Energieautarkie bis 2050 ist machbar

Österreich könnte bis in vierzig Jahren seinen gesamten Energiebedarf mit heimischen erneuerbaren Energieträgern decken. Das hat eine Expertengruppe um Prof. Wolfgang Streicher vom Arbeitsbereich Energieeffizientes Bauen der Uni Innsbruck im Auftrag des Lebensministeriums und des Klima- und Energiefonds erhoben.
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Bild: Erneuerbare Energieträgern als einzige Energiequelle? (Fotos: Stefan Göthert, Andreas Senftleben, Hanspeter Bolliger, Thomas Siepmann / pixelio.de)

„Energieautarkie für Österreich 2050 ist machbar, wenn die Nachfrage nach Energiedienstleistungen nur moderat wächst. Die Berechnungen zeigen, dass der Spielraum für eine Versorgung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern relativ klein ist“, erklärt Prof. Wolfgang Streicher das Ergebnis der gemeinsam mit Wissenschaftlern aus der Steiermark, Wien und Deutschland erstellten Studie. Ausgangspunkt dafür waren die politisch formulierten Ziele zur Reduktion der Treibhausgasemissionen, um den globalen Temperaturanstieg zu begrenzen. Zudem werden massive Preissteigerungen bei Öl erwartet, das WIFO rechnet mit einer Steigerung von 6,1 Prozent jährlich, das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sagt in den nächsten Jahren einen Preis von 200 Dollar voraus. „Was wir brauchen, liegt auf der Hand. Meine drei Schwerpunkte sind: Energieeffizienz, erneuerbare Energie und green jobs“, sagte der Auftraggeber der Studie, der österreichische Umweltminister Nikolaus Berlakovich, Ende Januar bei der Präsentation in Wien. „Der Weg in Richtung Energieautarkie geht nicht von heute auf morgen, es bedarf großer Anstrengung und eines langfristigen Umbau unseres Energie- und Wirtschaftssystems. Aber bis 2050 könnte Österreich ausreichend Energie aus Wasser, Sonne, Wind und Biomasse erzeugen.“

Zwei Szenarien

Die Wissenschaftler haben zwei mögliche Szenarien für das Jahr 2050 durchgerechnet. Im ersten Beispiel gehen sie von einer konstanten Energiedienstleistung (konditionierte Quadratmeter Gebäudefläche, Personen- bzw. Tonnenkilometer und Bruttowertschöpfung der Industrie) aus, der Ausgangswert des Bedarfs liegt jeweils auf dem Niveau von 2008. Dem zweiten Szenario legen die Forscher ein jährliches Wachstum der Energiedienstleistung von 0,8 Prozent zugrunde, das entspricht einem Anstieg bis 2050 von knapp 40 Prozent gegenüber 2008. Die für Lebens- und Futtermittel notwendige landwirtschaftliche Fläche wird bis 2050 konstant gelassen. „Die für Energieautarkie notwendigen Rahmenbedingungen erfordern engagierte, klare und eindeutige politische Entscheidungen und Weichenstellungen“, sagt Streicher. „Das betrifft ökonomische Instrumente wie die Energiepreise, aber auch Vorschriften, Infrastrukturinvestitionen und verstärkte Anstrengungen in der Energieforschung.“ Nicht außer Acht zu lassen sei dabei auch die soziale Akzeptanz solcher Maßnahmen. Information und Bewusstseinsbildung komme dabei eine wichtige Rolle zu.

Sinkender Bedarf trotz Wachstum

Im Bereich der privaten Mobilität muss ein Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel und nichtmotorisierten Verkehr erfolgen. Der restliche PKW-Verkehr muss im Verbrauch reduziert (max. 3 l/100km) oder mit hocheffizienten elektrischen PKW (12 kWh/100km) bewältigt werden. Die wenigen heimischen Kraftstoffe aus erneuerbaren Rohstoffen stünden dann für Nutzfahrzeuge und Maschinen in Land- und Bauwirtschaft zur Verfügung. Im Bereich des überregionalen Güterverkehrs müsste der Verkehr fast vollständig von der Straße auf die Schiene bzw. Schifffahrt verlegt werden. Ähnliches gilt für den Flugverkehr. Insgesamt müsste der Energiebedarf der Mobilität um ca. 70 Prozent sinken. Im Gebäudebereich sollte der durchschnittliche Heizenergiebedarf durch die thermische Sanierung mehr als halbiert bzw. auf ein Drittel reduziert werden. Neue Gebäude müssten konsequent im Passivhausstandard errichtet werden. Der Strombedarf für Wohn- und Dienstleistungsgebäude müsste ebenfalls sinken. Auch im Produktionsbereich gehen die Forscher von einer Effizienzverbesserung aus, wie sie in der europäischen Energieeffizienzrichtlinie bereits vorgegeben wurde. Im Wachstumsszenario sänke der Energiebedarf trotz der jährlich um 0,8 Prozent steigenden Bruttowertschöpfung um 2 Prozent gegenüber 2008.
Nur wenn der Energiebedarf mittels Effizienzsteigerungen und intelligenter Energienutzung derart deutlich gesenkt wird, kann Energieautarkie erreicht und Österreich vollständig mit heimischer erneuerbarer Energie versorgt werden. Beim Wachstumsszenario wird bereits an die Grenzen der verfügbaren technischen Potenziale an in Österreich erzeugbaren erneuerbaren Energieträgern gegangen.

Schwerpunkt Energieeffizentes Bauen

Wolfgang Streicher wurde 2009 auf den Stiftungslehrstuhl der Universität Innsbruck und der Tiroler Zukunftsstiftung für „Energieeffizientes Bauen mit spezieller Berücksichtigung des Einsatzes Erneuerbarer Energie“ berufen. Seine Antrittsvorlesung hält Streicher am 21. März 2011 um 18.30 Uhr im Großen Hörsaal des Bauingenieurgebäudes zum Thema „Energieautarkie für Österreich“.

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