Lydia Weiskopf (1924–2006)

Am 1. April 1943 richtete die 18-jährige Innsbruckerin Lydia von Weiskopf-Weiskoppen ein Ansuchen um Zulassung zum Medizinstudium an das Rektorat der Universität Innsbruck.
Lydia Weiskopf (1924-2006)
Bild: Lydia Weiskopf (1924-2006) [Foto: Privatbesitz]

Während ihr Schreiben keinerlei Hinweise auf Motivation oder Eignung für das gewählte Fach enthielt, gab es ausführlich Auskunft über die errungenen militärischen Verdienste der Verwandtschaft im Ersten Weltkrieg und im aktuellen Kriegsgeschehen. Darüber hinaus wurde auf Osttiroler Erbhof-Bauern und bürgerliche Sudetendeutsche als Ahnen verwiesen. Das Rektorat bewilligte für das Sommersemester 1943 eine bedingte Zulassung. Eine definitive Entscheidung hing von der Zustimmung der Gauleitung ab, wohin man sich wandte, da Lydia Weiskopf auf Grund der Nürnberger Rassegesetze als „Mischling 2. Grades“ galt. Ende September beendete der abschlägige Bescheid die kurze Laufbahn der Medizinstudentin. Einer Aktennotiz des Rektorats ist zu entnehmen, dass ihre Relegation nicht aus rassistischen Gründen erfolgte. Unmittelbarer Anlass bildete vielmehr, dass Lydia Weiskopf vom 4. bis 24. August 1943 im Gestapo-Gefängnis, das sich im ehemaligen Hotel Sonne am Innsbrucker Bahnhof befand, gewesen war. Sie hatte im Cafe Central gegenüber Bekannten gemeint, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen wäre und damit gegen das Heimtückegesetz verstoßen, das selbst harmlose Unmutsäußerungen zum Straftatbestand erklärte. Infolge einer Denunziation schaltete sich die Gestapo ein. Lydia Weiskopfs Bestrafung erfolgte unter dem Titel „vorläufige Festnahme“, der es der Gestapo erlaubte, Verdächtige bis zu drei Wochen einzusperren, ohne die Justiz einschalten zu müssen.

Lydia Weiskopfs aus „arischer“ Perspektive nicht lupenreine Abstammung ging auf ihre Großmutter zurück, die 1869 geborene, katholisch getaufte Betti Weiskopf-Weiskoppen, die als „Volljüdin“ galt. Aufgrund ihres vorgerückten Alters wurde sie nicht wie das Gros der Tiroler Jüdinnen und Juden bereits 1938/39, sondern erst im September 1942 nach Wien zwangsumgesiedelt. Dass sie dem Schicksal, von dort in die Vernichtungslager im Osten deportiert zu werden, entkam und stattdessen in einem jüdischen „Altersheim“ im II. Wiener Gemeindebezirk die Befreiung erlebte, macht sie zu einem ganz erstaunlichen Ausnahmefall in der Geschichte der Verfolgung der österreichischen Jüdinnen und Juden.

Das Schicksal der Lydia Seka-Weiskopf wurde 2007 von ihrem Neffen Hermann Weiskopf verfilmt.

(Ingrid Böhler)

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