Giftpilz inkognito

Innsbrucker Pilzwissenschaftler haben vor kurzem neue Giftpilze beschrieben. Gefährlich daran: Zumindest einer wird in manchen Büchern als „essbar“ eingestuft. Der hochgiftige Knollenblätterpilz hat einige essbare Pilze in seiner Verwandtschaft. Der Igelwulstling wurde bisher ebenfalls für essbar gehalten, löst allerdings schwere Nierenschäden aus.
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Bild: Der Fransige Wulstling (links, Amanita strobiliformis) kommt auch hierzulande vor und ist essbar. Verwechslungsgefahr besteht mit dem Igelwulstling (rechts, Amanita echinocephala), den unter anderem Innsbrucker Mykologen erst kürzlich als giftig identifiziert haben. (Fotos: Martin Kirchmair)

Jedes Jahr im Sommer und Herbst locken Pilze Sammler in die heimischen Wälder. Steinpilz, Eierschwammerl und Parasol sind als Speisepilze bekannt, Fliegenpilz und Knollenblätterpilz kennt jeder als giftig. Anders verhält es sich mit vielen anderen Pilzen: Innsbrucker Wissenschaftler haben gemeinsam mit Kollegen aus Deutschland und Portugal vor kurzem Giftpilze entdeckt, von denen zumindest einer, der Igelwulstling, in zahlreichen Pilzbüchern sogar als „essbar“ eingestuft wird. Der Mykologe (Pilzwissenschaftler) Dr. Martin Kirchmair vom Innsbrucker Institut für Mikrobiologie war an dieser Entdeckung beteiligt. Vom Schwammerlsuchen mittels Pilzbüchern rät er aufgrund seiner Erfahrung in der Forschung ab: „Bei Fotos fehlen oft wichtige Merkmale, die für eine sichere Bestimmung unerlässlich sind. Außerdem verlassen sich viele ungeübte Pilzsammler auf ins Auge stechende Merkmale, wie etwa die Farbe des Hutes, die allerdings je nach Alter, Standort und Wetter sehr unterschiedlich sein kann und für eine sichere Bestimmung nur von zweitrangiger Bedeutung ist.“

Volksweisheiten

Im Volksmund sind Pilze und deren Giftigkeit auch mit einer Vielzahl an „Regeln“ verbunden: Etwa dass Pilze, die von Tieren angeknabbert wurden, essbar sind oder dass man, sollte man aus Versehen einen giftigen Pilz essen, das sofort am ekligen Geschmack merken würde. „Die allermeisten dieser und ähnlicher Volksweisheiten sind Blödsinn. Zum Beispiel berichten Menschen, die eine Knollenblätterpilz-Vergiftung überlebt haben, dass dieser Pilz sehr gut geschmeckt haben soll“, erklärt Martin Kirchmair. Umgekehrt gilt das gleiche: Nicht jeder Pilz, der essbar ist, schmeckt auch gut. „Es hat eben schon seine Gründe, warum nur eine Handvoll Pilzarten die Speisezettel dominieren.“ Und allein die Tatsache, dass Tiere Pilze fressen und möglicherweise gut vertragen, sagt nichts über die Verträglichkeit für den Menschen aus.

Alleine in Tirol gibt es mehrere tausend verschiedene Pilzarten. Von vielen dieser Arten ist nicht bekannt, ob sie giftig sind: „Es möchte aber wohl mit Sicherheit niemand der Erste sein, der herausfindet, dass ein Pilz eben doch stark giftig ist“, sagt Martin Kirchmair. Weltweit sind nach Schätzungen derzeit erst rund 74.000 bis 120.000 Pilzarten bekannt, insgesamt werden aber 1,5 Millionen unterschiedliche Arten – vom Schimmel- bis zum Speisepilz – vermutet. Die von Martin Kirchmair und seinen Kollegen beschriebenen Giftpilze sind biologisch gesehen Verwandte des hochgiftigen Knollenblätterpilzes aus der Gattung der Wulstlinge (Amanita). Aber nur weil diese Pilze „Cousins“ des tödlich giftigen Knollenblätterpilzes sind, heißt es nicht automatisch, dass sie auch giftig sind. „In der Verwandtschaft des Knollenblätterpilzes findet man einige beliebte wie auch gefragte Speisepilze, wie den Perlpilz oder die Scheidenstreiflinge. Auch der Kaiserling, einer der begehrtesten Speisepilze überhaupt, gehört in diese Verwandtschaft“, erklärt Martin Kirchmair.

Die drei Wulstling-Arten, die die Pilzwissenschaftler beschreiben, lösen eine Vergiftung aus, die bisher in Europa nicht bekannt war: Wenige Stunden nach dem Verzehr des Pilzes kommt es zu Übelkeit, Erbrechen und Nierenversagen. Die Patienten benötigen Dialyse, erholen sich allerdings nach einigen Monaten wieder vollständig. „Das ist insofern interessant, als bisher in Europa bekannte und vorkommende Giftpilze, die die Nieren angreifen, so starke Schäden anrichten, dass sich die Patienten nie vollständig erholen“, sagt Martin Kirchmair. Der auch bei uns vorkommende Igelwulstling ist nicht zuletzt deshalb gefährlich, weil er einerseits in Pilzbüchern als „essbar“ eingestuft wird, andererseits mit seinen ähnlich aussehenden, tatsächlich essbaren „Verwandten“ Fransiger Wulstling (siehe Bild), Grauer Wulstling und Perlpilz verwechselt werden kann.

Gefährliche Verwechslungen

„Grundsätzlich kommen Verwechslungen sehr häufig vor und passieren zwischen allen möglichen Pilzarten“, sagt Martin Kirchmair, der im Rahmen seiner Arbeit an der Universität auch die Tiroler Pilzberatungsstellen (siehe Infobox) unterstützt. Kirchmair selbst hat Mitte der neunziger Jahre etwa den Fall eines Jugendlichen wissenschaftlich untersucht, der sich mit „Magic Mushrooms“ berauschen wollte, stattdessen aber einen hochgiften Pilz erwischt hat und nun bis an sein Lebensende regelmäßig zur Dialyse muss. „Am sichersten ist: Pilze, die man nicht kennt oder bei denen man sich unsicher ist, sollte man besser stehen lassen. Neugier kann in diesem Fall sehr gefährlich werden“, warnt Martin Kirchmair.

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins „wissenswert“ vom 11. Oktober 2011 erschienen. „wissenswert“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Uni Innsbruck und der Tiroler Tageszeitung und liegt dieser fünf Mal pro Jahr bei. Eine digitale Version steht unter folgendem Link zur Verfügung: wissenswert online (pdf)