Anton Zingerle (1842-1910)

Anton Zingerle war Altphilologe in Innsbruck und 1895/96 auch Rektor der Universität. Sein Hauptaugenmerk bei seinen Studien lag auf dem römischen Dichter Ovid. Vorliegenden Nachruf hat Ernst Kalinka (1865-1946) für den „Bericht über das Studienjahr 1910/11 an der Universität Innsbruck“ verfasst.
Anton Zingerle (Geboren 1. Februar 1842, gestorben 6. Dezember 1910)
Bild: Anton Zingerle (Geboren 1. Februar 1842, gestorben 6. Dezember 1910)

Seit Menschengedenken schien Anton Zingerle mit der Innsbrucker Universität und insbesondere mit Ihrer philosophischen Fakultät unlöslich verwachsen. Tag für Tag konnte man ihn mit vornehmer Ruhe, die keine Hast kannte, zur liebgewordenen Stätte seiner Wirksamkeit schreiten und dort seines Amtes walten sehen, und alles begegnete ihm mit einer Rücksicht und Verehrung, wie sie einem Vater gezollt wird.

Will man das Wesen dieses Mannes ergründen, so enthüllt sich als dessen Kern eine unbedingte Pflichttreue, die sich nie genug tun konnte. Schon als Hörer der Innsbrucker Universität ging er ganz im Studium auf, und die einzige Erholung waren ihm, wie er selbst gern erzählte, die Spaziergänge und geselligen Zusammenkünfte, die sein Lehrer Karl Schenkl von Zeit zu Zeit veranstaltete, um seine Schüler in zwanglosen Gesprächen tiefer in den Geist des Altertums einzuführen. Nichts vermochte ihn von seinen geliebten Büchern abzulenken, nicht einmal die lockenden Gipfel der Innsbrucker Berge, deren Zauber sich erst einem jüngeren Geschlechte zu erschließen begann. In ungewöhnlich jungen Jahren auf eine Lehrstelle des Gymnasiums in der damals noch österreichischen Stadt Verona berufen, teilte er seine Zeit zwischen dem Unterricht der italienischen Schuljugend und seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Was er damals, noch nicht 30 Jahre alt, über das Verhältnis Ovids zu seinen Vorgängern und zu gleichzeitigen Dichtern ermittelte, gehört zum Besten, was Zingerle geschrieben hat, und er begründete seinen Ruf weit über die engen Grenzen seines Heimatlandes hinaus.

Es erregte vor allem die Aufmerksamkeit seines wenig älteren Fachgenossen Wilhelm Hartel, der ihm damals persönlich nahe trat und zeitlebens aufrichtig zugetan blieb. Die Anerkennung war ihm nur ein Sporn zu gesteigerter Tätigkeit; und seit seiner Übersiedlung nach Innsbruck und seinem Eintritt in die akademische Laufbahn gab es vollends für ihn kein anderes Interesse mehr als seine wissenschaftlichen Arbeiten und sein Lehramt. Seine an Ovid angeknüpften Studien über lateinische Dichter wurden fortgesetzt, eine neue Lebensaufgabe stellte ihm die Ausgabe des Livius, die Wiener Akademie der Wissenschaften übertrug ihm die Bearbeitung der Werke des Bischofs Hilarius von Poitiers; daneben häuften sich die Aufforderungen zu Anzeigen fachwissenschaftlicher Werke, die er mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit immer möglichst rasch und möglichst eingehend zu erledigen bemüht war. Auch das Amt stellte immer höhere Anforderungen, besonders seit er zum Direktor der Prüfungskommission für das Mittelschullehramt ernannt worden war. Um diesen mannigfachen Pflichten mit jener peinlichen Genauigkeit, die er sich in allem zur Richtschnur nahm, gerecht zu werden, musste er seine Zeit sorgsam zu rate halten: so besuchte er weder Theater oder Konzerte noch sonstige Unterhaltungen, gönnte sich keinen geselligen Verkehr und keine Erholungsreise; nur von Zeit zu Zeit brachte er des Abends eine Feierstunde in kleinem Freundeskreise bei einem Glas Tiroler Rotwein zu und einige Sommerwochen, während deren er ohne Unterbrechung weiter arbeitete, in einem bescheidenen Gasthof der Umgebung Innsbrucks. Von Jahr zu Jahr schwerer lastete diese strenge Auffassung der Pflicht auf ihm, und tiefen Eindruck machte es auf mich und alle seine Kollegen, wie er im letzten Jahre seiner amtlichen Wirksamkeit, das zugleich sein ausschließlich der Arbeit geweihtes Leben abschließen sollte, nur mit sichtlicher Anstrengung das durch ein schleichendes Leiden bedingte Ruhebedürfnis des Körpers niederkämpfte und erst, als seine Kräfte zusammenzubrechen drohten, sich entschloss, seinem Beruf, der ihm über alles ging, zu entsagen. Er wollte es nicht glauben, dass er krank, schwer krank sei; aber die Natur bleibt Siegerin auch über den stärksten Willen.

