Gemeinsame Forschung an Glaubensfragen

Theologen und analytische Religionsphilosophen arbeiten an Glaubensfragen – oft aber nur nebeneinander. Dank einer mit 1,2 Millionen Euro geförderten Initiative an der Universität Innsbruck sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beider Richtungen nun gemeinsam forschen – der bislang größte Versuch, zwei weitgehend getrennte Forschungstraditionen zu vereinen.
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Bild: Innsbrucker Philosophen und Theologen koordinieren das Projekt.

„In den letzten Jahrzehnten haben sich Philosophen verstärkt mit Glaubensfragen beschäftigt“, erklärt MMag. Georg Gasser vom Institut für Christliche Philosophie. Fragen wie die Vereinbarkeit vom Glauben an die Auferstehung und ein an den Wissenschaften orientiertes Weltbild, vom menschlichen Leiden angesichts des Glaubens an einen allgütigen Gott, das sind zwei Themen von vielen, denen sich die analytische (Religions-)Philosophie und die systematische Theologie widmen. Beide Wissenschaften, analytische Philosophie wie Theologie, arbeiteten bisher mit ihrem jeweils eigenen Methodenset weitgehend nebeneinander an solchen Fragestellungen. Das soll sich nun dank des „Analytic Theology“-Projekts der Katholisch-Theologischen Fakultät ändern: Philosophen und Theologen sollen gemeinsam über Glaubensthemen forschen. „Einerseits loten wir so die Stärken und Grenzen des analytischen Ansatzes aus, andererseits geht es auch darum, der Theologie diesen Ansatz als wertvolles Instrumentarium für die theologische Arbeit näher zu bringen“, erklärt Georg Gasser, der das Projekt als Programm-Administrator verantwortet. „In dieser Größe ist das der erste Versuch, die beiden Fachdiskurse zu vereinen.“

Stipendien

Teil der auf vier Jahre angelegten Initiative sind Stipendien für PhD-Studierende und Post-Docs, die dank einer Förderung durch die Templeton Foundation möglich sind. „Unser Ziel ist, die im englischsprachigen Raum stark verbreitete Diskussion über diese Themen in Kontinentaleuropa stärker zu verankern und andererseits auch im deutschen Sprachraum erarbeitete Forschungsansätze international bekannter zu machen“, erläutert Georg Gasser. Ein PhD-Student wird in den kommenden Jahren etwa über Schöpfungstheologie und deren Vereinbarkeit mit modernen kosmologischen Theorien arbeiten: Wie lässt sich der Glaube an die Schöpfung der Welt und deren Vollendung durch Gott mit der Urknall-Theorie und kosmologischen Szenarien vom Ende des Universums vereinen? Eine andere Arbeit widmet sich dem scheinbaren Widerspruch zwischen göttlichem Allwissen und der Entscheidungsfreiheit des Menschen. „Für die Universität Innsbruck ist das Projekt eine große Chance, sich international noch mehr zu vernetzen“, freut sich Administrator Georg Gasser. Bewerbungen für die PhD-Stipendien seien aus allen Ecken der Welt gekommen, auch aus Institutionen, mit denen die Universität Innsbruck bislang wenig Kontakt hatte.

Daneben werden auch Kleinprojekte finanziell unterstützt, bei denen jeweils Philosophen und Theologen gemeinsam Glaubensfragen erforschen und dazu publizieren. „Wir bemühen uns, auf intellektuell redliche Weise Glaubensinhalte aufzuarbeiten“, stellt Georg Gasser klar. Auch säkulare Menschen beschäftigten sich mit weltanschaulichen Kernfragen – Hat unser Leben einen Sinn, wenn mit dem Tod alles aus ist? Gibt es so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit?

Publiziert werden sollen die Ergebnisse vor allem im „European Journal for Philosophy of Religion“, einem noch jungen, aber bereits international renommierten Fachblatt, das vor allem europäischen Wissenschaftlern die Möglichkeit bietet, ihre Ergebnisse einem weltweiten Publikum zu präsentieren. „Wir sind sehr stolz darauf, dass wir durch unser Projekt auch einen Beitrag dazu leisten können, dieses Publikationsorgan weiter zu etablieren“, sagt Georg Gasser.

Innsbrucker Leitung

Das „Analytic Theology“-Projekt wird von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck federführend gestaltet, die wissenschaftliche Leitung übernehmen die Innsbrucker Professoren Josef Quitterer und Roman Siebenrock. Weitere beteiligte Bildungseinrichtungen in Europa sind die Münchner Hochschule für Philosophie, die Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main und der Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Insgesamt besteht das Projekt aus drei Teilen: Neben dem europäischen Teil, den die Universität Innsbruck leitet, gibt es einen Forschungsteil in den USA, der von der University of Notre Dame geführt wird und einen jüdischen Teil, den das Shalem Center in Jerusalem verantwortet. Das gesamte Projekt wird von der Templeton Foundation gefördert, die Förderung für den von der Universität Innsbruck verwalteten europäischen Teil macht rund 1,2 Millionen Euro aus.

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