Gastkommentar: Prof. Dr. Jörg Becker

Nushu: Eine Schrift von Frauen für Frauen in China
Prof. Dr. Jörg Becker
Bild: Prof. Dr. Jörg Becker

Einst lebte in einem Dorf ein Mädchen namens Pun-hau. Sie war so schlau, dass die anderen Leute im Dorf dachten, sie sei ein Mann. Bei der landesweiten Beamtenprüfung schloss sie sogar mit dem besten Examen ab. Eines Tages kam jedoch ein Beamter aus einer anderen Provinz und warf sie ins Gefängnis. Und weil sie dort keinen Kontakt zu ihrer Familie haben konnte, dachte sie sich eine Schrift aus. Jeden Tag schuf sie ein neues Zeichen und nach drei Jahren hatte sie alle notwendigen Zeichen zusammen. Dann schrieb sie einen Brief in dieser neuen Schrift Nushu und bat einen Hund, diesen Brief zu ihrer Familie und ihren Freunden zu bringen.

 

Es gibt einen weiteren Mythos um die Entstehung der Nushu-Schrift. Er handelt von Hu Yuxiu, eine Konkubine des chinesischen Kaisers Song Zhezong (1086-1100). Nach dieser Geschichte soll sich die kaiserliche Freundin einsam gefühlt und Sehnsucht nach ihrer Heimat gehabt haben. Aus Angst davor, jemand Unbefugter könne ihre Briefe nach Hause lesen, erfand sie die Nushu-Schrift, um mit ihrer Familie und ihren Schwurschwestern geheimen Kontakt halten zu können.    

 

Diese beiden Mythen finden sich als Bilderfolge auf den Wänden des Nushu-Kulturzentrums in dem Zweihundert-Seelen-Dorf Pumei im Bezirk Jiang Yong der Provinz Hunan im südlichen China. Mit außerordentlich viel Geld von der Bezirksregierung erbaut, soll dieses Zentrum zu einem Sammelpunkt aller Nushu-Aktivitäten werden. Zur Eröffnung des Nushu-Zentrums und der ihm angeschlossenen Mädchen-Nushu-Schule fand 2002 ein internationales Symposium zur Erforschung der Jiangyong Frauenschrift statt.

 

Zu beschreiben und zu analysieren, was es mit dieser Frauenschrift Nushu auf sich hat, ist schwer, weil es eigentlich mehr offene Fragen als einvernehmliche Antworten gibt.

 

Die meisten Menschen in der Provinz Hunan sprechen drei verschiedene Sprachen: Putonghua (Mandarin-Chinesisch), Xiang und Tuhua. Mit Putonghua deckt der Sprecher die nationale Sprachebene ab, Xiang ist der typische Dialekt dieser Provinz und Tuhua wird von rund vier Millionen Menschen in zehn Bezirken gesprochen. Tuhua ist die Sprache der Dörfler, der Familie und des alltäglichen und informellen Umgangs untereinander. Eine Verschriftlichung von Tuhua gibt es nur in der Frauenschrift Nushu und auch das in nur rund 30 Dörfern, die in einem Abstand von zwei bis drei Stunden Fußweg von einander getrennt liegen.

 

Das Alter von Nushu ist unbekannt. Zhou Shuo Yi, Autor des einzigen Nushu-Chinesischen Wörterbuches, schätzt das Alter von Nushu wegen der Ähnlichkeit seiner Schriftzeichen mit alten Knocheneinritzungen auf 4.000 Jahre. Vehement widerspricht dem Zhao Liming von der Tsinghua Universität in Beijing. Sie vermutet, dass sich die Nushu-Schrift erst nach der Ming-Dynastie (1368-1644) entwickelt habe. „Nushu“ heißt im Chinesischen „Schrift der Frauen“ und ist ein Kunstwort aus der Wissenschaft. Die Frauen selbst, die diese Schrift benutzten, nannten Nushu nur „Frauenschrift“ oder „Ameisen-„ oder „Moskito-Schrift“ wegen der lang gezogenen „Beine“ der Schriftzeichen. Im Gegensatz dazu steht der Begriff „Männerschrift“, mit dem sie das Hanzi, also das chinesische Schriftsystem, benannten. Während die vielen tausend chinesischen Hanzi-Schriftzeichen jeweils eine Bedeutung haben, sind die nur rund 600 Nushu-Zeichen phonetischer Natur wie bei europäischen Schriften. Nushu wird - wie im klassischen Chinesisch - von oben nach unten und von rechts nach links geschrieben.        

