Den „dunklen Mächten“ auf der Spur

Ein Innsbrucker Historiker ist in seiner Dissertation den drei „Vätern“ der Weltverschwörungstheorie auf der Spur: Dunkle Mächte im Hintergrund kontrollieren die Geschicke der Weltbevölkerung. Entstanden ist diese Verschwörungstheorie als Reaktion auf die Französische Revolution.
Symbol der Freimaurer
Bild: Foto: Winkelmaß und Zirkel (im Bild auf einem Grabstein abgebildet) sind das Symbol der Freimaurerei, die im Zentrum zahlreicher Verschwörungstheorien steht. (Fotonnachweis: pixelio.de/Paul-Georg Meister)

Was haben die Französische Revolution, die beiden Weltkriege und die Terroranschläge vom 11. September 2001 gemeinsam? Sie waren weltgeschichtlich fraglos einschneidende Ereignisse. Verschwörungstheoretiker sehen hinter diesen Einschnitten aber zusätzliche Zusammenhänge und den Beweis für eine Macht im Hintergrund, die die Weltgeschichte dadurch in ihrem Sinn beeinflusst. Der Innsbrucker Historiker MMag. Claus Oberhauser ist in seiner Dissertation drei Verschwörungstheoretikern aus dem späten 18. Jahrhundert auf der Spur, die die Theorie einer Weltverschwörung als Reaktion auf die Französische Revolution entwickelt haben und damit den verschwörungstheoretischen Diskurs bis heute prägen.

Tiefer Einschnitt

„Die Französische Revolution war in ganz Europa ein derartig großer Einschnitt, dass sich Theorien zur Erklärung der Revolution auch extrem rasch und umfassend verbreiten konnten“, erklärt Claus Oberhauser. Verschwörungstheorien kommen fast immer in Krisenzeiten auf, Verschwörungstheoretiker spielen dabei mit den Ängsten ihrer Rezipienten. Der französische Jesuit Augustin Barruel wird mit seinen Theorien auch heute noch breit rezipiert. „Er entwickelte zeitgleich und auch im gegenseitigen Austausch mit dem Mecklenburger Johann August Starck die Theorie, eine Verschwörung aus Philosophen, Freimaurern und Illuminaten hätte die Französische Revolution ausgelöst.“ Motive, die sich seither immer wieder finden: Eine Verschwörung von Geheimbünden lenkt die Geschicke der Welt.

Neben Augustin Barruel und dem heute nicht mehr stark rezipierten Johann August Starck widmet sich Claus Oberhauser dem Werk des Schotten John Robison, der mit sehr ähnlichen Theorien seine Mitbürger vor den Gefahren der Französischen Revolution warnen wollte. „Im englischsprachigen Raum, besonders in den USA, sind die Werke von Barruel und Robison noch weit verbreitet“, erläutert Claus Oberhauser. Der reale Illuminatenorden entstand 1776 in Bayern innerhalb der Freimaurerei und wollte durch radikale Aufklärung die Herrschaft von Menschen über Menschen beseitigen. 1785 wurde der Orden durch ein kurfürstliches Edikt verboten und löste sich auf, in Verschwörungstheorien lebt er allerdings bis heute als geheime Macht im Verborgenen weiter.

Starker Staat

Allen drei Theoretikern, Barruel, Robison und Starck, war gemeinsam, dass sie an der alten Ordnung festhalten wollten und an einen starken, absolutistischen Staat glaubten, der ihrer Meinung nach von Freimaurern und Illuminaten unterwandert war – ein Staat im Staat, den es zu verhindern gelte. Ihre Theorien waren somit von Beginn an auch ein politisches Instrument; der, der sie vertritt, muss nicht zwingend auch an sie glauben. „Im Lauf der Geschichte hat sich dieses Bild vom ‚Staat im Staat‘ bei Verschwörungstheoretikern hin zum ‚Staat über dem Staat‘ gewandelt, zu einer Weltregierung, die alles und jeden kontrolliert“, erklärt Claus Oberhauser. Die Freimaurerei war Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts weit verbreitet, viele bekannte Persönlichkeiten von damals waren Mitglieder – deshalb wurden sie von Verschwörungstheoretikern auch als Ursache der Verschwörung gesehen: „Die drei Theoretiker haben die Freimaurer als ‚Schuldige‘ gewählt, weil zwar jeder wusste, was Freimaurer sind, aufgrund ihres Geheimnisses aber keiner genau wusste, was in den Logen vor sich ging.“

Die Thesen von Barruel, Robison und Starck wurden je nach geschichtlichem und sozialem Hintergrund besonders von konservativen und noch mehr von rechtsextremen Gruppierungen unterschiedlich vertreten und für eigene Zwecke instrumentalisiert: Von der Bedrohung durch Freimaurer und Illuminaten über die „jüdische Weltverschwörung“ bis zur heutigen angeblichen Unterwanderung der Gesellschaft durch muslimische Einwanderer.

ÖAW-Förderung

„Verschwörungstheoretiker haben drei Grundannahmen gemeinsam, die auch auf Barruel, Robison und Starck zurückgehen“, sagt Claus Oberhauser: „Erstens: Nichts ist, wie es scheint. Zweitens: Es gibt keine Zufälle, alles passiert nach einem Muster. Und drittens: Alles ist miteinander verbunden, da in diesen Theorien alles zentral gelenkt wird.“ In seiner Dissertation will Claus Oberhauser die genaue Entwicklung der Verschwörungstheorien von Robison, Barruel und Starck nachvollziehen und deren Rezeption seither genauer untersuchen. Für sein Projekt hat Claus Oberhauser ein DOC-Stipendium von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) für die Dauer von zwei Jahren erhalten.

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