Gastkommentar: Prof. Josef Christian Aigner: Soll’s der Papa richten…??

Mutmaßungen über die wieder als notwendig erkannte Spezies Vater von Prof. Josef Christian Aigner, Institut für Erziehungswissenschaften.
Prof. Josef Christian Aigner
Bild: Prof. Josef Christian Aigner

Der Sozialminister bringt eine Idee in Umlauf, wonach Väter dazu animiert werden sollen, sich der Pflege und Fürsorge der Kleinsten unter uns, ihrer Säuglinge, stärker anzunehmen. Die angebliche „Familienpartei“ ÖVP schreit sofort „Populismus!“, „Brauch ma net!“ usw. - ein weiterer Akt in der sommerlichen Schmierenkomödie der Inlandspolitik?

 

Fest steht, dass wir nach wie vor – trotz der sichtbaren Auffälligkeit alternativer Väter – eine relativ starke Abwesenheit von Vätern in familiären Erziehungsprozessen beobachten müssen. Andererseits wird seitens der Politik, aber auch der Wissenschaft, praktisch alles, was mit Geburt, Kleinkindern, sinkender Geburtenrate usw. zu tun hat, nur an der Spezies Mutter abgeführt und diskutiert. Ist etwa die Rede etwa von kinder- und familienfreundlichen Betrieben, sind zu 100 Prozent immer frauenfreundliche Regelungen gemeint. Väter brauchen so was scheinbar nicht!? Und wird zum Beispiel die Gebärunlust diskutiert und beforscht, wird fast ausschließlich nur an Frauen geforscht.

 

Nun braucht es aber bekanntlich zum Leben-Herstellen (noch) zwei: noch haben Samenbanken und Reagenzgläser den Mann nicht ganz ins Aus befördert. Also sollten wir uns doch fragen: was ist es denn, warum Männer keinen Bock auf Kinder haben? Welche Maßnahmen bräuchte es denn, um Männern wieder mehr Lust auf Familie zu machen? Wieso genießen denn unter bestimmten Bedingungen nur Frauen Arbeitsplatzschutz und Rückkehrrechte? Und – wenn wir da nichts weitertreiben – wieso wundert sich überhaupt jemand, dass die Herren der Schöpfung Babys lieber meiden?

 

Es darf heute – mit Rücksicht auf das Heer von Alleinerziehenden meist weiblichen Geschlechts und dem (unbestrittenen!) Bemühen, diese Familienform als „normal“ anzuerkennen – ja kaum mehr gesagt werden, dass das Aufwachsen ohne Vater auch verdammt leicht nachweisbare Nachteile hat. Kinderpsychiater und –psychologen könnten ein langes Lied davon singen. Der Andere, der Dritte, der anders als die Mutter Spürbare, Riechende, Haltende usw. ist eine entwicklungspsychologische Notwendigkeit von Anfang an. Neugeborene können die Stimme des Vaters – so einer da war – aus 50 anderen Männerstimmen heraus erkennen; Kleinkinder interagieren – wie Videoanalysen beweisen – in lebendiger Form mit beiden Elternteilen, nicht nur mit der symbioseträchtigen Mutter. Väter haben nachweislich vielerlei förderliche Funktionen beim Aufwachsen von klein auf. Und: Väter können eine immens entlastende Funktion für die Mutter haben. All das ist vielfach erforscht.

 

Aber nicht nur für die Kids ist es gut, wenn ein Vater sich kümmert, anerkennt, Aufmerksamkeit schenkt, fördert. Es ist v.a. auch für die Männer selbst eine wichtige Erfahrung – und das nicht erst, wenn man(n) mit Sohnemann am Fußballplatz mehr oder weniger infantile Konkurrenzkämpfe abziehen kann. Nein: besonders ganz kleine Kinder, deren Pflege traditioneller Weise (und auch in sehr „fortschrittlichen“ Partnerschaften) immer noch stark mutterlastig gelebt wird, würden wichtige Erfahrungen von Männern, vor allem auch in Richtung Fürsorglichkeit und Nähe zu Kindern, nach sich ziehen. Wer weiß, wie Männer, die diese Kleinkind-Nähe erleben können, in den großen Dingen des Lebens anders denken und entscheiden würden? Die Schwäche, Hilflosigkeit, Ausgeliefertheit und Angewiesenheit des Nesthocker-Menschenkindes könnten ein gutes Kontrastprogramm gegen die verhärteten und verhärtenden Lebensumstände sein, die Männern immer noch mehr als Frauen eine brutalsierte berufliche Biografie aufzwingen, in der für derlei menschlichen Umgang kein Platz ist: stell deinen Mann, brems deine Gegner aus, übertrumpf deine Widersacher usw.: all das spielt im Zusammenleben mit kleinen Kindern keine Rolle, ja würde dort absurd und lächerlich wirken.

 

Also? Warum nicht die Nähe Mann-Kleinkind fördern? Freilich ist eine solche Maßnahme allein zu wenig; es braucht einen Katalog von Maßnahmen, die die Nähe von Männern und Kindern wieder wahrscheinlicher machen, die das „Kindbezogene“ im Mann fördern, die die unmittelbare Verantwortung von Männern für Kinder und damit für die folgenden Generationen forcieren.

 

Schon haben wir nur mehr etwa 11% Volksschullehrer in Österreich, in Ausbildung sind nur mehr 7% Männer; die 78 Kindergärtner im ganzen Land sind eine höchst überschaubare Gruppe; die paar Prozent wirklich „neue Väter“, die bei ersten Belastungen durch die Kinderbetreuung schnell in konventionelle Muster traditioneller Geschlechter-Arbeitsteilung ausweichen, machen das Vater-Kraut auch nicht fett.

 

Anstatt sofort aufzuheulen, wenn andernorts bereits gut gelaufene Modelle der Heranführung von Vätern an Kinder vorgeschlagen werden, sollten unsere FamilienpolitikerInnen besser alle Phantasie walten lassen, wie die „Spezies Vater“ abseits pauschalierender Drückeberger- oder Missbraucher-Klischees wieder nicht nur beschworen, sondern praktisch in ihrer Bedeutung gefördert und gefordert werden kann.

 

Dieser Kommentar erschien am 06.08.2007 unter der Rubrik "Kommentar der anderen" im Standard.