Gastkommentar: o. Univ.-Prof. Dr. Kurt Ebert: Akademische Premiere im Fernen Osten Russlands

Über Einladung der Juridischen Fakultät der Yakutischen Staatsuniversität (Kurzbezeichnung: YaGU) lehrte der Verfasser dieser Zeilen drei Monate lang in Yakutsk an der Lena (in russischer Sprache).
o. Univ.-Prof. Dr. Kurt Ebert
Bild: o. Univ.-Prof. Dr. Kurt Ebert
Yakutsk - kälteste Universitätsstadt der Welt.
Yakutien – riesiges Land unermesslicher Bodenschätze

 

Yakutsk ist die Hauptstadt der russländischen Teilrepublik Yakutien/Sacha, deren Flächenausmaß das Zehnfache Italiens beträgt und welche somit der territorial größte Gliedstaat der Welt ist. Auf diesem von extrem kontinentalem Klima geprägten ostsibirischen Territorium befinden sich auch die beiden „Kältepole“ der (bewohnten) Welt, Oymiakon und Verchojansk, wo Tiefsttemperaturen von -71,2o bzw. -67,8o C registriert wurden. Yakutsk selbst liegt über 300 km nördlicher als vergleichsweise Stockholm und wies heuer noch in der zweiten Februarhälfte Temperaturen bis -46o C auf. Im Dezember und Jänner fällt dort die Quecksilbersäule sogar unter   -50o C!

 

Leider kommt der immense Reichtum an Bodenschätzen wie vor allem Diamanten, Gold, Zinn, Antimon, Silber, Blei, Zink, Quecksilber, Phlogopit, Wolfram, Eisenerzen, Steinsalz, Kohle, Erdöl und Erdgas zum Großteil nicht der autochthonen Bevölkerung Yakutiens zu Gute, sondern wird vom Zentralstaat ausgebeutet und kommerzialisiert, sodass man die mit dem yakutischen Namen als Sacha bezeichnete Republik per saldo als „reiches Land armer Leute“ charakterisieren muss[1].

 

Ungeachtet der vorherrschenden rauhen Lebensbedingungen ist die noch relativ junge Yakutische Staatsuniversität (YaGU) seit 1991 sehr bemüht, internationale Beziehungen mit dem Ziele der „Gewährleistung eines modernen Niveaus der wissenschaftlichen Lehr- und Forschungsarbeit sowie der Verankerung der Universität in der internationalen Gemeinschaft der Universitäten“ aufzubauen.[2] Diesem Ziele dient vor allem das Mobilitätsprogramm „Sever-Sever“ (= Norden-Norden) im Rahmen des zirkumpolaren Verbundes „Universitet Arktiki“ (University of Arctic). Konkret werden hier die Staaten Norwegen, Finnland, Schweden, Island, Kanada (University of Saskatchewan) und USA (Alaska), mit denen ein für unsere heimischen Verhältnisse noch recht bescheidener jährlicher Austausch von Studierenden stattfindet, angeführt, wobei offiziell betont wird, es sei „durchaus nicht einfach, mit fünfzehn Universitäten und Colleges in Verbindung zu stehen und Plätze für dreißig Studierende in verschiedenen Ländern zu finden“[3].

 

In diesem Zusammenhang wird generell über „schlechte Fremdsprachenkenntnisse“ geklagt, welche „eine unüberwindliche Barriere für die Teilnahme sowohl von Studierenden als auch von Lehrenden an internationalen Programmen“ darstellen. Ferner wird bedauernd festgestellt, dass die Lehrveranstaltungen aller Disziplinen an der YaGU nur in russischer Sprache abgehalten werden, „was die Anzahl ausländischer Studenten einschränkt“. Demgegenüber habe die Erfahrung gezeigt, „dass solche Programme, wie Ökologie, Ethnographie, Geographie, Umgang mit natürlichen Ressourcen, Sprachen und Kulturen der Völker des Nordens, Feldforschungspraktika in Geographie, Geologie und Biologie potentielle Studierende aus ausländischen Hochschulen anziehen könnten“. Folglich müsse das Sprachenstudium „in der Strategie der Universität in den kommenden Jahren Priorität“ beanspruchen.

 

Im Zeichen dieser Bestrebungen steht auch die nunmehr bereits seit mehr als zwei Jahren existierende faktische Zusammenarbeit der YaGU mit der Universität Innsbruck, in deren Rahmen bisher fünf Studentinnen der Slawistik bzw. Translationswissenschaften aus Innsbruck ein bis zwei Semester in Yakutsk und vier Studierende der Yakutischen Staatsuniversität jeweils ein Semester in Innsbruck studiert haben. Für das Studienjahr 2007/8 sind bereits je drei Studierende für Innsbruck bzw. Yakutsk nominiert worden. Das im Jahre 2005 vom Verfasser dieser Zeilen angeregte Austauschprogramm soll nunmehr über ausdrücklichen Wunsch der YaGU durch ein offizielles Abkommen der beiden Universitäten auch rechtlich formalisiert und nach Möglichkeit auf alle hiefür in Frage kommenden Fakultäten ausgeweitet werden. Ad hoc sei daran erinnert, dass im „Abkommen über Partnerschaft und Zusammenarbeit zur Gründung einer Partnerschaft zwischen den Europäischen Gemeinschaften und ihren Mitgliedstaaten einerseits und der Russischen Föderation andererseits“ sich die Vertragsparteien ausdrücklich verpflichtet haben, „das Niveau der allgemeinen Bildung und der beruflichen Qualifikationen sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor anzuheben“, wobei sich die angestrebte Kooperation insbesondere auch auf die „Zusammenarbeit zwischen Hochschulen“, die „Mobilität von Lehrkräften, Graduierten, jungen Wissenschaftlern und Forschern, Verwaltungspersonal und Jugendlichen“ sowie auf die „Unterrichtung der Sprachen der Gemeinschaft und Russlands“ konzentrieren soll.[4]

