Interview: Das kritische Potenzial von WikiLeaks

Dr. Felix Stalder sprach am diesjährigen Medientag an der Uni Innsbruck über die neuen Dimensionen des Medienaktivismus am Beispiel der Plattform WikiLeaks. Diese bietet im Gegensatz zu klassischen Massenmedien keine Interpretation an, sondern stellt nur Rohdaten zur Verfügung. Im Interview mit der ipoint-Redaktion knüpft er an seinen Vortrag an und fasst wesentliche Punkte zusammen.
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Bild: Felix Stadler gastierte mit einem Vortrag am heurigen Medientag der Universität Innsbruck, der am 29. November stattfand. (Foto: Andrea Mayr, CC-Attribution-ShareAlike 2.5 License)

Sie sprachen beim Medientag 2011 der Universität Innsbruck, in Anlehnung an Jürgen Habermas, über einen Wandel in der Struktur der Öffentlichkeit. Was zeichnet diese neue Form der Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert aus?
Felix Stalder: Im Kern geht es in der demokratischen Öffentlichkeit immer noch um dieselbe Sache: das Verhandeln sich widersprechender Position zu Themen, die die Allgemeinheit betreffen. Laut Habermas fand dies im 18. und 19. Jahrhundert primär in Gesellschaften und literarischen Zirkeln statt, in der Bürger ihre Meinung der Kritik anderer Bürger aussetzen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Rolle der professionellen Massenmedien, die diesen offenen Meinungsaustausch stark modulierten. Habermas spricht in diesem Kontext vom Niedergang der Öffentlichkeit in diesem politisch-demokratischen Sinn. Was wir heute erleben ist, dass neben der massenmedialen Ebene, neue Ebenen der öffentlichen Artikulation widersprüchlicher Positionen entstehen. Etwa durch Blogs, NGOs und ähnliche Akteure. Projekte wie WikiLeaks stärken diese neuen Ebenen, indem sie Quellenmaterial zu Verfügung stellen, zu dem diese Akteure bisher keinen Zugang hatten. Was allerdings nach wie vor ungelöst ist, wie man diese widersprüchlichen Positionen, die heute besser als unter massenmedialen Bedingungen artikuliert werden können, in Prozesse der Verhandlung einfügen kann. Dies wäre aber ein wichtiger Schritt, um von einer Stärkung der politisch-demokratischen Öffentlichkeit sprechen zu können.

Denken Sie, dass die Aufgaben des investigativen Journalismus zukünftig von den Zeitungen auf die sogenannten ‚citizen journalists’ übertragen werden?
Felix Stalder: Investigativer Journalismus braucht Ressourcen und diese fehlen den "citizen journalists" oftmals noch mehr als den etablierten Medien. Es müssen neue Finanzierungsmechanismen gefunden werden, damit mehr investigativer Journalismus betrieben werden kann. Diese sind am Entstehen und verbinden Elemente des privaten Mäzenatentums (etwa in der Finanzierung pro-publica durch Stiftungen), mit NGOs, die an gewissen Themen interessiert sind, sowie mit klassischen Massenmedien, die Themen oder Stories von außen aufnehmen. Die „citizen journalists“ allein können das nicht leisten, sie können aber eine Rolle in einer komplexen Ökologie spielen, sowohl um Themen vorzubereiten, als auch um die massenmediale Berichterstattung kritisch zu begleiten oder um Themen weiter zu behandeln, wenn sie bereits wieder aus dem kurzlebigen Fokus der Massenmedien gefallen sind.

Die mediale Kommunikation vor dem „Internetzeitalter“ wird ja sehr oft als Einbahnstraße beschrieben, wohingegen die Online-Kommunikation auch dem Rezipienten viele Möglichkeiten der Meinungsbekundung eröffnet. Inwieweit hat dies auch Auswirkungen auf das Machtverhältnis zwischen (vormaligen) Empfängern und Urhebern von massenmedial übermittelten Narrativen?
Felix Stalder
: Dies hat große Auswirkungen. Was man nicht zuletzt darin sieht, dass die klassischen Massenmedien oftmals eine feindliche Haltung entwickeln, wenn ihre ehemaligen Kunden nun selber aktiv werden. Am deutlichsten ist das in der Musikindustrie, die Musikfans verklagt. Die Massenmedien versuchen mittels Urheber- und neuerdings auch Leistungsschutzrechte ihre Modelle gegen partizipative Ansätze zu schützen, anstatt neue Formen zu entwickeln, wie sie von der Macht der Nutzer profitieren können, um damit etwa bessere Geschichten schreiben und detailliertere Recherche betreiben zu können.

Zur Person:

Dr. Felix Stalder ist Dozent für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der Zürcher Hochschule der Künste und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsprojekt „Medienaktivismus“ (Universität Innsbruck). Er forscht zu neuen Formen der Wissens- und Kulturproduktion, neuen räumlichen Praktiken und den politisch-kulturellen Dimensionen der Vernetzung. Seine Publikationen sind auf felix.openflows.com zugänglich.

Medientag und Ringvorlesung

„Grenzenlose Enthüllungen? Medien zwischen Öffnung und Schließung“: Unter diesem Titel fand am 29. November der diesjährige Medientag des interdisziplinären Medienforums Innsbruck Media Studies statt. Eine gleichnamige Ringvorlesung widmet sich das ganze Semester über ebenfalls diesem Thema.

Das Interview wurde von Juliane Nagiller im Rahmen der Lehrredaktion am Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Kulturservice geführt.