 

Die Quellenlage der Frauenschrift ist alles andere als einfach. Die in Nushu verfassten Büchlein waren derartig eng mit der Identität ihrer Besitzerinnen und Autorinnen verbunden, dass sie gerade nicht für irgend eine andere Frau aufgehoben, sondern beim Begräbnis ihrer Besitzerin verbrannt wurden, damit man sie auch noch im Leben nach dem Tod lesen könne. Die wenigen Schriften, die nicht verbrannt wurden, gerieten dann später in die Hände von Aktivisten der großen proletarischen Kulturrevolution (1966-1976). Was immer sie noch an Nushu-Manuskripten zu jener Zeit fanden, galt ihnen als „Hexenschrift“ oder als konterrevolutionär und wurde von ihnen zerstört. Gegenwärtig gilt ein Bestand von rund 1.100 Nushu-Büchlein mit jeweils zwischen neun und zwölf Seiten an verschiedenen Universitäten als gesichert. Allerdings gehen diese Texte fast zur Hälfte auf nur zwei Gewährsfrauen zurück, nämlich Gao Yin Xian und Yi Nian Hua. Das Alter aller vorhandenen Nushu-Texte wird auf höchstens 100 Jahre geschätzt. Sie sind also keinesfalls (nur) „Märchen aus alten Zeiten“, sondern (auch) Spiegel des 19. und 20. Jahrhunderts.

 

Der größte Teil aller Nushu-Texte besteht aus den Sanzhaoshu, den so genannten Tagebüchern des Dritten Tages. Das sind kleine Büchlein, die Frauen aus dem Heimatdorf der in ein anderes Dorf heiratenden Braut am dritten Tag ihrer Hochzeit schenken:

 

„Immer, wenn ich etwas auf den Fächer schreibe, fallen mir die Tränen auf das Papier. Es war schön, unsere Eltern und Verwandten an Deinem Hochzeitstag zu sehen. Dieses schreibt Dir Deine Schwägerin. Ich freue mich schon darauf, Dich am dritten Tag nach Deiner Hochzeit wieder zu sehen. Als ich Dich so zu Deiner neuen Familie wegziehen sah, zog sich mein Herz vor Schmerz zusammen. Ich ging nach Hause mit Tränen in den Augen. Widerstrebend nur lasse ich Dich ziehen. Hier zu Hause warst Du Deinen Eltern eine Prinzessin. Was bist Du doch für ein freundliches Mädchen: nett zu Eltern, Brüdern und Schwestern. Auch kannst Du gut handarbeiten und bist recht klug. Mehr als fünf lange Jahre waren wir zusammen. Du bist ein gutes Mädchen und nie schwätzt Du hinter dem Rücken anderer Menschen. Dies war die schönste Zeit Deines Lebens. Doch nun musst Du Dich von Deiner Mädchenzeit verabschieden. Widerstrebend nur lasse ich Dich ziehen. Glücklicherweise sind Deine Schwiegereltern nette Menschen. Bitte kümmere Dich nach Deiner Heirat um sie. Und sei wegen Deiner Eltern hier nicht allzu traurig; wir werden uns schon um sie kümmern. Grüss bitte recht lieb Deine Schwiegereltern. Besondere Nachricht an die Schwiegereltern der Braut: Ihr solltet wissen, dass wir nicht aus einer reichen Familie kommen und deswegen können wir unserem Mädchen keine Geschenke mitgeben. Da sie in sehr jungem Alter Eure Schwiegertochter wird, möchte ich Euch bitten, Geduld mit ihr zu haben. Und falls es möglich ist, erlaubt ihr bitte, uns eines Tages zu besuchen.“

 