Er wollte es nicht glauben, dass er ernstlich krank sei; denn er war in innerster Seele unverbesserlicher Optimist, der sich und andere über jedes Missgeschick hinwegzutäuschen versuchte. Trotz mancher Enttäuschung wollte und konnte er immer wieder nicht daran glauben, dass seine guten Absichten verkannt, dass seine Pflichttreue, deren er sich wohl bewusst war, nicht anerkannt wurde. Wie ein Held kämpfte er für diesen seinen Optimismus und mit manchen schlaflosen Nächten, in denen er über alles Trübe, was ihm widerfuhr, Kleines und Großes, nachgrübelte, erkaufte er sich den Glauben an das unveränderliche Wohlwollen seiner Mitmenschen; in heißen Seelenkämpfen eroberte und verteidigte er gegen sich selbst jene vornehme Ruhe, die über alle seine Bewegungen und Mienen, über seine Worte und Handlungen ausgebreitet war. Seine Zuversicht schöpfte er zum guten Teil aus unbedingter und unbeirrter Hingabe an den frommen Glauben seiner Kindheit, den er sich im tiefsten Herzensgrund als kostbaren Schatz hütete. Aber er liebte es nicht, von diesen Dingen zu reden, wie er überhaupt grundsätzliche Erörterungen, mochten sie Fragen der Weltanschauung oder die Stellung der Altertumsstudien betreffen, geflissentlich mied. Nur zu gut wusste er, wie schwer sich das innere Gleichgewicht, wenn es einmal ins Schwanken geraten war, wieder herstellen ließ. So verhehlte er sich auch in den letzten Lebensjahren die Gefährlichkeit seines Zustandes, der immer bedrohlichere Formen annahm und mit seinen kachektischen Erscheinungen alle, die ihm nahe standen, mit tiefster Besorgnis erfüllte; ja er gab sich, durch ärztliche Trostworte leicht beruhigt, redlich Mühe, sich selbst von der Harmlosigkeit der krankhaften Erscheinungen zu überzeugen, und er hielt an dieser Überzeugung fest, bis der Priester, der noch in letzter Stunde herbeigerufen worden war, an sein Bett trat. Gerade sein Lebensende gab seinem Optimismus recht; denn es blieben ihm unsägliche Qualen, die mit weiteren Fortschritten seines Leidens untrennbar verbunden gewesen wären, erspart; aber freilich kam er dadurch auch um die kaiserliche Auszeichnung, die ihm als Lohn seiner fast halbhundertjährigen, unermüdlichen Amtswirksamkeit zugedacht war und gerade ein so dankbares Gemüt, wie es das seine war, mit innigster Freude erfüllt hätte.

Er war ein guter Mensch und ein lauterer Charakter; aber so ängstlich er auch bedacht war, niemandem zu nahe zu treten, wusste er doch gegebenen Falls seine Ansicht mit einer Festigkeit zu vertreten, die dem Gegner umso höhere Achtung abnötigte, als man sich von seiner Seite keines Widerspruches versah. In seiner Familie war er der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, der alles in seinem Bann hielt. Schon im Alter von 25 Jahren gründete er sich einen Hausstand; und die zärtliche Fürsorge einer edlen Gattin war es, die ihm sein Leben nicht bloß verschönte, indem sie ihm ein trautes Heim bereitete und alle Steine des Anstoßes nach Kräften aus dem Wege räumte, sondern durch aufmerksame Pflege den von Jugend an empfindlichen Körper ihres Mannes frisch zu erhalten und zu kräftigen verstand. Dem Glück dieser Ehe entsprangen fünf Kinder, darunter drei Söhne, von denen zwei gleichfalls eine wissenschaftliche Laufbahn einschlugen, der älteste jetzt Vizedirektor des k.k. archäologischen Institutes in Wien, der zweite a.o. Professor der Psychiatrie an der Grazer Universität.

