Erlesenes Tirol

Viele Autorinnen und Autoren haben Tirol aufgesucht und über das Land geschrieben. Mit der im Internet frei zugänglichen „Literatur-Land-Karte Tirol“ schließen Prof. Johann Holzner und Mag. Iris Kathan nun letzte Lücken in der Karte des Landes Tirol.
Bücherstapel
Bild: Die „Literatur-Land-Karte Tirol“ verzeichnet Erwähnungen von Tirol in literarischen Werken. Fotonachweis: flickr.com/ginnerobot (CC BY-SA 2.0)

„Wir sind auf die Berge gestiegen und sind auch wieder hinabgestiegen, wir haben dort droben die seltsam stille Luft ein- und ausgeatmet und dabei das Wild im Walde geärgert. Das waren schöne Ferien!“ – so beschreibt Ödön von Horváth am 15. März 1930 seinen Aufenthalt in Hinterhornbach – „einem der finstersten Winkel des heiligen Landes Tirol“ in seinem Text „Souvenir de Hinterhornbach“.  Neben Horváth haben zahlreiche andere Autorinnen und Autoren Tirol aufgesucht und in ihren Werken, Essays und Erinnerungen festgehalten. Manche von ihnen waren wie Goethe auf der Durchreise, andere machten in Tirol Urlaub. Was Reisende von damals und heute jedoch verbindet, ist wohl das Interesse für die Kultur des Landes, die Landschaft, die Berge, die Flüsse und das Leben der Einheimischen. Prof. Johann Holzner und Mag. Iris Kathan vom Brenner-Archiv wollten diese Sichtweisen näher kennenlernen und herausfinden, wie Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland ihren Aufenthalt im Land genutzt haben, um diesen zu literarisieren. Entstanden ist aus dem Projekt die „Literatur-Land-Karte Tirol“ und eine im Internet frei zugängliche Datenbank mit Texten von über 65 Autorinnen und Autoren. Darunter finden sich Texte von Niccolo Macchiavelli, Ernest Hemingway, Ludwig Ganghofer, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Robert Musil, Erich Kästner, Alois Hotschnig – um nur ein paar wenige  zu nennen. Iris Kathan erklärt: „Man kann in unserer Datenbank sowohl nach Orten, als auch nach Namen von Autorinnen und Autoren suchen.“

Tirol aus verschiedensten Sichtweisen entdecken

„Unser Hauptziel ist es, festzuhalten, wie die Grenzen zwischen der realen Welt in Tirol und der fiktionalen Welt in den Büchern und Texten sich verwischen“, beschreibt Prof. Holzner einen der Grundgedanken für die Initiierung der „Literatur-Land-Karte Tirol“. Mag. Iris Kathan, die sich tagtäglich mit jenen Schriftstücken auseinandersetzt, stellt fest, dass „Literaten von den Darstellungen, die uns vertraut sind, abweichen. Ihre Beschreibungen schärfen aber auch unseren Blick für Vertrautes“. Gemeinsam mit weiteren Kolleginnen aus dem Forschungsinstitut Brenner-Archiv sucht Kathan in literarischen Texten nach Ortsbezügen zu Nord-, Süd- und Osttirol. „Wir berücksichtigen bei unserer Recherche-Arbeit natürlich nicht nur Texte von bekannten Autorinnen und Autoren, sondern auch Texte von unbekannten. Wir studieren eine Unmenge von Schriftstücken, um interessante Bezüge herauszufinden. Unsere intensive Lektürearbeit soll für die Nutzerinnen und Nutzer der „Literatur-Land-Karte Tirol“ gleichzeitig eine Lektüreanregung sein“, ergänzt Johann Holzner und streicht den hohen Arbeitsaufwand hervor.

Das Bild Tirols

Die in den verschiedensten Jahrhunderten entstandenen Texte zeichnen ein sich wandelndes Bild von Tirol. 
Selbst in den 30er Jahren galten  Tirolerinnen und Tiroler vielfach noch als hinterwäldlerisch. Mit dem Beginn des Fremdenverkehrs nimmt dieses Vorurteil ab. In seinem Werk „In der Wildnis“ beschreibt der Tiroler Autor Adolf Pichler eindrücklich den Beginn des Tourismus in Tirol: „Noch vor wenig Jahren sah man auf der Straße von Kreuth nach Achenkirch oft wochenlang kein anderes Fuhrwerk, als die breiten Wägen mit großen Bastkörben, worin man Kohlen zum Hochofen zu Jenbach lieferte. Hier und da zog ein verirrter Handwerksbursch fechtend von einem abgelegenen Bauernhof zum andern, unbehelligt von der Gendarmerie, die  damals statt der Strolche harmlose Wanderer belästigte(...). Jetzt ist es anders geworden. Elegante Equipagen rollen im Sommer vorüber, Schwärme von Touristen, den Plaid um die Schulter, trotten daher und bemühen sich, älplerisches Jodeln mit kreischender Kehle nachzuäffen.“ Adolf Pichler kommentiert dieses Treiben folgendermaßen: „Ich danke jedoch Gott stets, dass es noch Winkel gibt, wohin sich der Troß moderner Naturbeschnüffler nicht verläuft, um Langeweile loszuwerden.“

In unzähligen Handlungen ist Tirol Schauplatz. Vielfach wird es als das schroffe Land der Berge charakterisiert, das fasziniert. Und dennoch, häufig ist es gerade die in den Gebirgen bildhaft gewordene Enge, die zum Ausbruch reizt.  In der „Blut und Boden Literatur“ wird Tirol wegen seiner „unbefleckten Schönheit“ und „Urtümlichkeit“ missbraucht. Zahlreiche Schriftstücke zeugen davon – „die Schwelle zur nationalsozialistischen Ideologie war bei christlich-konservativen Autoren in der Regel gering“, weiß Prof. Holzner. „Wir nehmen diese Texte mit ebendiesen Inhalten in unserem Verzeichnis nicht auf.“

Interesse, aber keine Förderung

„Unsere Zweifel, auf mangelndes Interesse zu stoßen, wurden bald widerlegt“, freuen sich Johann Holzner und Iris Kathan: „Der Wissenschaftsfonds, die Kulturabteilung des Landes, auch die Tourismusverbände finden diesen Zugang zur Kultur der Region höchstinteressant. Auch die Touristen des 21. Jahrhunderts erfreuen sich nicht nur an klassischen ‚Tirolerabenden’. Der Durst nach Hintergrundwissen bei Touristen und Einheimischen ist groß.“ Dennoch muss Holzner feststellen: „Die Finanzierung dieses großangelegten Unternehmens fällt doch wesentlich schwerer als erwartet; die Gemeinden halten sich vornehm zurück.“ Auch heuer werden Johann Holzner und Iris Kathan also ein FWF-Projekt beantragen, um die in Österreich einzigartige Landkarte zu vervollständigen.

Nach oben scrollen