Franz Gschnitzer (1899-1968)

Franz Gschnitzer (1899-1968) war langjähriger Professor an der Universität Innsbruck, Politiker und Richter. Seit 1996 werden im Namen Franz Gschnitzers an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät Preise ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeiten und für das Lebenswerk großer JursitInnen vergeben.
Franz Gschnitzer
Bild: Franz Gschnitzer

Das ungewöhnliche Schaffen Franz Gschnitzers macht schon der Leitspruch unter seinem Rektorsbild deutlich: "Franciscus Gschnitzer, Tirolensis, iura docuit, dixit, dedit" – Franz Gschnitzer, Tiroler, der Recht lehrte, (als Richter) Recht sprach und – als Gesetzgeber – Recht schuf. – Dennoch: Einem Großteil der heutigen Juristengeneration und der Studierenden ist das Lebenswerk Franz Gschnitzers kaum mehr ein Begriff. 1993 erschien das „Franz-Gschnitzer-Lesebuch“, das juristische, politisch-parlamentarische, aber auch schöngeistige Texte enthält; darin wird Gschnitzers Persönlichkeit aus heutiger Sicht gewürdigt. Seit 1996 werden im Namen Prof. Gschnitzers an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät jährlich Franz-Gschnitzer-Preise für ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeiten und für das Lebenswerk großer JuristenInnen vergeben.

Franz Gschnitzer war ein außerordentlicher Mann, dessen hohe wissenschaftliche und didaktische Gaben sich mit menschlichen und künstlerischen Fähigkeiten verbanden. Er selbst hätte gerne in jungen Jahren die Laufbahn des Schriftstellers eingeschlagen; 1919 wird sein Einakter „Mörder. Ein Lebensbild“ veröffentlicht. Seine frühe Liebe zur Schriftstellerei wirkt insoferne nach, als Gschnitzer auch später sein Publizieren mit literarischen Maßstäben misst. – Als Rechtslehrer war Gschnitzer für viele Juristengenerationen zur herausragenden Gestalt unter Österreichs (Privat)Rechtslehrern geworden. Berühmt waren seine Vorlesungen: gut gegliedert, auch Schwieriges verständlich darstellend, gab er Studierenden jenen Überblick mit auf den Weg, der ihnen für ihr späteres Berufsleben als bleibendes und brauchbares Gerüst dienen konnte. Gschnitzer verstand es, das Wesentliche zu sehen, was ihn auch zu einem Freund der (Rechts)Praxis werden ließ, die für ihn zeitlebens eine gleichwertige Partnerin der Theorie war.

Gschnitzer war aber nicht nur forschender Jurist und hervorragender Hochschullehrer, sondern auch Höchstrichter als Präsident des Liechtensteinischen Obersten Gerichtshofes und Schöngeist, der durch seine Sprache die Sprödigkeit der Rechtswissenschaft auflockerte und näher an die Idee des Guten, Schönen und Richtigen heranrückte. Seine Darstellungsmacht – er war ein ausgezeichneter Redner – reichte weit über das Übliche hinaus und ist Ausdruck eines feinen Sprachempfindens. Für Gschnitzer war Sprache – gesprochen oder geschrieben – künstlerischer, wissenschaftlicher, didaktischer oder politisch-rhetorischer Ausdruck, wobei alle Bereiche von der für ihn charakteristischen Klarheit und Einfachheit profitierten. Gschnitzer integrierte ganz selbstverständlich sein Rechtsdenken in den breiten Strom der Kultur, als deren Ausdruck er Recht und Politik verstand. Das sieht man heute noch deutlicher. Sein wissenschaftskultureller Hintergrund ließ ihn Recht realistisch als zeitgebundenes Kulturprodukt verstehen, das immer wieder der Reform bedarf. Aber er liebte das – bald 200 Jahre alte – ABGB, wie seine Publikationen zeigen.

Gschnitzers Liebe galt dem Zivilrecht, sein Interesse reichte aber auch fachlich weit darüber hinaus. Gschnitzers wissenschaftliche Leistung gipfelt in seinem sechsbändigem Lehrbuch des Österreichischen bürgerlichen Rechts (1963-1968) und der umfangreichen Kommentierung im Klang Kommentar (1. und 2. Auflage), dessen (Mit)Herausgeber er nach dem Tode Heinrich Klangs (1954), den er überaus schätzte, wurde.