Geboren war Anton Zingerle am 1. Februar 1842 in Meran als Sohn eines Kaufmannes, der jüngere Bruder des bekannten Dichters und Germanisten Ignaz Zingerle, der später geadelt wurde. Nachdem er sich zuerst, einem Zuge seines Herzens folgend, der Theologie zugewendet hatte, vertauschte er sie bald mit philologischen Studien, die er an der Innsbrucker Universität betrieb. Sofort nach Ablegung der Lehramtsprüfung wurde er 1864 nach Verona, von da 1866 nach Trient als Gymnasiallehrer versetzt und wurde in dieser Stellung mit dem Amte eines Bezirksschulinspektors für den italienischen Landesteil Tirols betraut. Nachdem er 1869 auf Anregung Teuffels sich in Tübingen den philosophischen Doktorgrad erworben hatte und 1870 ans Innsbrucker Gymnasium versetzt worden war, habilitierte er sich 1872 an der Innsbrucker Universität für klassische Philologie und erhielt zugleich den Auftrag, deutsche Sprachübungen für Italiener an der Universität abzuhalten, die er, des Italienischen vollkommen mächtig, bis zu seinem Tode mit bestem Erfolge leitete. Schon 1873 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt mit dem Lehrauftrag für reale Fächer der Altertumswissenschaft, insbesondere Mythologie. Mit dem Pflichteifer, der den Kern seines Wesens bildete, warf er sich auf dieses Studiengebiet, obwohl es ihm, da er niemals Gelegenheit gehabt hatte, in die Welt der bildlichen und inschriftlichen Denkmäler einzudringen, von Haus aus ferner lag, und versenkte sich mit Liebe und Ausdauer in die damalige Literatur des Gegenstandes, die er sich, ohne Kosten zu scheuen, selbst anschaffte. Seine Bemühungen fanden rasch Anerkennung, indem er 1877 zum ordentlichen Professor ernannt wurde. Zweimal wählte ihn die philosophische Fakultät zum Dekan und jahrelang hat er während der Sommerferien mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit den abwesenden Dekan vertreten; im Studienjahr 1895/6 stand er als Rektor an der Spitze der Universität. Bald danach wurde er, als F. Marx von Wien nach Leipzig übersiedelte, von der Wiener philosophischen Fakultät mit Hauler und Hilberg für die erledigte Lehrkanzel vorgeschlagen, die dann Hauler übernahm. Von kaiserlichen Auszeichnungen wurde ihm der Orden der eisernen Krone 3. Klasse im Jahre 1896, neun Jahre später der Titel und Charakter eines Hofrates verliehen. Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien wählte ihn 1890, das k.k. archäologische Institut 1901 zum korrespondierenden Mitglied. Eine besonders, angestrengte Tätigkeit entfaltete er in der Prüfungskommission für das Mittelschullehramt, nachdem er 1886 zum Direktorstellverstreter, 1894 zu ihrem Direktor ernannt worden war; immer öfter klagte er über die Massenarbeit, die ihm daraus erwuchs. Als Lehrer war er wegen der Klarheit seiner Ausführungen, als Prüfer wegen seiner wohlwollenden Milde ungemein beliebt. Wenn er Mitglieder des Seminars zu sich berief, um ihre Arbeiten mit ihnen zu besprechen, lernten sie ihn wahrhaft als einen väterlichen Freund kennen, der auch an ihren Lebenssorgen Anteil nahm und sie gerne bei einer Zigarre zurückhielt. Seine Beliebtheit in Studentenkreisen trat eindrucksvoll bei der Trauerfeier zu tage, mit der ihm das philologische Seminar und der akademische Philologenklub Innsbrucks am 9. Jänner 1911 die letzte Ehre erwiesen. Als nächster Fachkollege bin ich ihm besonders dafür dankbar, dass er, als ich 1903 die Anschauungen einer jüngeren Philologen-Generation nach Innsbruck brachte, auf meine Vorschläge stets mit größter Bereitwilligkeit und vollem Verständnis einging. So griff er auch meinen Plan, das Unterrichtsministerium um einen regelmäßigen Beitrag zur Drucklegung der besten Seminararbeiten zu bitten, mit Begeisterung auf und steuerte selbst den Commentationes Aenipontanae zwei Schülerarbeiten (II: R. Lackner De casuum temporum modorum usu in ephemeride Dictys-Septimii 1908 und IV: Guido Müller Zur Würdigung Polyäns 1909) und einen eigenen Aufsatz (IV: Übersicht über philologische Handschriften aus tirolischen Bibliotheken 1909) bei.

