Gastkommentar Prof. Josef Christian Aigner: "Keinen Bammel vor Bummlern!"

Brief eines Bummelstudenten an einen Bummelstudenten.
Prof. Josef Christian Aigner
Bild: Prof. Josef Christian Aigner

Lieber Alfred Gusenbauer, ich will ja nicht so kleinkrämerisch sein und Dir Deine eigene tatsächliche Studienzeit zwischen Deiner Matura 1978 und Deiner Promotion 1987 vorrechnen. Aber was ich jetzt über Deine Schüssel-Kniefälle lese, erstaunt und erzürnt mich doch einigermaßen: die bösen BummelstudentInnen sollen also zahlen, die braven strebsamen „Normstudierenden“ gehen gratis aus – welch gloriose stammtischtaugliche Idee!

 

Dabei könnten wir beide selbst als „Bummelstudenten“ eingestuft werden: Immerhin haben wir uns als Studenten beide „heftig“ engagiert, Du bei den Jungsozialisten, ich bei den Linkskatholiken der damaligen Hochschuljugend, und wir haben z.B. gemeinsam auf Podiumsdiskussionen gegen die reaktionären Gegner des Medienkoffers Sexualerziehung gekämpft – und das braucht eben Zeit und verlängert auch das Studium! Ich selbst habe aufgrund vielfältigen kulturellen und politischen Engagements und auch arbeitsbedingter Unterbrechungen 17 Semester studiert und bereue kein einziges: nie wieder hat man so viel Raum, sich sowohl fachlich als auch „informell“ in unterschiedlichen Bereichen zu „bilden“ als während des Studiums – etwas, wovon zumindest auch die Sozialdemokratie zu profitieren scheint: hätte man einstige „Bummelstudenten“ (als Beispiele seien nur Klima oder Cap genannt) von den Abgeordneten- und Regierungsbänken ferngehalten, wäre das ein ganz schöner Aderlass gewesen! Also behaupte ich, dass der Staat, der mich z.B. als hohen Bildungsfunktionär bezahlt, auch etwas von uns Bummelstudenten hat – mehr als von manchem „Normstudenten“!

 

Dass man Barrieren für jene, die jahrelang überhaupt nicht als Studierende in Erscheinung treten, einführt - wie automatische Exmatrikulation, wenn semesterlang keine Prüfung oder sonstige Leistung abgelegt wird - okay; aber das kostet dem Staat ja auch kaum Geld – denn wer nicht da ist, versitzt auch keinen Platz!

 

Auch das Infragestellen der Heiligen Kuh „freier Hochschulzugang“ würde mich nicht stören: es gibt diesen – wie die Statistiken zeigen – nämlich ohnehin nicht, weil sich der Prozentsatz der StudentInnen aus bildungsfernen Schichten über Jahrzehnte nicht erhöht hat! Dann aber hätten gerade SozialdemokratInnen gefälligst darüber nachzudenken, wie man Leuten aus bildungsbenachteiligten Schichten wirklich(!) helfen kann, den Zugang zur Universität zu erlangen, anstatt wahllos Massen von Studierenden für Studienrichtungen mit viel zu wenig Personal zuzulassen und damit die Studienqualität für alle(!) zu beeinträchtigen.

 

Was mich aber sehr stört, ist die Fehlvorstellung, irgendetwas an den bildungspolitischen Ordnungsvorstellungen zwischen Bologna und Hietzing [oder: dem Minoritenplatz] hätte von vornherein schon etwas mit Qualität zu tun! Wir haben die Vorstellung vom Absolvieren eines Studiums in der Mindeststudienzeit schon so verinnerlicht, dass wir gar nicht mehr sehen, wie viel Fragwürdiges dies neben der Erfüllung rein statistischer Anschlussfähigkeit auch hat: vor mehr als 10 Jahren hab ich an dieser Stelle ein „Lob der Bummelstudenten“ veröffentlichen können, wo ich darauf hingewiesen habe, dass „Studium“ insgesamt auch eine wichtige Periode der Entwicklung der Persönlichkeit (der viel gepriesenen „soft-skills“!) darstellt, dass Studieren auch mit Lernen vielfältigster Lebensfertigkeiten, mit Gruppen- und Organisationserfahrung, ja mit den ersten großen Lieben etc. zu tun hat! All das braucht auch Zeit und Freiraum, für den die Universität einst stand! Und nicht nur mir wird in manchen Bereichen mulmig, wenn ich eine/n höchstens spätadoleszente/n 21- oder 22-Jährige/n als Fachfrau/-mann für irgendwas vorgesetzt bekomme! Die meisten SchnellabsolventInnen verfügen dann auch (eh klar!) über zu wenig grundlegendes Fach(literatur)wissen, kaum über das Notwendigste hinausgehendes Know-how und auch über zu wenig Erfahrungen im sozialkommunikativen Bereich. Dies wird sich mit den Schnellschuss - Bachelors noch verstärken.

 

Nun höre ich schon den Vorwurf, ich huldige einer elitären Vision, wonach diejenigen, deren Eltern sich’s leisten können, länger studieren können, die anderen sozusagen durchs Studium zu hecheln gezwungen sind (und überhaupt: auch Lehrlinge hätten Zeitdruck und Stress: richtig! Es spricht auch nichts gegen eine Reform de Lehrlingsausbildung!). Nein: der Staat selbst müsste ein Interesse daran haben, dass es auch Studierende gibt (und zu fördern gilt, anstatt sie zu bestrafen!), die aufgrund zahlreicher anderer informeller Bildungs-, Kultur- und Politik-Engagements länger studieren, die sich aufgrund nachweisbarer Tätigkeiten als eine Art „Umwegstudierende“ erwiesen haben, die enorme und oft ehrenamtliche Leistungen für das Gemeinwesen vollbringen und die dadurch zu hoch qualifizierten ExpertInnen in einem fachlichen oder fachnahen Bereich werden. Eine Studie über die Bildungswege höchstqualifizierter AkademikerInnen aus verschiedensten Führungsbereichen würde wahrscheinlich einen hohen Anteil solcher Studienverläufe erbringen.

 

Deshalb: weg mit den rigiden Sauberkeitsvorstellungen, was ein gutes, „ordentliches“ Studium zu sein hat: der Staat hat die Verpflichtung, die Ressourcen und Potenziale, die in den nachfolgenden Generationen  schlummern, bestmöglich zu fördern. Mit simplen Zahlenakrobatiken wie „8 Semester brav – 14 Semester pfui“ lässt sich das sicher nicht machen.



Univ.-Prof. Dr. Josef Christian Aigner
Fakultät für Bildungswissenschaften der LFU Innsbruck