Wirtschaft im Labor

Experimentelle Ökonomik und angewandte Spieltheorie sind zwei methodische Zugänge zur Wirtschaftsforschung. Mit ihrer Hilfe wird am gleichnamigen Forschungszentrum der Universität Innsbruck der Frage nachgegangen, wie individuelle und strategische Entscheidungen zustande kommen und wie sie sich auf Märkte und Unternehmen auswirken.
Experimentelle Ökonomik und angewandte Spieltheorie stehen im Zentrum des Interesses des gleichnamigen Forschungszentrums an der Uni Innsbruck.
Bild: Experimentelle Ökonomik und angewandte Spieltheorie stehen im Zentrum des Interesses des gleichnamigen Forschungszentrums an der Uni Innsbruck.

An der Universität Innsbruck wird gehandelt wie an der Börse in New York, strategisch entschieden wie in großen Konzernen, geteilt und gespendet, gezockt und konkurriert – allerdings unter kontrollierten Bedingungen im Labor, denn Laborexperimente mit realen Probanden bilden ein Kernstück der Forschung des Zentrums „Experimentelle Ökonomik und angewandte Spieltheorie“. Während die Experimentelle Ökonomik eine empirische Methode ist, die im Labor oder im Feld stattfindet, handelt es sich bei der Spieltheorie um ein Set mathematischer Methoden, mit der soziale Interaktionen analysiert werden können. „Die beiden Zugänge ergänzen einander wunderbar. Mit dieser Kombination sind wir im internationalen Wettbewerb gut unterwegs“, erläutert der Koordinator des Forschungszentrums, Univ.-Prof. Matthias Sutter. Am Zentrum beteiligt sind insgesamt drei Gruppen von WissenschaftlerInnen der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik und der Fakultät für Betriebswirtschaft.

 

Märkte im Fokus

Das Interesse der Forschungsgruppe „Theorie“ vom Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte“ gilt insbesondere Fragestellungen aus dem Bereich Industrieökonomik. Aktuelle Projekte befassen sich u.a. mit Informationsproblemen auf Märkten, Firmenübernahmen, aber auch generell mit dem Einfluss einer institutionellen Umgebung auf das Marktergebnis. „Eine besonders spannende Arbeit der letzten Jahre beschäftigt sich mit dem Thema Vertrauensgüter“, führt Sutter ein Beispiel an. Vertrauensgüter sind Produkte oder Dienstleistungen, bei denen zwischen dem Anbieter und dem Kunden eine Informationsasymmetrie herrscht. Wer beispielsweise die Leistungen eines Arztes, Automechanikers oder PC-Technikers in Anspruch nimmt, muss darauf vertrauen, dass die Behandlung oder Dienstleistung, die er bekommt, die richtige ist, denn er weiß weniger als der Anbieter. „Professor Rudolf Kerschbaumer konnte in einer Arbeit zeigen, unter welchen Bedingungen eine solche Informationsasymmetrie zu Problemen auf Märkten bis hin zum Totalzusammenbruch führen können“, führt Sutter weiter aus.

 

Kausale Zusammenhänge ergründen

Die beiden experimentellen Gruppen vom Institut für Finanzwissenschaft und vom Institut für Banken und Finanzen untersuchen den Einfluss von Institutionen auf ökonomisches Entscheidungsverhalten und analysieren Team-Entscheidungen und soziale Präferenzen anhand von Experimenten im PC-Labor. Dazu werden Situationen oder Märkte programmiert, in denen echte Probanden agieren. Laborexperimente haben laut Sutter den Vorteil, dass man einzelne Einflussfaktoren genau kontrollieren kann. „Der springende Punkt bei allen Laborexperimenten ist, dass man einzelne für die Studie relevante Einflussfaktoren isolieren kann. Es gibt eine ganze Fülle von ökonomischen Sachverhalten, die sich über den experimentellen Zugang untersuchen lassen“, erklärt der Ökonom. Ein wichtiger Aspekt dieser Form der experimentellen Forschung sei, dass die Teilnehmer entscheidungsabhängig bezahlt würden, ihr Verhalten also reale Konsequenzen habe.

 

Ein Projekt, an dem die beiden experimentellen Gruppen aktuell arbeiten, widmet sich den möglichen Folgen einer sogenannten Tobin-Tax, einer Transaktionssteuer auf internationale Devisengeschäfte, die kurzfristige Währungsspekulationen eindämmen soll: Die Wissenschaftler vom Institut für Banken und Finanzen und vom Institut für Finanzwissenschaft testen im Labor, wie sich die Tobin-Tax – deren Einführung auch innerhalb der EU zur Debatte steht – auf Handelsvolumen, Liquidität und Preise auswirkt. Aber auch Experimente zum Wettbewerbsverhalten von Burschen und Mädchen und eine Studie zur Frage, wie sich  Fairness auf die Häufigkeit von Transaktionen am Markt auswirkt, sind derzeit in Bearbeitung.

 

Internationale Kooperationen

Viele Forschungsvorhaben sind in Zusammenarbeit mit  ForscherInnen aus aller Welt entstanden: „Der Forschungsschwerpunkt kooperiert zum Beispiel mit WissenschaftlerInnen aus Harvard, der Universität von Kalifornien in San Diego, der London School of Economics, der Universitäten Amsterdam, Arizona, Kopenhagen, Göteborg, Wien, Zürich oder des Max-Planck Institut in Jena, um nur einige Wenige zu nennen“, zählt Sutter auf.

 

 (ef)

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