Gastkommentar: Prof. Michael Schratz und Mag. Margret Fessler: Mehr Sachlichkeit bitte! Für eine Schule mit Zukunft

Prof. Michael Schratz, Leiter des Instituts für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck hat diesen Kommentar gemeinsam mit Mag. Margret Fessler, Lektorin an der Universität Innsbruck und AHS-Lehrerin in Innsbruck, verfasst.
Prof. Michael Schratz
Bild: Prof. Michael Schratz und Mag. Margret Fessler
… und kein bisschen weiser …

Den Zustand einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie ihr Schulwesen organisiert, denn darin spiegeln sich die Erwartungen an künftige Generationen. Aus dieser soziologischen Perspektive wird das ganze Dilemma deutlich, das die gegenwärtige Debatte um die Schule der Zukunft beherrscht: Ideologische Scheuklappen verengen den Blick, die Parteioptik bestimmt, was für unsere jungen Menschen „richtig“ bzw. „falsch“ ist.

Wir sind überzeugt, dass dieses Niveau der öffentlichen Auseinandersetzung nichts Gutes bewirken kann. Eltern und Kinder haben ein Recht auf die beste (Aus-)Bildung, und es ist die Pflicht des Staates diese zu bieten. Warum wird diese Diskussion nicht mit pädagogischem Eros und patriotischem Stolz geführt? Es scheint fast so, als ob die SchülerInnen für das Schulsystem da zu sein haben, als ob es darum ginge (Hoch-)Schulstandorte zu sichern, LehrerInnen zu beschäftigen, Wahlen zu gewinnen u.a.m. Schulen sind aber dazu da, jeden einzelnen Schüler und jede einzelne Schülerin bestmöglich zu fördern und sie zu den höchsten Bildungsabschlüssen zu führen. Fazit: Um diese anspruchsvolle Aufgabe zu erfüllen, sind alle gesellschaftlichen Kräfte erforderlich, die derzeit in Positionskämpfe, Nachhilfestunden und sonstige Nebenschauplätze investiert werden.

Wir fassen im Folgenden die aktuellsten Erkenntnisse aus der internationalen Forschung zur Wirksamkeit von Schulen zusammen und stellen eine Schule mit Zukunft vor, welche die jungen Menschen als Generation in den Mittelpunkt rückt.

 

Ganzheitlicher Bildungsauftrag

Eine Schule mit Zukunft für die Gesellschaft von Morgen baut auf ganzheitliche Bildung und Erziehung. Die Gleichwertigkeit von akademischen, dynamischen und sozialen Kompetenzen ist Grundlage der Gestaltung von Lern- und Lebenswelten, die über den Tag verteilt auf die Bedürfnisse der Lernenden und Lehrenden abgestimmt sind. Zeitliche und örtliche Plätze für eine eingehende individuelle Beschäftigung mit akademischen Inhalten und Fragestellungen sind ebenso erforderlich wie Orte, die schöpferischen Kräften und kreativer Gestaltung Raum bieten. Die zeitliche Strukturierung folgt den Bedürfnissen der Lernenden, sich einer Sache so lange widmen zu können, wie es diese verlangt. Anpassung der zeitlichen Räume an Inhalte ist daher vordringlich. Andererseits gilt es auch Kreuzungspunkte von Lernwegen einzuplanen und zu verorten. Das wiederholte und planmäßig verankerte Zusammentreffen der Schülerinnen und Schüler zum gemeinsamen Lernen ist ein wesentliches Element, um das Zusammenwirken einer Gruppe von Menschen erfahrbar zu machen. Die Persönlichkeitsentwicklung des einzelnen Schülers und der einzelnen Schülerin wird durch die unmittelbare Auseinandersetzung im Sozialraum Gruppe als Teil der Gesellschaft gefördert.