Seine wissenschaftlichen Arbeiten verschafften ihm frühzeitig einen internationalen Ruf, der sich bis nach Spanien und Amerika erstreckte; insbesondere stand er mit den meisten deutschen Latinisten seiner Zeit in persönlichem Verkehr. Im Mittelpunkte seiner Studien standen Ovid und Livius. Zuerst trat er 1865 in die Öffentlichkeit mit dem Beweis der Echtheit der Halieutica Ovids. Aufsehen erregten seine Untersuchungen über das Verhältnis Ovids zu anderen lateinischen Dichtern. Grundlegend ist seine kritische Ausgabe des Livius, die insbesondere für die fünfte Dekade urkundlichen Wert erhalten hat durch die bis ins Kleinste und Feinste genaue Kollation der einzigen Handschrift, eines Vindobonensis, die ihm sein ältester Sohn besorgte. Für das Corpus scriptorum ecclesiasticorum der Wiener Akademie bearbeitete er den Psalmenkommentar des Bischofs Hilarius. Sein Interesse an der Geschichte der Philologie, über die er regelmäßig Vorlesungen hielt, und an den Humanisten bekundete er durch mehrere Abhandlungen, die beachtenswerte Inedita enthalten. Innsbruck schuldet ihm insbesondere dafür Dank, dass er auf Anregung [des nachmaligen Ministers für Unterricht und Cultus und Fachkollegen Wilhelm] Hartel die philologischen Handschriften der Innsbrucker Bibliothek durchforschte, das Wertvollste davon veröffentlichte und namentlich die aus alten Handschriften stammenden Schutzblätter, die manch kostbaren Rest enthalten, einer sachkundigen Prüfung unterzog. Die Liebe zu seinem Heimatlande betätigte er auch wissenschaftlich durch Beiträge zur Volks- und Landeskunde Tirols, durch Zurückführung tirolischer Sagen auf antike, durch Untersuchung der mittelalterlichen Schulgeschichte Tirols. Einen treuen Mitarbeiter verloren in ihm die Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien, die Berliner philologische Wochenschrift, die Deutsche Literaturzeitung und das Literarische Zentralblatt.

So still auch das Leben Anton Zingerles verlief, so sehr er auch den Kreis seines Verkehrs einschränkte und seine Tätigkeit zielbewusst auf bestimmte Punkte konzentrierte, so hat doch die Universität viel an ihm verloren; denn er war eine scharf geschnittene und dabei liebenswürdige Persönlichkeit mit fest ausgeprägtem Pflichtbewusstsein und hat durch seine wissenschaftlichen Leistungen nicht wenig dazu beigetragen, das Ansehen unserer Hochschule im Inland wie im Ausland zu kräftigen.

Diesen Nachruf auf Anton Zingerle hat Ernst Kalinka (1865-1946) für den „Bericht über das Studienjahr 1910/11 an der Universität Innsbruck“ verfasst. Kalinka lehrte seit 1903 in Innsbruck. Die Fakultät hatte ihn am 12. November 1902 „primo et aequo loco mit Ludwig Radermacher“ vorgeschlagen. Kalinka lehrte in Innsbruck bis zu seiner Emeritierung 1935 Klassische Philologie.

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