 

Zur Bedeutung der soeben vollendeten Lehrtätigkeit des Verfassers an der YaGU hält der Dekan der dortigen Juristenfakultät in einem offiziellen Schreiben an Dekan Wachter fest: „Erstmals wurden an unserer Fakultät Vorlesungen auf hohem europäischen Niveau gehalten. Unsere Studenten … erhielten die Möglichkeit, die Einschätzung der Entwicklung und des heutigen Standes der Europäischen Union von der Warte eines europäischen Professors kennen zu lernen, was eine unschätzbare Erfahrung war“.[5]

 

 

Petropavlovsk-Kamčatskij – östlichste Universitätsstadt Asiens.
Kamtschatka –Faszinierende Halbinsel majestätischer Vulkane und heißer Quellen

 

Einer Einladung der Kamtschatkischen Staatsuniversität „Vitus Bering“ Folge leistend, verbrachte der Autor dieses Beitrags die letzte Aprilwoche d. J. 2007 auf Kamtschatka, wohin man von Yakutsk aus nur über Vladivostok fliegen kann. Die dortige Vitus Bering-Universität ist die älteste Einrichtung für Höhere Bildung in Kamtschatka und wurde im Jahre 1958 als „Pädagogisches Institut“ gegründet. Sie ist erst im Jahre 2000 zur „Pädagogischen Universität“ erhoben und schließlich 2005 als „Kamtschatkische Staatsuniversiät Vitus-Bering“ (Kurzbezeichnung: KamGU) reorganisiert worden.

 

Auch diese noch sehr junge, offensichtlich in einem dynamischen Entwicklungsprozess sich befindende Universität zeigte großes Interesse am Integrationsprozess der geographisch sehr weit entfernten EU, welche ungeachtet einer Zeitdifferenz von 11 (Mitteleuropa) und 12 Stunden (United Kingdom) jedoch als politischer „Nachbar“ zu qualifizieren ist. Der geopolitischen Lage entsprechend hat diese Universität bisher ihre internationale Kooperation auf die USA, Japan, Südkorea und China konzentriert.

 

Wie anlässlich eines formellen Empfangs im Anschluss an den Gastvortrag des Verfassers dieser Zeilen ersichtlich wurde, möchte die KamGU auch universitäre Partner in Ländern der EU gewinnen. Was die Universtität Innsbruck betrifft, sollte diese fernöstliche Universität neben Studierenden der Slawistik bzw. des Russischen vor allem für naturwissenschaftliche Fachbereiche mit Bezug auf die einzigartigen Phänomene dieser entlegenen Weltgegend besonderes Interesse beanspruchen[6]. In diesem Zusammenhang sei vor allem auf das internationale Sommerlager auf den Kommandeur-Inseln, einer Inselgruppe 200 km vor der Ostküste Kamtschatkas, jeweils im Monat August, hingewiesen. Für Ethnologen dürften Studien vor Ort über die dort beheimateten Volksgruppen der Korjaken und Ewenen sowie über die Jukagiren, Tschuktschen und Aleuten von besonderem wissenschaftlichem Reiz sein. Im Rahmen der Reihe „Universum“ hat übrigens auch der ORF vor einigen Monaten eine vom Franzosen Nicolas Hulot moderierte eindrucksvolle Dokumentation über Kamtschatka gesendet.

 

Abschließend sei Herrn Rektor Gantner, Herrn Vizerektor Wieser und Herrn Dekan Wachter sehr herzlich für ihr großzügiges Entgegenkommen bei der dienstrechtlichen Freistellung an der Universität Innsbruck gedankt, ohne welche eine Lehrtätigkeit in diesem Ausmaße im Fernen Osten der Russländischen Föderation nicht möglich gewesen wäre.



[1] „Bogataja strana bednych ljudej“ - so auch der Titel eines kritischen Artikels in „Argumenty i fakty“, No. 7, 2007, Seite 8.

[2] Yakutskij Universitet No. 3 (3476), 28.2.2007, Seite 1.

[3] Ebd. Seite 1.

[4] Siehe Art. 63 (Allgemeine und berufliche Bildung) des zitierten Abkommens, Amtsblatt Nr. L 327 vom 28. 11. 1997, Seite 0003 bis 0069.

[5] Brief von Dekan P. V. Gogolev der Juridischen Fakultät der YaGU an Dekan Gustav Wachter vom 8. Mai 2007.

[6] Siehe dazu im Internet Näheres unter www.kamgpu.ru