 

Lokaler Bildungsauftrag

Die Schule ist der einzige gesellschaftliche Ort, an dem alle Bürgerinnen und Bürger ein Stück ihrer gemeinsamen Lebenszeit verbringen. Da die ersten acht Schuljahre junge Menschen (nach dem entwicklungspsychologisch wichtigen Bereich der vorschulischen Erfahrungen) am stärksten prägen, sollten sie gemeinsam für Bildungs- und Erziehungsprozesse aller genutzt werden. Daher ist unsere Schule ein Ort des Lebens und Lernens in der Gemeinschaft derjenigen, die im Stadtteil des Standorts zu Hause sind. Die SchülerInnenpopulation bringt somit ihre gesellschaftliche Realität in die schulische Welt ein. Dies eröffnet mehrere Möglichkeiten des Lernens und Lehrens: Einerseits ergibt sich eine engere Anbindung an andere bildungswirksame Faktoren wie Familie, Peers und örtliche Lebensgegebenheiten. Andererseits kann Schule auf diese Lebenswelten der Lernenden einwirken. Ziel dieser Verzahnung ist die Verankerung einer Lernkultur, die als nicht abgehoben erlebt wird und die berücksichtigt, dass Lehren und Lernen in einem Kontext stattfindet, der mitbedacht bzw. sogar mitgestaltet werden kann. Durch die Verankerung der Schule in ihrem Stadtteil und somit bei ihren Bewohnern sind Lehrinhalte wie z.B. Berufsorientierung, Multikulturalität, Soziales Engagement usw. leichter erlebbar/ erfahrbar zu machen.

 

Grundprinzipien des ganzheitlichen Bildungsbegriffs

Folgende Grundprinzipien eines ganzheitlichen Bildungsbegriffs bilden die Grundpfeiler für die Organisation von Schule und Unterricht an unserer Schule: Wissensaneignung, Selbst- und Sozialkompetenzen, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung, Aufbau einer persönlichen Werthaltung und soziale Integration, Wertschätzung, Aktives Helfen, Kommunikation und Konfliktbewältigung, Mitsprache und Mitbestimmung, Interessenvertretung, Management und Leadership. Die einzelnen Grundprinzipien lassen sich hier aus Platzgründen nicht ausführlich darstellen, das Gesamtkonzept kann über uns bezogen werden.

 

Lehr-/Lernkultur und didaktische Umsetzung

Die Schule für die Zukunft unserer Kinder ist ein Mikrokosmos, der Schülerinnen und Schüler entdecken und erleben lässt, wie sie sich selbst in Beziehung zu dem stellen, was als Lehr- und Lerninhalte umrissen wird. Leistungsorientierte Differenzierung in dynamischen Gruppierungen im Bereich des Bildungsfundaments (Mittelstufe) sowie Schwerpunktsetzung und Wahlmöglichkeiten im weiterführenden Bereich (Oberstufe) ergeben sich als notwendige Maßnahmen sinnstiftenden Lernens.

In didaktisch-methodischer Hinsicht steht die Selbststeuerung und Selbsttätigkeit der Schülerinnen und Schüler im Vordergrund. Auf Lebensnähe und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten im Lernprozess wird besonders Wert gelegt. Die Lern- und Präsentationsmöglichkeiten, die Informationstechnologie und neue Medien (IKT) bieten, sind verstärkt einzubinden. Flexibilität und Personalisierung in der Gestaltung von Lernangeboten sind anzustreben.

 

Lernen – Fördern – Begleiten / Evaluieren – Bewerten – Benoten

Die Schule erwartet von allen Schülerinnen und Schülern eine hohe Leistungsbereitschaft und schafft starke Lernumgebungen, die diese ermöglichen. Dazu ist eine klare Unterscheidung zwischen den Bereichen Lernen – Fördern – Begleiten (LFB) und den Bereichen Evaluieren – Bewerten – Benoten (EBB). Der erste Bereich inkludiert die Definition von Fehlern als Lernchance, den Aufbau einer wertschätzenden Feedbackkultur und das Ausarbeiten von Förderkonzepten. Der zweite Bereich umschließt durchgehende Transparenz der Leistungsanforderungen, Offenlegung der Bewertungskriterien und die Einbeziehung von Beurteilungsinstrumenten, die die Leistung des Einzelnen / der Einzelnen auf verschiedenen Ebenen sichtbar macht (z.B. Portfolios).

 

Lehrpersonen in Jahrgangsteams

Lehrerinnen und Lehrer in unserer Schule nehmen die Rolle der Leitung und Begleitung von Lernprozessen wahr. Ebenso sehen sie sich als Mitverantwortliche für die Weiterentwicklung und Umsetzung des Erziehungsauftrages. Sie sind sich der Vorbildfunktion bewusst und fühlen sich einer ethischen Grundhaltung verpflichtet, die den Menschen in den Mittelpunkt ihres Tuns stellt. Um diese Aufgabe in hinreichender Form wahrnehmen zu können, ist eine möglichst stabile Beziehung zwischen LehrerInnen und SchülerInnen erforderlich.

