Gastkommentar von Universitätspfarrer Msgr. Prof. Hippler: "... im Tal feiern sie noch Ostern ...!"

Zu Ostern feiert die Christenheit die zentralen Glaubensinhalte von Tod und Auferstehung Jesu. Mehr noch als zu Weihnachten fallen zu den Osterfeiertagen die äußere, längst säkularisierte Festeshülle einerseits und der ursprüngliche religiöse Inhalt andererseits auseinander.
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Bild: "Wenn es keine Auferstehung gibt, dann lasst unhs essen und trinken, denn morgen sind wir selber auch tot."

In einem ihrer Gedichte mit dem Titel „Ostern“ thematisiert die Dichterin Ingeborg Drewitz dieses Auseinanderfallen :

 

Ostern

Vier freie Tage. Was reden sie

von Karfreitag und Kreuzigung

und dass einer auferstanden ist.

Auf den Autobahnen staut der Verkehr.

Übliche Unfälle, was reden sie

von Karfreitag und Kreuzigung?

Für die Ostertoten steht die Versicherung ein.

Was soll´s , normale Opfer.

Und da sagt einer:

Wir verstehen ihn nicht,

er ist für die Menschen gestorben,

wie ein Verbrecher ans Kreuz geschlagen.

Richtig, sagen alle,

wir verstehen das nicht.

Es geht uns nichts an, sagen sie, sagst du,

wahrscheinlich ein Spinner, aber wir

haben vier freie Tage vor uns.

Die Radio- und Fernsehprogramme

spielen noch Ostern.

 

Ostern scheidet die Geister mehr als zum Beispiel Weihnachten, wo nicht wenige Menschen ihre sentimentalen Gefühle für vergessene Reste von Religiosität halten. Aber Ostern - das bedeutet für viele Zeitgenossen nur noch vier freie Tage.Vor einigen Jahres erschien in einer renommierten deutschen Tageszeitung ein Artikel, in dem berichtet wurde, wie eine Gruppe junger Erwachsener aus der Großstadt die arbeitsfreien sogenannten "Ostertage" in Form eines Skiurlaubs in den Tiroler Bergen verbringt. Genügend Schnee, Sonnenschein und intensive Apres-Ski-Abende in der hochgelegenen Berghütte lassen keinen Urlaubswunsch offen. Als dann in der Osternacht für einen Moment der Klang der Kirchenglocken aus dem tief unten im Tal gelegenen Dorf heraufschallt, sagt einer der Urlauber fast nebenbei, und mit der gewissen intellektuellen Überheblichkeit des sich "aufgeklärt" dünkenden modernen Menschen:  "die da unten im Tal feiern noch Ostern."

 

Sehr anschaulich werden mit dieser kleinen Bemerkung die "Bruchlinien" unserer Gesellschaft thematisiert, die gerade zu Ostern deutlich werden: oft erlebt im Bekanntenkreis, nicht selten schmerzlich erfahren auch in unseren Familien und zwischen den Generationen. In kaum einem anderen Bereich scheinen das gegenseitige Nichtverstehen und die Sprachlosigkeit größer und unüberwindbarer zu sein als zwischen dem Glauben und der religiösen Praxis "derer unten im Tal" und der oberflächlichen Selbstsicherheit der auf Genuss und Vergnügen bedachten Erlebnisgesellschaft droben im abgehobenen touristischen Exklusivlokal.

 

Bei vielen Menschen zeugt vom Religiösen nur noch ein gelegentlicher Phantomschmerz, den das wegoperierte Organ hinterließ. Etwas Unbestimmtes fehlt seitdem. Und irgendwie ist es dann doch zu wenig, nur aufgeklärt ins Leere zu starren. Wohl nicht zuletzt deswegen boomt der Alternativmarkt mit Esoterik, asiatischen Heilslehren und kuriosen Praktiken.

 

Ostern gibt uns aber nicht die Möglichkeit, einfach nur ins Sentimentale zu flüchten. Ostern lässt sich nicht verkitschen. Es eignet sich nicht für Folklore. Dieses Fest gehört den Glaubenden. Es gehört immer mehr nur noch den Glaubenden. Die österliche Botschaft von der Auferstehung fordert zur Entscheidung. Sie ist so etwas wie die Nagelprobe unseres Glaubens. Schon der Apostel Paulus konnte deswegen in einer radikalen Zuspitzung sagen: "Wenn es keine Auferstehung gibt, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir selber auch tot".

 

Ostern ist aber auch die Anfrage, wo und wieweit dieser Glaube unser Leben noch prägt. Die Auferstehungskraft ist nicht von dieser Welt, aber sie mobilisiert Menschen inmitten dieser Welt. Im Wort Auferstehen ist von Stehen die Rede, von Hinstehen und Aufstehen, von Aufstand und Widerstand. Und das ist nicht bloße Theorie, sondern Praxis, befreiendes und veränderndes Tun. Die glaubenden und hoffenden Menschen sind nicht ausgestorben, sie sind nur nicht so laut und aufdringlich wie die Schwarzmaler und Unheilspropheten, und es gehört zur Lebenskunst, dies nicht zu übersehen und zu überhören.

 

Der französische Schriftsteller Georges Bernanos hat einmal gesagt: "Man verliert nicht den Glauben, er hört auf, dem Leben Form zu geben, das ist alles." Gibt der Glaube an den Auferstandenen unserem Leben noch Form? Gehören wir zu denen im Tal, die noch Ostern feiern? Oder freuen wir uns nur auf vier freie Tage?

 

Msgr. Prof. Bernhard J. Hippler

(Universitätspfarrer)