Die Tagebücher des Dritten Tages sind das Herzstück der Nushu-Schriftkultur. Sie waren stets in Gedichtform, ihre Texte wurden eher gesungen als gesprochen und viele Textbausteine wiederholen sich. Da gab es auf der einen Seite die Mutter, die Schwestern, die Groß- und die Urgroßmütter, die Tanten, die Cousinen und die Freundinnen und da gab es außerdem die speziellen Bünde der Jiebaizimei-Schwurschwestern und der Laotong-Schwesternschaften. Unterschiedlich stark formalisiert waren beide Schwesternschaften Freundinnenbündnisse der Mädchen untereinander, die manchmal auch eine Heirat überdauern konnten. So war es also oft mehr oder weniger die ganze weibliche Dorfhälfte, die der jungen Braut ein Tagebuch am dritten Hochzeitstag mit auf    ihren Lebensweg gab.            

 

Nushu war nicht nur Schrift und   Gesang, war außerdem oft auch ein gemaltes Schriftbild auf dem Fächer oder war gestickte Schrift auf Taschentüchern. Inhaltlich stehen in den Tagebüchern des Dritten Tages folgende Themen im Vordergrund: Erinnerungen an früher, Ankündigung von zukünftigen Besuchen, Ermahnungen, die alten Freundinnen nicht zu vergessen und das heftige Klagen darüber, dass es nun eine traurige Trennung gäbe.   

 

Auch wenn sich die Nushu-Schriften im wesentlichen auf eine feminine Kommunikation über feminine Themen konzentrierten, sind einige der erhaltenen Texte anderen Genreformen zuzuordnen. So gibt es viele Autobiographien und Biographien, Märchen, Volkslieder, Berichte über lokale oder historische Ereignisse, Trauertexte, Einladungsbriefe, Ratschläge, Schmähtexte und Gebete an die Fruchtbarkeitsgöttin Gupo.

 

In einem Heftchen mit dem Titel „Die Chronik. Der Zweite Weltkrieg. Widerstandskrieg gegen Japan. China liegt am Boden“ schildert beispielsweise eine Frau die Gräuel japanischer Truppen im besetzten China mit folgenden Worten:

 

„Die Felder waren völlig ausgetrocknet und töteten das Korn. Ohne Reis verhungern die Menschen zu Hause. Menschen ohne eigenen Charakter und Willen sind wertlos. Auch unser Land ist wertlos, ist unfähig und kann deswegen von außen überfallen werden. Im Jahre Jiǎ kämpften die Shēn-Leute mit den Japanern. Dabei erlitten die Bürger große Verluste. Die Japaner sind so grausam, dass das Verbrechen überall gegenwärtig ist. Sie töten die Menschen und verbrennen die Häuser. Es gäbe noch so viel zu berichten, zum Beispiel über Massenerschießungen; aber ich kann das nicht, es gibt einfach zu viele davon. Deswegen konzentriere ich mich hier darauf, dass die Japaner Frauen vergewaltigen.”

 

Wie bereits angedeutet, gibt es bei einer weltweit nur kleinen Zahl von Nushu-Forscherinnen und -forschern gravierende Unterschiede darin, wie die soziale Funktion dieser weltweit einmaligen Frauenschrift zu verstehen sei.    

 

Da ist zum ersten die Position westlicher Feministinnen, die diese chinesische Frauenschrift vor ihren eigenen universalistischen weiblichen Emanzipationskarren spannen. Dass der Konfuzianismus die Frauen unterdrückt und sie auf das obere Gemach des Hauses verbannt habe, dass sie zwangsverheiratet und dass die Füße verkrüppelt wurden: alle diese Argumente sind einem kulturblinden und projektiven Feminismus als stereotype und verallgemeinerte Positionen eher konstitutiv als dass sie en detail erarbeitet und nachgewiesen würden. Die Nushu-Schrift erscheint hier als Kampfinstrument gegen männliche Dominanz im Konfuzianismus und als positiver Vorläufer einer globalen weiblichen Emanzipationsbewegung. Nushu-Frauen seien möglicherweise sogar lesbisch organisiert gewesen. Paradigmatisch für diese Sichtweise steht der 2005 im Bertelsmann-Verlag erschienene exotistische Trivialroman „Der Seidenfächer“ von Lisa See.

