Wissenschaftlicher Nachwuchs erforscht Kitzbühels Bergbaugeschichte

Vier junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Forschungszentrums HiMAT erhalten für die Erforschung des prähistorischen und historischen Bergbaus in Kitzbühel ein sogenanntes DOC-team-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie sind die erste DoktorandInnengruppe der Universität Innsbruck, die eine derartige Förderung erhält.
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Bild: Kupfer wurde im Raum Kitzbühel in prähistorischen Zeiten sowie im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit abgebaut.

Kitzbühel war nicht nur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, sondern bereits in prähistorischen Zeiten ein wichtiges Bergbauzentrum: Die Anfänge des Kupfererzbergbaus reichen hier bis in die Zeit zwischen 1300 und 1100 vor Christus zurück. Zu Beginn der späten Bronzezeit entwickelte sich das Bergbaurevier Kitzbühel zu einem montanen Industriezentrum, von dem noch heute zahlreiche Überreste in der gesamten Region zeugen. Umfangreiche prähistorische Funde sind von den Erzscheidehalden auf der Kelchalpe bei Aurach bekannt und können in den Museen von Kitzbühel und Jochberg bewundert werden. Ein kürzlich entdeckter Schmelzplatz unweit der Wagstättalm bei Jochberg wird in diesem Sommer von Doktorand Thomas Koch-Waldner vom Institut für Archäologien im Rahmen des DOC-team-Projekts genauer erforscht: Während einer mehrwöchigen Ausgrabungskampagne fördern er und seine Grabungsgruppe prähistorische Werkzeuge, Keramik, Holzreste und Schlackenstücke zu Tage, die es exakt zu datieren gilt. Darüber hinaus will Koch-Waldner durch weitere Geländeprospektionen und Ausgrabungen die Struktur des Bergbaureviers mit Abbauplätzen, Verhüttungsanlagen und den dazugehörigen Siedlungen aufklären. „Derzeit sieht es so aus, als ob Erzabbau und -verhüttung an verschiedenen Orten angesiedelt waren. Oberhalb von Jochberg wurden auf beiden Talseiten zahlreiche Schmelzplätze entdeckt, es gibt aber noch keine Beweise für prähistorische Erzgewinnung. Auf der Kelchalpe hingegen gibt es bislang nur Funde, die auf Erzabbau und -aufbereitung schließen lassen“, schildert Koch-Waldner eines von vielen ungeklärten Rätseln, denen er in den nächsten drei Jahren auf den Grund gehen möchte. Er begibt sich mit seinem Vorhaben übrigens in prominente Fußstapfen: Bereits zwischen 1930 und 1970 erforschten Montanarchäologen, vor allem der zur lokalen Legende avancierte Wiener Universitätsprofessor Richard Pittioni, den prähistorischen Bergbau. Voraus hat ihnen der moderne Archäologe nicht nur neue und wesentliche genauere Datierungsmethoden, sondern auch die Unterstützung von drei Wissenschaftlerinnen aus anderen Disziplinen, die es erst ermöglichen, ein ganzheitliches Bild der gesamten Montanlandschaft und ihrer räumlichen und zeitlichen Entwicklung zu entwerfen.

Die Situation der Bergleute im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

Anita Haid vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie führt im Rahmen ihrer Dissertation eine umfassende sozioökonomische Studie zum Bergbau im Raum Kitzbühel im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit durch. Die soziale Integration der Bergarbeiter steht dabei ebenso im Mittelpunkt der Arbeit wie deren Versorgung. Wichtige Quellen für Haids Forschungsvorhaben sind verschiedene Dokumente im Kitzbüheler Stadtarchiv sowie die Akten des sogenannten Berggerichts, die im Tiroler Landesarchiv aufbewahrt werden. „In Hinblick auf den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bergbau haben wir eine einzigartige Überlieferungssituation, die von Briefen von Bergleuten bis hin zu Berggerichtsakten reicht “, berichtet Anita Haid, die durch die Aufarbeitung der unfangreichen historischen Bestände die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter rekonstruieren wird. Darüber hinaus will Haid die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse ergründen, die der florierende Bergbau für die landwirtschaftlich geprägte Region mit sich brachte.

