Gastkommentar: Mag. Linda Götzendorfer, Behindertenbeauftragte der Universität Innsbruck

Aus aktuellem Anlass: Wer war Dr. Christoph E. Huber?
Mag. Linda Götzendorfer
Bild: Mag. Linda Götzendorfer

Spontan fällt mir dazu ein, ein Schnelldenker und Vielredner. Ein Familienvater mit 3 Kindern, praktizierender Arzt, studierter Jurist, bekennendes Mitglied des Cartellverbandes, der das Prinzip „Scientia“ wörtlich genommen und gelebt hat. Ein lebenslustiger, neugieriger Mensch, der bis zu seinem Ableben als Student der Juridischen Fakultät regelmäßig Prüfungen absolviert hat.

 

Lebenslanges Lernen

„Geistige Physiotherapie“ war nach seinen eigenen Worten sein Studentsein und die Motivation für sein Studium auf der Universität Innsbruck. Was ist daran Besonderes für einen intelligenten, lernbegierigen Menschen - nach abgeschlossenem Medizinstudium - weit nachdem er die 40 überschritten hatte, sich nochmals unter die „Jugend“ zu begeben? Life long learning, oder das Streben nach „Scientia“, wie die alten Lateiner sagen. Aus  der Tradition einer mit akademischen Ehren ausgestatteten Familie kommend, war die Universität der logische Platz für sein individuelles Streben.

 

Ein gesundes Leben leben

Dr. Christop E. Huber war einer der wenigen Studierenden mit schwerer Behinderung! Was bedeutet das? Das Leben ist per definitionem endlich, und was ist schon gesund? Auf der Medizin wird es nicht gern gesehen, wenn einer von ihrem Fach selbst erkrankt und behindert ist. Ist Krankheit und Behinderung, der Umgang mit kranken und behinderten Menschen  Thema im Curriculum? Der Mangel an Veranstaltungen explizit zu diesem Thema zeigt den Aufholbedarf, und wo sollen es die angehende Ärzte lernen, wenn nicht in der Ausbildung? Als Mitglied der Universitätsklinik wurde Christoph geduldet, für die „Unfehlbaren“ war Christoph mit dem Makel der Fehlbarkeit belastet. Ein schweres Schicksal ist ein schweres Schicksal, und Mann trägt es allein.

Aber Christoph war nicht nur ein Schnelldenker sondern auch ein Querdenker! Unterstützung und Hilfe bekam er von der Selbstbestimmt Leben Initiative, den Johannitern und seinen Geschwistern.
Schön war der Spruch auf seiner Todesanzeige, viel zu schnell vergeht das Licht der Sonne –
Traurig -
dass wir erst jetzt einen Bericht über ihn und sein Engagement schreiben können!

 

Barrierefreie Gestaltung der Universitäten

Für die Medizinische Universität  engagierte er sich aufgrund des Fehlens einer entsprechenden Stelle, ehrenamtlich als Behindertenbeauftragter. Für die Universität Innsbruck, die Stammuni oder LFU hat er sich  Zeit seines Studiums für die Studiengebührenbefreiung der Studenten eingesetzt.

Diese Barriere fiel im WS 2007/8 und ermöglicht begünstigt  behinderten Studierenden ein „gebührenfreies“ Studieren. Nach wie vor bleiben ihnen die Ausgaben für Hilfsmittel und Therapien. Mit dem nötigen Engagement können sie bei diversen Einrichtungen, Unterstützung beantragen. Hilfestellung und Beratung geben ihnen nach Anfrage per Mail die Behindertenbeauftragten, Patrizia.Egger@uibk.ac.at und Linda.Goetzendorfer@uibk.ac.at 

 

Beratung und Barrierefreiheit bei der MUI

Die Medizinische Universität wird diesem Beispiel nachfolgen, oder ist Krankheit und Behinderung kein Thema für die Verantwortlichen in der Medizin? Bei der Gender Medizin Vortragsreihe zum Thema „Altern“  konnten wir junge Mädchen im Rollstuhl  und alte Damen mit Krücken beobachten. Hier wird „Diversity“ groß geschrieben und diese Vorlesungen sind allgemein und behindertengerecht zugänglich! In Innsbruck gibt es 4 Studierende mit Behinderung und wie die psychologische Beratungsstelle berichtet, auch viele chronisch kranke Studenten, die Medizin studieren. Das Fehlen einer betroffenen Behindertenbeauftragten für die Medizinischen Universitäten ist leider ein gesamtösterreichisches Phänomen!

