Europäische Wurzeln der Diplomatie

Konstantinopel, heute Istanbul, war in der frühen Neuzeit neben Rom das Zentrum der Diplomatie schlechthin. Die Entwicklung diplomatischer Gepflogenheiten sowie der Einfluss von Diplomaten auf Krieg und Frieden können hier beobachtet und nachvollzogen werden. Genau das macht die Historikerin Prof. Harriet Rudolph: Sie erforscht die Institutionalisierung der Diplomatie in der Neuzeit.
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Bild: Konstantinopel (heute Istanbul) war in der frühen Neuzeit ein Zentrum der Diplomatie. Im Bild ein Audienzsaal des Sultans im Topkapı-Palast, heute UNESCO-Weltkulturerbe. (Bild: flickr.com/MiGowa)

Für einen europäischen Adeligen muss es eine erniedrigende Erfahrung gewesen sein: An beiden Armen von osmanischen Hofbeamten gepackt und vor dem Sultan auf den Boden geworfen zu werden – dieses Zeremoniell war sonst in Europa nicht üblich: „In der Tat verlangte der Sultan unbedingte Unterwerfung, auch von an seinem Hof akkreditierten Diplomaten“, erklärt Prof. Harriet Rudolph vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie. Eines ihrer Forschungsgebiete  ist die Entwicklung der Diplomatie in der frühen Neuzeit, und die diplomatischen Beziehungen zwischen europäischen Mächten und dem Osmanischen Reich bieten sich hier aus mehreren Gründen als Forschungsgegenstand an: „Konstantinopel fungierte spätestens ab dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts als Zentrum der Diplomatie. Wer etwas auf sich hielt und außenpolitische Ambitionen hegte, schickte einen Residenten an die Hohe Pforte“, erläutert Harriet Rudolph. Schließlich befand sich das Osmanische Reich unter Süleyman dem Prächtigen an der Spitze seiner Macht. Konstantinopel diente als Drehscheibe zwischen Orient und Okzident, wobei es den fremden Machthabern sowohl um die Sicherung ihrer Handelsinteressen vor Ort als auch um machtpolitische  Ziele ging. „Interessant hierbei ist, dass die europäischen Mächte das Osmanische Reich meist durchaus als Teil Europas begriffen – diese Einstellung sollte sich erst später ändern.“ Dabei stellt die gerade an diesem Beispiel besonders gut beobachtbare Verdichtung der diplomatischen Beziehungen einen wesentlichen Faktor der Herausbildung eines europäischen Staatensystems in der frühen Neuzeit dar.

Schwierige Situation

Die Situation der Diplomaten in Konstantinopel war im ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert keinesfalls leicht, setzt in dieser Phase doch eine lang andauernde Krise des Osmanischen Reiches ein. Nach Süleymans Tod kam es zu immer rascheren Wechseln auf dem Sultansthron sowie im Amt des Großwesirs, der für die Außenpolitik des Osmanischen Reiches zuständig war. „Die sich ständig verändernden Machtkonstellationen am Sultanshof erschwerten auch die Arbeit der Diplomaten, denn schließlich mussten ständig neue Kontakte geknüpft werden“, sagt Harriet Rudolph. Unabdingbar waren dabei wertvolle Geschenke an hohe Funktionäre des Reiches, mit denen soziale Beziehungen hergestellt, erhalten oder aber konkrete Gegenleistungen wie etwa Informationen über aktuelle außenpolitische Ziele des Sultans belohnt werden sollten. 

Die Sultane selbst gewährten in der Regel nur dann eine Audienz, wenn zuvor ein Geschenk überreicht worden war. Lediglich die französischen Diplomaten wurden auch so empfangen, da Frankreich als Verbündeter des Osmanischen Reiches galt. Die unübersichtlichen politischen Verhältnisse, die abweichenden Vorstellungen der Hohen Pforte über den Status von Gesandten und die ständige Konfrontation mit einer als fremd und bedrohlich empfundenen Kultur förderte die Herausbildung eines heute selbstverständlichen Phänomens: „Die Diplomaten begannen, einen Korpsgeist zu entwickeln und sich im Konfliktfall gegenseitig zu unterstützen – auch unabhängig von den aktuellen Beziehungen zwischen ihren Entsendeländern.“ So wurde am Hof des Sultans die sonst eingeführte Gepflogenheit der diplomatischen Immunität nicht geachtet: Im Fall eines Kriegs ließ der Sultan den Botschafter des jeweiligen Landes mitunter kurzerhand als Geisel festsetzen. So zwang Sultan Murad III. am Beginn des „Langen Türkenkriegs“ (1593–1606) den kaiserlichen Gesandten Friedrich von Kreckwitz, ihn auf seinen Feldzügen zu begleiten, wo Kreckwitz bereits 1594 verstarb. „Dessen Bedienstete, die der Großwesir Sinan Pascha als Galeerensklaven hatte verkaufen lassen, kamen jedoch aufgrund einer Intervention des englischen Botschafters wieder frei“, ergänzt Harriet Rudolph.

Gesandte in Europa

Die Hohe Pforte selbst unterhielt bis 1793 keine ständigen Vertretungen in Europa, weil sich die Sultane allen anderen Herrschaftsträgern als rangmäßig überlegen betrachteten. Punktuelle Gesandtschaften gab es allerdings. „Nach Wien entsandte die Pforte relativ früh Gesandte, wenn auch zunächst solche mit niedrigem sozialem Status, etwa Übersetzer. Das zeigt die Bedeutung, die dem Heiligen Römischen Reich beigemessen wurde. Nach dem Frieden von 1606 gestand der Sultan dem Kaiser formal Gleichrangigkeit zu und entsandte nun ebenfalls repräsentative Gesandtschaften nach Wien“, erläutert Harriet Rudolph. Dabei blieb das Verhältnis bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts konfliktreich und damit auch die Lage der Diplomaten in Konstantinopel schwierig.

„Danach wurde der machtpolitische Niedergang des Osmanischen Reiches immer evidenter, wobei es nun als möglicher Bündnispartner bei Kämpfen zwischen den europäischen Großmächten an Bedeutung gewann.“ Diese Entwicklungen spiegelten sich in den diplomatischen Beziehungen wider: Wurden im 16. Jahrhundert die fähigsten Diplomaten an die Hohe Pforte gesandt, so war persönliche Eignung im 18. Jahrhundert nicht mehr das wichtigste Auswahlkriterium. „Auch das Bild der europäischen Mächte vom Osmanischen Reich wandelte sich: Nach dem Ende der osmanischen Expansion hatte sich die angstbesetzte Vorstellung vom barbarischen, gleichwohl kampfstarken Türken überholt“, beschreibt Harriet Rudolph. Die Türkenbilder, die westliche Diplomaten an der hohen Pforte in ihren Berichten entwarfen, waren allerdings schon zuvor vielfältiger und mitunter auch deutlich positiver gewesen. Schließlich fanden sich im Osmanischen Reich zum Beispiel frühe Ansätze für einen exterritorialen Status von Residenten, denn diese wurden nicht vor osmanische Gerichte zitiert oder in ihrer Religionsausübung gehindert. Auch das macht den besonderen Reiz einer Erforschung von diplomatischen Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und westeuropäischen Mächten in der Vormoderne aus.

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe von zukunft forschung erschienen. Eine Online-Version des Forschungsmagazins ist unter folgendem Link verfügbar: zukunft 02/11