„James Bond“ aus Tirol

Ein Nachwuchshistoriker hat im Rahmen seiner Diplomarbeit die faszinierende Biographie eines Tiroler SOE-Agenten und Freiheitskämpfers rekonstruiert. Nun wird der seit 1945 verschollene Hubert Mayr posthum aufgrund dieser Arbeit geehrt.
Hubert Mayr
Bild: Hubert Mayr unterstützte die Briten ab 1943 im Kampf gegen das NS-Regime. Fotonachweis: Fotoalbum Hans Mayr

In seiner zeitgeschichtlichen Diplomarbeit wollte Peter Wallgram seine beiden Interessen Geschichte und Spanisch verbinden. Im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes wurde er auf einen Tiroler aufmerksam, der 1937 auf der Seite der Spanischen Republik gekämpft hatte. Zu diesem gab es nur ein paar Zettel mit dürftigen Informationen, doch sein Forscherdrang war geweckt worden. Ein Journalist, der über die britische Special Operations Executive (SOE) arbeitete, konnte ihm weitere Hinweise geben, und Recherchen in Wien und London sowie erhaltenen Dokumente in Familienbesitz ergaben eine faszinierende Lebensgeschichte:

Hubert Mayr, Sohn eines streng katholischen Vaters, war in seinen Lehrjahren in Deutschland mit sozialdemokratischem Gedankengut in Berührung gekommen und betätigte sich nach seiner Rückkehr nach Tirol für die 1934 in die Illegalität gedrängte Sozialistische Arbeiterpartei. Wegen dieser Aktivitäten kurzfristig inhaftiert, ging er – aus politischen Motiven und da er nach der Haft keine Arbeit mehr gefunden hatte – 1937 nach Spanien, wo er als Interbrigadist auf Seiten der legalen Regierung gegen die aufständischen Generäle kämpfte. Vor dem Sieg Francos floh er im Februar 1939 nach Frankreich und wurde dort unter unbeschreiblichen Bedingungen interniert. Beim Angriff der Wehrmacht im Mai 1940 unterstützt er Frankreichs Verteidigungsanstrengungen in einer Arbeitskompanie, nach der Niederlage gelang ihm die Flucht nach Algerien, wo er seinen Beruf als Gärtner ausüben konnte. Nachdem die Alliierten 1942 in Nordafrika gelandet waren, stellte sich Mayr den Briten im Kampf gegen die Achsenmächte zur Verfügung.

Bei einem Kommandounternehmen gegen die Wehrmacht in Hammamet (Tunesien) wurde Mayr gefangengenommen und von Deutschen – die ihn offenbar nicht enttarnt hatten – anschließend in Italien interniert. Nach der Landung amerikanischer und britischer Truppen im September 1943 südlich von Neapel gelang es ihm offenbar, aus dem Gefangenenlager auszubrechen und sich zu den Alliierten durchzuschlagen. Und nun wurde er der „Austrian Section“ in der Special Operations Executive – dem „most secret service“ (M. R. D. Foot) – zugeteilt. Mit dem Fallschirm über von italienischen Partisanen gehaltenem Gebiet abgesprungen sollte lieutenant Mayr unter dem Decknamen Jean Georgeau mit seinem Kommando in seine alte Heimat vordringen, die Bedingungen erkunden und den Widerstand organisieren. Doch die SOE verfügte kaum über Erkenntnisse über die Lage in der Ostmark und Mayr ging von falschen Voraussetzungen aus: Er glaubte, so wie 1809 würden sich seine Landsleute gegen Fremdherrschaft erheben ...

Seine Gruppe wurde entdeckt, seine Männer verhaftet oder erschossen. Hubert Mayr selbst – Demokrat, Sozialist und Freiheitskämpfer – ist seit der Jahreswende 1944/45 verschollen. Sein Vater übrigens, der dem NS-Kreisleiter in aller Öffentlichkeit mitgeteilt hatte, er lasse seine Kinder aus religiösen Gründen nicht zur Hitlerjugend gehen, war ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt worden und dort bereits 1940 zugrunde gegangen. Hubert Mayr, dessen Kampf für Freiheit, für Sozialismus und Demokratie in Spanien, Frankreich und Österreich durch diese Diplomarbeit rekonstruiert wurde, wird am Freitag, 11. Februar 2011, im Tiroler Landhaus im Auftrag des Bundespräsidenten posthum das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs verliehen.