 

Zweitens unterscheiden sich viele Nushu-Forscherinnen da, wo es jenseits der Geschlechterfrage um die soziale Dimension der Nushu-Schrift geht. Sind die einen überzeugt, dass eine solche Schrift von Bauern auf dem Land entwickelt werden konnte, blenden die meisten Forscherinnen die soziale Dimension des Nushu aber völlig aus. Ist die „Erfindung“ von Schriftsystemen bislang auf das Herrschafts- und Verwaltungsinteresse der jeweiligen politischen, ökonomischen oder religiösen Eliten einer Sprachgemeinschaft zurück zu führen (Sumerer, Ägypter, Phönizier), so würde mit einem von Bauern „erfundenen“ Schriftsystem diese bislang universelle Regel durchbrochen, man kann sogar sagen, völlig auf den Kopf gestellt. Hinfällig wären dann auch platte Verallgemeinerungen wie die der US-amerikanischen Feministin Cheris Kramarae, dass Frauen von Männern stumm gemacht worden seien, dass sie nicht hätten sagen können, was sie wollen und dass in Männer dominierten Gesellschaften Wörter und Sprachnormen nicht von Frauen stammen können.             

 

Drittens streiten die Nushu-Forscherinnen da, wo es um die Frage ethnischer Minoritäten geht. Argumentieren die einen, dass die Nushu-Schrift lediglich eine Variante des Hanzi sei, dass deren Vertreterinnen zur dominierenden Gruppe der Han-Chinesen gehörten und dass sich deswegen alle inhaltlichen Diskussionen um eine weibliche Interpretation des Konfuzianismus bewegen müssten, verweisen andere darauf, dass die Nushu-Schriftkultur ein verbleibender Rest der früher eigenständigen Kultur der ethnischen Minderheit der Yao sei. War es bei den Nushu-Frauen üblich, dass sie nach der Hochzeit mit einem Mann aus einem anderen Dorf bis zur Schwangerschaft des ersten Kindes noch bei ihren Schwestern im eigenen Dorf wohnen blieben und ihren Mann nur ab und zu besuchten, so hatten die Yao-Frauen im Zeitraum zwischen Hochzeit und Geburt des ersten Kindes sogar die Freiheit zu wechselnden sexuellen Beziehungen mit mehreren Männern.            

 

Und viertens schließlich vertritt die wissenschaftliche Community ganz unterschiedliche Positionen, wenn es um die inhaltliche Bewertung der Tagebücher des Dritten Tages geht. Lesen die einen diese Texte wortwörtlich und realistisch als Ausdruck von weiblicher Trauer und interpretieren sie als Leiden an der männlichen dominierten Dorfgesellschaft, argumentieren andere, dass es sich bei diesen Sanzhaoshu-Texten um eine hoch ritualisierte Klageliteratur handele. Wie bei den Klageliedern des Alten Testaments oder des deutschen Minnesang, wie in der schiitischen Klagekultur (Ermordung von Mohammeds Schwiegersohn Ali) oder in der serbischen Klagekultur (verlorene Schlacht auf dem Amselfeld) würden solche Klagen nur ihr Gegenteil meinen, nämlich Macht und Größe der eigenen Kultur, hier die der Nushu-Frauen.       

 

Wie immer sich die Nushu-Forschung entwickeln wird, so bleibt doch folgende Erkenntnis unumstritten. Nirgendwo äußern sich Nushu-Texte negativ, abfällig oder diskriminierend gegenüber Männern und nirgendwo findet sich auch nur der kleinste Hinweis darauf, dass die Männer der Nushu-Frauen deren Schrift kontrollieren wollten. Die Nushu-Schriftkultur steht also viel eher für eine Kommunikation für Frauen als für eine Kommunikation gegen Männer. Und eine Dorfgesellschaft, die sich weniger familiär, als mit zwei nur locker miteinander verbundenen Parallelgesellschaften aus Frauenbünden und Männern organisiert haben mag, könnte durchaus eine positive Sozialstruktur gehabt haben.