Dazu werden Jahrgangsteams gebildet, die den Schülerinnen und Schülern stabile und kontinuierliche Lernarrangements über die Jahre ermöglichen. In Gruppen arbeiten sie mit eigenen Trainingsprogrammen zu Lerntechniken, Kooperation, Arbeitseffizienz. Hier lernen sie auch über ihre Sorgen zu reden und wie man sie aus der Welt schafft, sie lernen ihre Interessen zu vertreten und dabei Rücksicht auf andere zu nehmen. Sie lernen durch Wochenplan, Freiarbeit, Langzeitaufgaben ihre eigenen Lernwege zu gehen und Lerntempi auszunutzen. Die Jahrgangsverbände bieten so über lange Zeit hinweg bestmögliche Arbeitsbedingungen, Schutz und Anreiz. Ihnen sind über Jahre feste Lehrerteams zugeordnet. Auf diese Weise werden die Beziehungen gefördert; die Lehrpersonen lernen zugleich die Schülerinnen und Schüler sehr genau kennen und können ihr Lernen und ihre Entwicklung optimal begleiten. Und sie arbeiten in Teams, sprechen sich ab und evaluieren ihre Arbeit.

 

Ganztagsschule für alle SchülerInnen

Durch die Verankerung der Schule in ihrem Stadtteil und somit bei ihren Bewohnern soll sie ein Ort des Lebens und Lernens in der Gemeinschaft sein, in der die Kinder und Jugendlichen in ihrer heterogenen Zusammensetzung miteinander und voneinander lernen. Ein rhythmisierter Tagesablauf mit Phasen intensiven Lernens und entsprechenden Entspannungsphasen erfordert ein Ganztagsschulangebot, das SchülerInnen und LehrerInnen die Möglichkeit gibt, die Zeit als wertvollste Ressource in der Pädagogik sinnvoll zu nutzen: für intensive Lernphasen, aber auch soziale Begegnungen, Teamabsprachen, Still- und Gruppenarbeiten sowie das gemeinsame Organisieren von Tagesabläufen (incl. Essenszeiten). Dieser zeitliche Rahmen schafft die Möglichkeit, dass die Lehrenden auch tatsächlich auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler eingehen können.

 

Architektur und Raumgestaltung

Nicht erst seit der PISA-Studie wird darüber diskutiert, inwiefern die Schularchitektur einen positiven Beitrag zum Unterrichtsklima leisten kann. Räume sind deshalb so bedeutsam, da sie einen prägenden Charakter auf die darin organisierten Lehr- und Lernprozesse haben. Die Wechselwirkung zwischen Pädagogik und Architektur spielt eine gewichtige Rolle für das Schulleben. Der Raum wird der dritte Pädagoge genannt (erster = Kinder, zweiter = Lehrpersonen). Aus der Schul- und Unterrichtsforschung ist bekannt, dass die Lernumgebung für das Lehren und Lernen besonders bedeutsam ist - auf den Punkt gebracht: Raumkultur bestimmt Lernkultur. Da sich die Teilhabe am menschlichen Miteinander in physischen oder virtuellen Räumen abspielt, gibt es neben der räumlichen auch eine soziale Architektur, die dies ermöglicht.

Die Schule der Zukunft für unsere Kinder und Jugendliche ist räumlich so gestaltet, dass in der Architektur den Anforderungen des beschriebenen Konzepts Rechnung getragen wird. Bauliche Gegebenheiten ermöglichen das Arbeiten in kleinen Gruppen (LehrerInnenteams; SchülerInnengruppen, …), in Klassen- und Jahrgangsverbänden und in Großgruppen. Weiters soll eine Begegnung und Kooperation mit der Umwelt der Schule (z.B. Eltern, außerschulischer Institutionen) möglich sein (Öffentliche Bücherei etc.). In der Planung des Schulgebäudes ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Architektur und Schulkonzept erforderlich, um den erforderlichen funktionalen und ästhetischen Ansprüchen eines modernen Lern- und Lebensraums gerecht zu werden.

Warum also ist es so schwer zur Kenntnis zu nehmen, dass unser Wissen um Lernen und Schule neue Perspektiven und Wege eröffnen kann?

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