 

Barrierefreiheit der Universitätsgebäude

Auf Christophs Intention hin wurde gemeinsam mit den Behindertenbeauftragten, vor allem durch das Insistieren von Frau Mag. Egger ein Treppenlift für Rollstuhlfahrer zu einem unzugänglichen Hörsaal in der alten Universität errichtet. Christoph  würde sich freuen über eine Tafel ihm zu Ehren beim Bedienungsknopfs des elektronischen Lifts!

 

Nach wie vor sind die „alte Uni“ und Teile der „neuen Uni“ nicht barrierefrei zugänglich . Muss ein chronisch kranker Student mit Behinderung kommen, diese Mängel aufzuzeigen? Von vornherein wird versucht, gerade bei den Neubauten Barrierefreiheit zu erreichen. Aber der Teufel liegt im Detail, keine Planung ist unfehlbar und die Experten werden bei den zukünftigen Bauten nachadaptieren. Nach Mag. Miller, Leiter der Gebäude und Infrastruktur ist die behindertengerechte Gestaltung  der Altbauten der große Brocken. Für das Curriculum 2008 ist geplant, eine verpflichtende Lehrveranstaltung zur Barrierefreiheit für ArchitekturstudentInnen einzuführen.

 

Awareness Training

Christoph war nicht nur ein Schnelldenker, er war auch ein Querdenker - Ausgestattet mit einem elektrischen Rollstuhl bekam er von einem Freund ein leider wenig behindertengerechtes Arbeitskämmerchen auf der Universitätsklinik für seine Projekte. Doch  Christoph war kein „Kammerlhocker“, er war immer unterwegs, on the road, im Klinikzentrum, jeder kannte ihn! Er weitete seinen Bekanntenkreis noch aus, als er auf der juridischen Fakultät studierte. Mit seinen Studienkollegen, den Behindertenbeauftragten und dem  Universitäts-Sport-Institut plante er eine Veranstaltung zum Awareness Training für Rollstuhlfahrer und Nicht-Betroffene. Diese Veranstaltung zur Sensibilisierung und dem Bewusstmachen von  Beeinträchtigung war ein großes Anliegen von ihm!

 

Das Aufzeigen, wie barrierefrei bzw. behindertengerecht der Studienalltag in der Universitätsstadt Innsbruck ist, in der Stadt, bei der Freizeit, in der Universität war eines seiner oft angesprochenen Projekte. Dabei war Nachhaltigkeit, das heißt die Wiederholung dieser Veranstaltung eine notwendige Voraussetzung, damit „Barrierefreiheit“ in die Köpfe aller kommt!


 

Tropfen auf dem heißen Stein

Eine Lebensaufgabe für alle Angehörigen der Universitäten und anderer Bildungseinrichtungen, Bildung, dieses wichtige Gut auch und vor allem Menschen mit Beeinträchtigungen zukommen zu lassen.

An der Universität Innsbruck nehmen Patrizia.Egger@uibk.ac.at und Linda.Goetzendorfer@uibk.ac.at per Mail Anregungen zur Verbesserung der Situation behinderter Studierender und / oder  mit chronischer Erkrankung entgegen. Eine weitere Kommunikationsmöglichkeit für Anregungen bietet der Evaluationsbogen der Lehrveranstaltungen für die Studierenden.

Der neue Bogen wurde mit Hinweismöglichkeiten zum Thema  möglicher Barrierefreiheit der Veranstaltungen ausgestattet. Bei Bedarf und Anfrage kann er von blinden und sehbehinderten Studierenden in einem zugänglichen Format erhalten werden.

Nach oben scrollen