Gschnitzer war auch ein homo politicus, wenn auch nicht von allem Anfang an, so doch während der letzten 23 Jahre seines Lebens, wenngleich er schon als Student hochschulpolitisch tätig gewesen war. Den Entschluss, in die Politik zu gehen, fasst er 1945 angesichts der Katastrophe des Nationalsozialismus. Er hatte das Gefühl, für Österreich etwas tun zu müssen. – Er wurde in schwerer Zeit in akademische Ämter gewählt: 1934/35 war er Dekan, 1945/46 Senator und 1946/47 und 1947/48 war er Rektor unserer Universität. In der Zeit des Nationalsozialismus bewies er Mut, als er gegen das Reichserbhofrecht auftrat oder die neue – deutsche – Studienordnung kritisierte oder sich gegen die Abtrennung Osttirols an Kärnten oder gegen das Unrecht des Hitler-Mussolini-Abkommens wandte. Er korrespondierte mit Heinrich Klang, als dieser in das Konzentrationslager Theresienstadt verbracht worden war. Sein hohes Ansehen und die Achtung seiner Schüler schützten ihn vor Verfolgung.

Im November 1945 wird er als ÖVP-Kandidat (Bauernbund) in den Nationalrat gewählt und bleibt dort bis Dezember 1962. Von Juni 1956 bis April 1961 ist er – gemeinsam mit Bruno Kreisky – Staatssekretär im Außenamt, von 1962 bis 1965 Bundesrat. – Von 1945 bis zu seinem Tod am 19. Juli 1968 war Franz Gschnitzer Präsident des Obersten Gerichtshofes unseres Nachbarlandes Liechtenstein, mit dem ihn manche freundschaftliche Beziehung verband. – Gschnitzer war überzeugter Europäer, der seine Heimat Tirol und Österreich liebte. Er verband gedanklich früh, was noch heute als Chance Europas gesehen wird: die Akzeptanz einer Europäischen Gemeinschaft unter gleichzeitiger Anerkennung seiner Teile, Regionen und Landschaften.

Welch gegenläufiger und seiner Zeit in vielem vorauseilender Geist Franz Gschnitzer war, kann hier nur angedeutet werden. So interessierte er sich für Legistik und die Lehre und Didaktik an den Hohen Schulen zu einer Zeit, als das wirklich noch niemandem nahe ging; und er bricht als an den Naturwissenschaften und Mathematik Interessierter eine Lanze für Interdisziplinarität, als das seinen Kollegen, Kolleginnen gab es damals noch keine, nicht einmal ein müdes Lächeln abrang; er spricht sich entschieden und nachhaltig gegen jede Gewaltanwendung aus, als sie von vielen (in eigener Sache), es betraf Südtirol, gebilligt wurde; er betont die Bedeutung von Kultur und Kunst für die Wissenschaft, als viele sich in unreflektierter wissenschaftlicher splendid isolation gefallen. Für Gschnitzer waren Wissenschaft, Kunst und Kultur ein Jungbrunnen seiner Kreativität; so las er vor seinen Vorlesungen gerne Gedichte.

Schon als junger akademischer Lehrer interessiert sich Gschnitzer früh für „Eine Neuordnung der juristischen Studien" (1929, Franz-Gschnitzer-Lesebuch, S. 283 ff). Seine Ausführungen sind erfrischend und viele Gedanken noch heute gültig. Man liest diese Seiten mit Gewinn, und sie zeigen, wie viel Gschnitzer an einer guten juristischen Ausbildung lag. Hier finden sich typische Gschnitzer-Sätze, wie: „Die Güte einer Studienordnung zeigt sich in den Studienerfolgen". Oder: „Die Universität soll zu selbständigem Denken und Arbeiten erziehen. Was die Mittelschule beginnt, muss die Hochschule vollenden." Oder: „ Es ist stets dasselbe Bild: der von der Mittelschule anfangs mit Eifer kommende Student wird im Lauf der Universitätszeit verdorben." – Gschnitzer unterbreitet zahlreiche noch heute bedenkenswerte Vorschläge: Sie betreffen eine sinnvolle Verkürzung der Studiendauer bei gleichzeitiger Verringerung der Pflichtvorlesungen und einen Ausbau der Übungen und Repetitorien; eine Entrümpelung und andere Situierung der Rechtsgeschichte sowie eine Aufwertung rechtsvergleichender Vorlesungen; wichtig ist ihm auch ein schwerpunktmäßiges Verschieben der zivilprozessualen Ausbildung in die Praxis und eine Beschränkung des Zivilprozesses an der Universität auf Grundzüge

Wenn die Rechtswissenschaftliche Fakultät im Namen Franz Gschnitzers Preise verleiht, bedeutet das eine Mahnung an alle ihre Mitglieder der Heimat Österreich, Europa und ihren Menschen durch Recht zu dienen, das wir als hohes Kulturgut mit bestem Wissen und Gewissen pflegen müssen.

(Heinz Barta)

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