Architektur 2.0

Die vielschichtige Wechselwirkung zwischen Migration und Architektur steht im Fokus der Forschungsarbeit von Peter Volgger vom Institut für Architekturtheorie und Baugeschichte. Anhand eines afrikanischen Dorfes innerhalb der Stadt Bozen und der Rekonstruktion einer vertikalen Stadt zeigt er, wie weit Architekturtheorie gehen kann.
Der Gebetskreis diente in der Urbanisierungsphase und der damit verbundenen Landflucht im Senegal als Organisationsform für die muridischen Auffangnetze in den Städten. Foto: Peter Volgger
Bild: Der Gebetskreis diente in der Urbanisierungsphase und der damit verbundenen Landflucht im Senegal als Organisationsform für die muridischen Auffangnetze in den Städten. Foto: Peter Volgger

Auf den ersten Blick scheint kein evidenter Konnex zwischen Migration und Architektur zu bestehen. Längst ist diese Ansicht jedoch überholt. Menschen verweilen nicht mehr nur an einem Ort, sondern sind in Bewegung von einem Ort zum nächsten. Migration ist Bestandteil ihrer Realität geworden. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Architektur wider. Peter Volgger vom Institut für Architekturtheorie und Baugeschichte der Universität Innsbruck verfolgt diese Tendenz schon seit einiger Zeit. Einerseits befasst er sich mit Migration im urbanen Kontext anhand der afrikanischen Migranten in Italien, andererseits interessiert ihn die Frage nach der Existenz von sogenannten vertikalen Städten in Italien. „Ich beschäftige mich, gemeinsam mit meinen Kollegen, mit Phänomenen, die die Grenzen der Architektur überschreiten. Es geht nicht nur um Migration und Stadt im konventionellen Sinn, sondern es geht um Phänomene, die transurban sind und die Grenzen der Stadt verlassen. Folgt man diesem Gedanken, wird die Stadt dadurch randlos und ermöglicht der Architektur neue Herangehensweisen.“ Diese transurbanen Erscheinungen tauchen nicht nur in Großstädten und Ballungsgebieten auf. Man findet die gleichen Phänomene sowohl in Metropolen wie New York oder Paris als auch in viel kleineren Städten wie Bozen. „In Bozen gibt es vermehrt afrikanische Migranten, vor allem Senegalesen. Heute spricht man von den sogenannten Transmigranten. Das sind Menschen, die die neuen Transportmittel und Kommunikationstechniken nutzen, um sich auf diese Weise zu vernetzen“, erklärt Volgger. Migrationsmuster stellen sich heute im Zuge der Globalisierung komplexer und vielschichtiger dar, als dies früher der Fall war. Menschen migrieren oft mehrmals, pendeln zwischen Orten und bauen – auch aufgrund dieser neuen Migrationsmuster – über mehrere Sozialräume ihre Identitäten auf. Die Senegalesen sind ein idealtypisches Beispiel für Transmigranten, die über die nationalen Grenzen hinweg ihre Verbindung zum Ursprungsland bewahren und zwischen Herkunftsland und Aufenthaltsland dynamische Netzwerke etablieren.

Dorfstrukturen im Städtischen

Bereits in seiner Dissertation untersuchte der Architekt, Kunsthistoriker und Philosoph den Zusammenhang von Stadt und Migration am Beispiel afrikanischer Migranten in Italien und konnte darin das Vorhandensein eines autonomen afrikanischen Systems innerhalb der Stadt Bozen nachweisen. „Anhand dieser Studien habe ich gezeigt, dass sich senegalesische Migranten gegebene Strukturen aneignen und diese zu ihren machen. Sie bilden auf topologischer Ebene ein afrikanisches Dorf, indem sie ihre Wohnungen auf die Weise verknüpfen, die sie aus aus ihrem Herkunftsland kennen. Die Senegalesen entwickeln dabei Bausteine, die sie überall auf der Welt wiederholen.“ Diese Bausteine sind sowohl religiöse Zirkel oder Gebetskreise als auch Wohngruppen, anhand derer die Senegalesen ihr Dorf organisieren und Dorfstrukturen bilden. Mit seiner aktuellen Forschungsarbeit zum Thema Migration und Architektur möchte er den Weg der Dissertation fortsetzen und erweitern. Es geht um die Frage, wie sich Migranten den Bestand einer Situation aneignen und diesen verändern. „Mit dem Integrationsimperativ zu arbeiten, führt hier nicht weiter. Uns interessiert nicht die Anpassung an gegebene Strukturen, sondern vielmehr der Wandel des Urbanen durch den Einfluss der Senegalesen. Was machen sie aus unserer Stadt?“, erläutert der Südtiroler die Fragestellung des Projekts.

Turm von Babel

Die zweite Analyse des Projekts geht auf die Frage nach der Existenz von vertikalen Städten in Italien ein. Diese vertikalen Städte entstehen dadurch, dass sich der Urbanismus in ein Gebäude faltet. Ein bestehendes Gebäude verliert seine ursprüngliche Funktion und wird von den Migranten eigenmächtig genutzt. Es handelt sich zumeist um Formen der Hausbesetzung. Solche Situationen ereignen sich an topologischen Rissstellen. Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte „Hotel House“ in Porto Recanati an der Adria. „Das Gebäude wird von der Bevölkerung der Turm von Babel genannt, weil sich dort in ca. 480 Wohnungen, verteilt auf siebzehn Stockwerke, ungefähr 2000 Menschen unterschiedlichster Herkunft aufhalten.“ Dabei entstehen Mikroökonomien innerhalb einer vorgegebenen Architektur, da die Transmigranten eigene Handelsnetzwerke aufbauen und eigene Kulturzentren im Haus errichten – ein kleines Afrika inmitten von Italien. „Zurzeit widmen wir uns der Analyse des ‚Hotel House‘. Die Gemeinde hat den Kontakt abgebrochen und das Gebäude mitsamt seinen Bewohnern sich selbst überlassen. Es versinkt im Chaos und wird gerade dadurch für uns – auch aus soziologischer Sicht – interessant“, erläutert der Architekt. Die großangelegte Forschungsstudie soll im Dezember 2014 zum Abschluss kommen. Finanzielle Unterstützung erfährt das Projekt aus den Forschungsfördermitteln der Nachwuchsförderung der Universität Innsbruck.