Aufschlussreiche Pollen

Den Auswirkungen des prähistorischen und des historischen Bergbaus auf die Vegetationsgeschichte der Region Kitzbühel geht Barbara Viehweider vom Institut für Botanik in ihrem Dissertationsprojekt auf den Grund. Die Zerstörung der natürlichen Vegetation durch Erzabbau, -aufbereitung und -verhüttung ist ebenso Untersuchungsgegenstand wie die Ausbeutung der Wälder und die alpine Weidewirtschaft. Grundlage ihrer Arbeit bilden Pollenanalysen und geochemische Auswertungen von Proben aus Torfablagerungen. „Bestimmte Zeigerpflanzen deuten auf Erzvorkommen, menschliche Aktivitäten oder die Art der Landnutzung hin“, verdeutlicht Viehweider, deren Ergebnisse es ermöglichen werden, Bergbauphasen zu identifizieren und zu datieren. Darüber hinaus ermöglichen Viehweiders Untersuchungen Vergleiche zwischen prähistorischem und mittelalterlichem/frühneuzeitlichem Bergbau.

Verwendbare Daten

Anja Masur vom Arbeitsbereich Vermessung und Geoinformation am Institut für Grundlagen der Bauingenieurwissenschaften wird einen besonders innovativen Teil der Studie durchführen. Sie wird alle Daten der anderen Teammitglieder in einer Datenbank zusammenführen und mit Hilfe eines Geografischen Informationssystems (GIS) räumlich darstellen. „Mein Dissertationsprojekt hat eine verbesserte und verlustfreie Datenaufbereitung zum Ziel“, erläutert Masur. So stellt sie für das gesamte Team ein Werkzeug zur Verfügung, das die Beantwortung von disziplinübergreifenden Fragestellungen erst möglich macht. Dabei wird die im Forschungszentrum HiMAT bereits zur Anwendung kommende Ontologie CIDOC-CRM verwendet, ein Netzwerk digitaler Informationen, das im Rahmen der Doktorarbeit von Anja Masur noch weiter für interdisziplinäre Projekte angepasst wird.

Erfolg für Forschungszentrum HiMAT

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften unterstützt mit dem DOC-team-Programm DoktorandInnengruppen, in denen drei bis vier NachwuchswissenschaftlerInnen ein Themengebiet interdisziplinär erforschen. Teams, deren Antrag positiv beurteilt wurde, erhalten finanzielle Mittel in der Höhe von insgesamt bis zu 450.000,- € für einen Förderzeitraum von drei Jahren, die im Bereich von Personal- und Verwaltungskosten ausgegeben werden. Für die Durchführung der Feld-, Labor- und Archivarbeiten ist das Doc-Team auf zusätzliche Sachmittel angewiesen, die z.B. in Form von Zuwendungen von Gemeinden und Museumsvereinen eingeworben werden müssen.
Finanziert wird das Programm durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung. Anita Haid, Thomas Koch-Waldner, Anja Masur und Barbara Viehweider vom Forschungszentrum HiMAT sind die ersten NachwuchswissenschaftlerInnen an der Universität Innsbruck, die ein DOC-team-Stipendium erhalten und sich in einem hoch kompetitiven Verfahren gegen zahlreiche andere Bewerber aus ganz Österreich durchgesetzt haben. „Neben den Forschungszielen der einzelnen Doktorarbeiten ergeben sich Fragestellungen, die nur durch die gemeinsame interdisziplinäre Zusammenarbeit unseres DOC-teams gelöst werden können“, freut sich Univ.-Prof. Klaus Oeggl, Leiter des universitären Forschungszentrums HiMAT, das sich der Geschichte des Bergbaus in Tirol und angrenzenden Gebieten widmet.

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