittelmeerregion geht zurück

Eine Zunahme der Artenzahlen konnte nur auf den Bergen Nord- und Zentraleuropas festgestellt werden. Im Gegensatz dazu stagnierte oder verringerte sich die Anzahl der Arten auf so gut wie auf allen untersuchten Bergen der mediterranen Region. „Der Rückgang auf den Gipfeln im Süden Europas ist besonders beunruhigend, weil die Gebirge im Mittelmeergebiet eine einzigartige Pflanzenwelt beherbergen, die zu einem Großteil aus nur dort lebenden Arten besteht – diese Bergblumen finden sich nirgendwo sonst auf der Erde", sagt Harald Pauli vom internationalen Forschungsprogramm GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) und Erstautor der Studie.

Die Gipfelfluren weiter nördlich, etwa in den Alpen oder in Skandinavien, erfuhren hingegen eine Anreicherung der Flora. „Auch in den Dolomiten stieg die Artenvielfalt auf allen vier Berggipfeln an“, bestätigt Brigitta Erschbamer. „Besonders markant war die Zunahme auf den höchsten Gipfeln in den Dolomiten auf 2757 m bzw. 2893 m Meereshöhe“, erklären Peter Unterluggauer und Martin Mallaun. Aufgrund dieses Ergebnisses stellt sich die Frage, ob das ein Anzeichen dafür ist, dass Alpenblumen in den Dolomiten bzw. im Norden Europas weniger gefährdet sind. „Ich fürchte nein", sagt Michael Gottfried vom GLORIA-Koordinationsteam, „weil die neu hinzukommenden Pflanzen überwiegend weit verbreitete Arten aus tieferen Lagen sind, die den Konkurrenzdruck auf die selteneren kälteliebenden Alpenblumen erhöhen."

Schnee sichert das Überleben der Pflanzen auf mediterranen Bergen

Die hohen mediterranen Gebirge sind kleinflächige kalte Lebensräume, die sich wie Inseln im viel wärmeren Umland verteilen. Regenarme Sommer sind charakteristisch für die gesamte Region um das Mittelmeer. In den Hochgebirgen fällt fast der gesamte Niederschlag in Form von Schnee im Winter und Frühjahr. Das Schmelzwasser ist deshalb für die mediterranen Hochgebirgspflanzen essentiell für die Wachstumsperiode während der trockenen Sommer.

Weniger Schnee vermindert Flora

„Die Artenverluste wurden überwiegend auf den niedrigeren Gipfeln beobachtet, wo wir einen stärkeren Wassermangel erwarten als auf den schneereicheren höheren Gipfeln", fügt Pauli hinzu. Ein Großteil der mediterranen Gebiete erfuhr in den letzten Jahrzehnten sowohl einen Temperaturanstieg als auch einen Rückgang der Niederschläge. Die Prognosen für die folgenden Dekaden lassen auf eine Fortsetzung dieses Trends schließen. Damit ist von einer weiteren drastischen Einengung der Habitate für kälteliebende Pflanzen auszugehen.

Georg Grabherr, Leiter von GLORIA, sagt abschließend: „Drastische Auswirkungen des Klimawandels auf die Pflanzenwelt der Berge sind nicht nur in Europa, sondern weltweit zu erwarten, sei es durch Effekte der Erwärmung oder in Kombination mit Trockenstress. Wenn auch möglicherweise manche Gebirgspflanzen standhalten können oder neue Habitate finden, ist eine Fortsetzung des Arten-Monitoring jedenfalls unerlässlich für die Erfassung und Aufklärung der ökologischen Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt des Pflanzenlebens der Gebirge."

Das GLORIA-Netzwerk

GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) umfasst ein Netzwerk der internationalen ökologischen Klimafolgenforschung, das sich auf die Auswirkungen des Klimawandels auf Gebirgsökosysteme und ihre Artenvielfalt spezialisiert hat. Vor etwa zehn Jahren wurde das GLORIA-Netzwerk in Europa gegründet und die Beobachtungsstandorte der gegenwärtigen Studie eingerichtet. Mittlerweile kommt das standardisierte GLORIA Monitoring-Programm weltweit in über 100 Untersuchungsgebieten auf sechs Kontinenten zur Anwendung. Die mehr als 100 Forschungsteams wiederholen die Untersuchungen in Abständen von fünf bis zehn Jahren.