Kopf der Woche: Prof. John-ren Chen

Bis 2004 wirkte Prof. John-ren Chen als ordentlicher Professor für Wirtschaftstheorie und Ökonometrie an der LFU, die letzten fünf Jahre davon als letzter Dekan der SOWI-Fakultät. Anlässlich seines 70. Geburtstages fand vergangene Woche ein akademischer Festakt statt.
Prof. John-ren Chen
Bild: Prof. John-ren Chen

Die große Aula der SOWI-Fakultäten war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Prof. Chen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen eintrat. KollegInnen, Studierende und andere Interessierte ließen es sich nicht entgehen, den beliebten Altdekan und seinen einstigen akademischen Ziehvater, Professor Reinhard Selten, aus nächster Nähe zu erleben. Prof. Selten, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften 1994, versetzte mit seinem Festvortrag über die „Entstehung einfacher Sprachen in einem experimentellen Koordinationsspiel“ seine Zuhörerschaft ins Staunen. Der interdisziplinäre Ansatz begeisterte nicht nur die WirtschaftswissenschaftlerInnen, sondern auch die anwesenden Linguisten.

 

Ein Vorbild in vielen Belangen

 

In einem waren sich alle Laudatoren einig: Prof. Chen ist nicht nur ein großer Wirtschaftswissenschafter, sondern vor allem ein herausragender Mensch. Rektor Gantner, den eine persönliche Freundschaft mit Chen verbindet, betonte: „Du darfst mit Recht als Vorbild gelten in akademischer und gesellschaftspolitischer Sicht, aber auch, was Deine Haltung der Familie, Deinem Heimatland und Deinem Gastland gegenüber angeht.“ Rektor Gantner machte weiters eindrücklich klar, unter welch gefährlichen Umständen Chen neben seiner akademischen Tätigkeit stets den Freiheitskampf Taiwans unterstützte. LH van Staa würdigte vor allem die Charakterfestigkeit des Jubilars: „Er ist jemand, der sagt, was er denkt und tut, was er sagt.“

 

Bescheidenheit und eine kleine List

 

Altdekan Chen war so viel Lob gar nicht recht, genauso wie er schon eine Feier an sich für übertrieben hielt. „Ich danke für die viele Unterstützung in meiner akademischen Laufbahn, aber ich habe das alles nicht verdient“, meinte Chen bescheiden, der maßgebend für die Umstrukturierung, den Neubau und die Förderung der SOWI durch Drittmittel verantwortlich war. Zu einem Festakt überzeugen konnten ihn seine ehemaligen KollegInnen von der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik nur durch die Einladung seines Freundes Prof. Selten. „Außerdem kommen auch die Kinder, die nun schon seit längerem im Ausland leben, zu so einem Anlass nach Hause“, gesteht Chen lächelnd einen weiteren Grund ein.

 

Von Taiwan in die BRD …

 

Da es Anfang der 1960er Jahre im Unterschied zu den USA und Europa in Taiwan nicht die Möglichkeiten gab, die Studien der mathematischen Ökonomik und Ökonometrie zu vertiefen, entschied sich Prof. Chen für ein Studium in Deutschland. „In Taiwan wurde mir gesagt, dass Deutsch die schwierigste Sprache der Welt sei. Ich wollte mich dieser Herausforderung stellen“, so Prof. Chen Jahre später.

 

Als Antwort auf die Diktatur unter Tschiang Kai-Scheck engagierte sich Prof. Chen im Verein Formosa, einem Forum für die demokratische Opposition in Taiwan, zu deren Gründung 1971 Chen maßgeblich beitrug. Außerdem war Prof. Chen eines jener 200 Mitglieder der „European Alliance for Democratization in Taiwan“, der größten Demokratisierungsbewegung Taiwans im Ausland. „Für mich persönlich bedeutete dies, für 17 Jahre nicht mehr nach Taiwan und zu meiner Familie zurückkehren zu können. Auch meine Freunde in Taiwan mussten sich zu ihrer eigenen Sicherheit von mir distanzieren“, erklärt Prof. Chen.

 

… und weiter nach Innsbruck

 

„In Innsbruck haben mich vor allem die Schwerpunkte Entwicklungstheorie, Wirtschaftstheorie und Ökonometrie interessiert. Die Mehreheit der Menschen lebt in Entwicklungsländern und ich sehe es daher als eine Aufgabe der Wissenschaft an, für sie etwas zu tun und Lösungsvorschläge für ihre Probleme zu suchen“, so Prof. Chen zu seinem Wechsel nach Tirol.

 

Zur Person:

John-ren Chen wurde am 27. März 1936 in Yun-Lin, Taiwan, geboren. Nach Abschluss des Wirtschaftsstudiums an der National Chengchi University (Taipei) kam er 1963 für das Doktoratsstudium an die Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt a.M. und arbeitete dort ab 1965 als Assistent von Prof. Sauermann. 1969 folgte er Prof. Selten an die Freie Universität Berlin und später nach Bielefeld, wo er 1976 habilitierte.

 

1980 nahm er einen Ruf an die LFU Innsbruck an. Hier wirkte er bis zur Emeritierung im Jahr 2004 als ordentlicher Professor für Wirtschaftstheorie und Ökonometrie. Von 1999 bis 2004 erwarb er sich als letzter Dekan der SOWI-Fakultät nicht nur durch die erfolgreiche Umstrukturierung der Fakultät große Verdienste, sondern auch durch die Akquirierung neuer Lehrstühle sowie die Gründung des Centre for the Study of International Institutions (CSI).

 

Prof. Chen hat maßgebliche Beiträge auf zahlreichen Forschungsgebieten geleistet, darunter vor allem theoretische und empirische Beiträge zur Entwicklungs- und Ressourcenökonomik, zur Makroökonomik, sowie zur Kreditinformationswirtschaft. In jüngerer Zeit beschäftigt er sich intensiv mit Problemen der Globalisierung und der Rolle der Internationalen Institutionen.