Alpine Urwiesen und Felsfluren europaweit gefährdet

Der Klimawandel verändert die Gebirgsvegetation deutlicher und schneller als erwartet. Das zeigen jüngste Ergebnisse des internationalen Forschungsnetzwerkes GLORIA, die in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals „Nature Climate Change“ veröffentlicht wurden. Zwei GLORIA-Gebiete werden von einem Team des Innsbrucker Instituts für Botanik betreut.
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Bild: Martin Mallaun vom Innsbrucker Forschungsteam bei der Feldforschung in der Texelgruppe.

In der ersten paneuropäischen Studie zum Vegetationswandel im Hochgebirge zeigt ein internationales Team unter der Leitung von Forschenden der Universität Wien, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie des Instituts für Gebirgsforschung: Mensch und Umwelt (IGF), dass die Auswirkungen des Klimawandels auf die alpine Vegetation stärker sind als ursprünglich angenommen. Im Vergleichszeitraum 2001 bis 2008 fanden sie auf kontinentalem Niveau deutliche Anzeichen, dass kälteadaptierte Pflanzen von Wärme liebenden Arten zunehmend aus ihren Lebensräumen verdrängt werden.
Insgesamt 867 Probeflächen auf 60 verschiedenen Gipfeln in allen größeren europäischen Hochgebirgen wurden für die Studie von den beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Forschungsnetzwerks GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) untersucht. Prof. Brigitta Erschbamer und ihr Team vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck betreuen zwei GLORIA-Gebiete: eines in den Dolomiten und eines im Naturpark Texelgruppe in Südtirol.

Zunahme Wärme liebender Pflanzenarten

„Wir haben eine Zunahme Wärme liebender Pflanzenarten in größeren Höhen erwartet, aber nicht in diesem Ausmaß und in so kurzer Zeit”, verdeutlicht Michael Gottfried vom Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien das zentrale Ergebnis der Forschungsarbeit.
Biologinnen und Biologen aus 13 Ländern beobachten im Rahmen der Studie die alpine Vegetation, also niedrigwüchsige Pflanzengemeinschaften im Hochgebirge oberhalb der Baumgrenze. „Viele kältetolerante Arten wandern buchstäblich in den Himmel. In einigen der niedrigeren europäischen Gebirge können wir beobachten, wie die offene alpine Graslandschaft verschwindet und Zwergsträucher den Lebensraum in wenigen Jahrzehnten erobern werden”, warnt Michael Gottfried, der Erstautor der in „Nature Climate Change” erschienenen Publikation.

Das kann auch Prof. Brigitta Erschbamer für die von ihr betreuten Gebiete bestätigen: In den Dolomiten wurde die fortlaufende Änderung der Flora auf vier ausgewählten Berggipfeln bereits dreimal erhoben, in den Jahren 2001, 2006 und 2008; im Naturpark Texelgruppe zweimal, 2003 und 2011. „Insgesamt zeigte sich in beiden Gebieten ganz klar eine Thermophilisierung: Arten mit bisherigem Verbreitungsschwerpunkt in der montanen und subalpinen Stufe wanderten in höhere Lagen hinauf“, sagt Erschbamer. Ihr Team fand beispielsweise nach 5 bis 8 Jahren Jungwuchs von Lärche und Zwergwacholder bereits auf 2750 m (Dolomiten) beziehungsweise 3000 m (Texelgruppe) Meereshöhe.

Europaweite Entwicklung

Die GLORIA-Studie mit dem Titel “Continent-wide response of mountain vegetation to climate change” ist weltweit die bislang breitest angelegte ihrer Art. Sie bestätigt den direkten Zusammenhang zwischen erhöhten Sommertemperaturen und der Veränderung alpiner Lebensgemeinschaften und demonstriert diese Entwicklung erstmals für den gesamten europäischen Kontinent. "Unsere Arbeit belegt, dass der Klimawandel auch die entlegensten Winkel der Biosphäre beeinflusst", sagt Georg Grabherr, Gründer und Leiter von GLORIA.
Die Thermophilisierung – ein von GLORIA-Forschenden geprägter Begriff – wurde erstmalig quantitativ erfasst und als messbarer Indikator definiert. Alle 32 an der Studie beteiligten AutorInnen wandten dieselbe Methodik auf genau dokumentierten Probeflächen an, wodurch eine europaweite Vergleichbarkeit erst möglich wurde. „Wir hoffen, dass unser Thermophilisierungs-Indikator von anderen Forschungsgruppen weltweit übernommen und auf diese Weise ein globaler Vergleich möglich wird“, sagt Harald Pauli vom Institut für Gebirgsforschung der ÖAW. Bemerkenswert ist, dass die Thermophilisierung von der Seehöhe unabhängig ist – sie findet von der Baumgrenze bis zu den höchsten Gipfeln statt; ebenso von der geographischen Breite – von Schottland bis zu den Gebirgsregionen Kretas.

Über GLORIA

Das GLORIA-Programm (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) ist ein Netzwerk von mehr als 100 Forschungsgruppen aus sechs Kontinenten, dessen Ziel ein weltweites Monitoring der Gebirgsregionen ist. Seit der Gründung 2001 hat es einen standardisierten und langfristigen Ansatz zur Beobachtung von Gebirgsvegetation und ihrer Reaktion auf den Klimawandel entwickelt und umgesetzt. Die europäischen Untersuchungen werden im Jahr 2015 wiederholt, um den Fortgang der Entwicklung aufzuzeigen.