Alle heiligen Zeiten

Hierzulande freuen sich Kinder monatelang auf Weihnachten. Welche Feste aber sind für Kinder mit islamischem Hintergrund wichtig und wie begehen sie diese in einem Land wie Österreich, in dem das Jahr christlich strukturiert ist? Religionspädagogik-Studentin Hülya Ekinci und Theologin Martina Kraml sprechen über Möglichkeiten eines religiösen Miteinanders von Christen und Muslimen.
ipoint_religion.jpg
Bild: Weihnachten ist in christlich geprägten Gesellschaften fest im Jahreskreis verwurzelt. (Foto: flickr.com/The Cookiemonster)

Zu Weihnachten ist es kalt, Ostern markiert den Frühlingsbeginn und an Pfingsten räumen wir langsam die kurzen Hosen wieder aus dem Schrank: Der christliche Jahreskreis und seine Feiertage sind fest mit Jahreszeiten verbunden. Für Muslime ungewohnt: „Wenn ich an bestimmte Feiertage denke, habe ich kein bestimmtes Wetter und keine Jahreszeit im Kopf – ich erinnere mich immer nur an den Feiertag an sich“, sagt Hülya Ekinci. Sie studiert Islamische Religionspädagogik in Innsbruck und unterrichtet islamische Religion in Volks- und Mittelschulen.

Verschiedene Kalender

Der muslimische Jahreskreis richtet sich nach dem islamischen Kalender, der auf Mondphasen basiert; dieser Kalender ist rund zehn Tage kürzer als der westliche Gregorianische Kalender und des- halb verschieben sich auch die Feiertage im Vergleich zum westlichen Kalender jedes Jahr um rund zehn Tage nach vorne. Ebenso ungewohnt ist für Ekinci die starke Kommerzialisierung religiöser Feste, wie sie mitunter christlichen Feiertagen, allen voran Weihnachten, widerfährt. „Natürlich bekommen die Kinder beim Zuckerfest, mit dem wir das Ende des Ramadan begehen, Süßigkeiten, neue Kleidung, manchmal auch Geld“, erzählt sie. Schenken im großen Stil sei an islamischen Feiertagen jedoch unüblich.

Unsichtbare Tradition

Die Feste und Traditionen muslimischer Kinder in Österreich werden in der Öffentlichkeit nicht so sichtbar gelebt wie die ihrer Altersgenossinnen und -genossen, was für ihre Identitätsfindung oft problematisch ist. Das ist eine der Herausforderungen, mit der der islamische Religionsunterricht in Österreich umgehen muss. Eine fundierte religionspädagogische Ausbildung, wie sie seit diesem Semester an der Universität Innsbruck als Masterstudium in Kooperation mit der Universität Wien angeboten wird, erleichtert es Lehrerinnen und Lehrern wie Hülya Ekinci, den vielfältigen Ansprüchen an modernen Religionsunterricht gerecht zu werden. In ihren Stunden bringt sie den muslimischen Kindern die religiöse Tradition, die in ihren Herkunftsländern wurzelt, näher. „Natürlich ist das schwierig, wenn der christliche Jahreskreis in der Schule stark präsent ist. Aber es geht hier nicht um Abschottung oder Abgrenzung, sondern darum, auch eine Identität in der eigenen Religion auszubilden“, erklärt die Religionslehrerin, die sich auch in einer christlich-muslimischen Dialoggruppe engagiert. 

Anteil nehmen

„Man kann eine Religion nur verstehen, wenn man sich hineinbegibt“, beschreibt Hülya Ekinci eine Erkenntnis, die ihr zum ersten Mal so richtig bewusst wurde, als sie auf Einladung einer Freundin an einem christlichen Osterfest teilgenommen hat. Diese Erfahrung versucht Ekinci auch in ihren Alltag als Lehrerin einfließen zu lassen. „Ich arbeite mit einer katholischen Religionslehrerin zusammen, die mittlerweile eine gute Freundin geworden ist. Zu bestimmten Anlässen besuchen wir gegenseitig mit den Schülerinnen und Schülern den Unterricht und das Gebetshaus der jeweils anderen Religion“, erzählt sie.

Gegenseitiges Anteilnehmen und Anteilnehmen-Lassen ist auch in den Augen von Ass.-Prof. Martina Kraml vom Institut für Praktische Theologie besonders wichtig für ein religiöses Miteinander. „Anteil nehmen bedeutet, dabei zu sein und die religiösen Werte und spirituellen Riten des anderen kennen zu lernen, aber nicht unbedingt im gleichen Sinne beteiligt zu sein, mitzufeiern oder ein Gebet mitzusprechen, so wie es die andere Tradition gerade tut“, beschreibt sie einen Dialogansatz im Forschungsprogramm „Kommunikative Theologie“. Danach geht es darum, der jeweils anderen Religion Anerkennung entgegenzubringen, zugleich aber ein Bewusstsein für die eigene Tradition und die Unterschiede der verschiedenen Traditionen zu entwickeln. „Auf die gemeinsamen Feiern in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten umgelegt bedeutet das, dass die Kinder der verschiedenen Traditionen in immer wieder wechselnden Beteiligungsformen anwesend sind“, sagt Martina Kraml. Etwa, wenn religiöse Lieder gesungen werden. „Nach christlichen Festen, die in der Klasse gemeinsam gefeiert werden, kommen meine Volksschülerinnen und -schüler ganz stolz zu mir und sagen, ‚Frau Lehrerin, ich hab da aber eh nicht mitgesungen’“, lacht Hülya Ekinci. Sie hält es allerdings dennoch für wichtig, festgelegte Rahmenbedingungen wie zum Beispiel eine gute partnerschaftliche Vorbereitung oder einen neutralen Ort zu schaffen, um gemeinsame Feiern zu ermöglichen. Außerdem berichtet die Islamlehrerin von multireligiösen Feiern, die sie miterlebt und -organisiert hat. „Für solche Feiern wählen wir ein neutrales Thema, das in beiden Religionen eine Rolle spielt. Nicht nur die Bereitschaft des gesamten Lehrkörpers, sondern auch sehr viel Sensibilität für das Verständnis der ‚fremden’ Religion ist notwendig, damit eine gemeinsame Feier gelingt“, sagt Hülya Ekinci.

(Eva Fessler/Stefan Hohenwarter)

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins „wissenswert“ vom 11. Oktober 2011 erschienen. „wissenswert“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Uni Innsbruck und der Tiroler Tageszeitung und liegt dieser fünf Mal pro Jahr bei. Eine digitale Version steht unter folgendem Link zur Verfügung: wissenswert 5/2011