Jüdische Studierende an der Innsbrucker Universität

Mit dieser Portraitserie erinnern die Innsbrucker Universitäten in diesem Jahr an jene Mitglieder der Universität Innsbruck, die vor 70 Jahren – nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland am 12. März 1938 – aus „politischen“ und „rassischen“ Gründen – wie es im NS-Jargon hieß – von der Universität ausgeschlossen und vertrieben wurden.
Irene Link und Käthe Frankl
Bild: Irene Link und Käthe Frankl

In den Jahren 1925 bis 1933 wurden die jüdischen Hörerinnen und Hörer der Universität Innsbruck auf Ersuchen des Rabbinats für Tirol und Vorarlberg jedes Semester mit Angabe der Namen und Anschriften von der Universität dorthin gemeldet. An der medizinischen und philosophischen Fakultät fällt dabei innerhalb der Gruppe der jüdischen Studierenden der hohe Frauenanteil auf:  für das Medizinstudium wurden 29 Frauen und 35 Männer gemeldet, an der philosophischen Fakultät 17 Frauen und 18 Männer, an der juridischen Fakultät aber nur 4 Frauen und 18 Männer. Die medizinische Fakultät hatte im genannten Zeitraum mit durchschnittlich 10 jüdischen Studierenden pro Semester am meisten Zulauf, wenngleich auch das nur etwa 1,5% der gesamten Studierenden war. In einzelnen Semestern überschritt dieser Anteil nie die 3%-Grenze. Dabei kamen oft mehr als die Hälfte der Studierenden aus dem Ausland und wie auch bei den Inländern waren viele nur für 1-2 Semester in Innsbruck.

Nach 1934 studierten an der medizinischen Fakultät Innsbruck nur noch zwei Amerikaner und eine Ungarin mit mosaischem Bekenntnis. Ein Innsbrucker Student, der 1937/38 neu inskribierte, musste das Studium ebenso abbrechen, wie die katholischen Geschwister Bauer, Inge und Hans-Dietrich,  die jüdischer Abstammung waren (siehe Artikel zu Prof. Wilhelm Bauer).

Zwei  Studierende,  Melanie Adler und Dr. Munisch Heuer, kamen in KZ-Lagern ums Leben, von den meisten anderen ist das weitere Schicksal unbekannt.

Von fünf österreichischen jüdischen Medizinstudentinnen, deren Biografie verfolgt werden konnte, promovierten zwei in Innsbruck und setzten ihre Arbeit auch nach der Emigration im Ausland fort.

Frankl Käthe (* 16. März 1902 Innsbruck, † 1949 London)

Nach dem Besuch des Gymnasiums der Ursulinen begann Käthe Frankl im WS 1921/22 ein Medizinstudium in Innsbruck, das sie nach einigen Semestern in Berlin, am 23.10.1926 mit der Promotion in Innsbruck beendete. Danach kehrte sie als Volontärärztin nach Berlin an die Nervenklinik der Berliner Charite unter Karl Bonhoeffer zurück und begann gleichzeitig eine Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut.  1929 heiratete sie den jüdischen Oberarzt an der Charité, Walter Misch (1889-1943), zwei Jahre später wurde ihre Tochter Sybil geboren. 1933 wurde Käthe Misch Mitglied der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung, wo sie zur Gruppe linker Psychoanalytikerinnen um Otto Fenichel gehörte. Käthe und Walter Misch emigrierten nach dem Reichstagsbrand 1933 zunächst nach Paris, dann weiter nach England, wo Käthe Misch einen britischen medizinischen Abschluss erwarb. Ab 1933 war sie Mitglied der British Psycho-Analytical Society. Nach der Scheidung 1934 von ihrem ersten Mann heiratete sie 1937 Georg Friedländer, einen jüdischen Radiologen aus Breslau.

Schon früh galt ihr Interesse der Kinderpsychoanalyse, der jugendlichen Delinquenz, der Weiblichkeit und dem Masochismus. Seit 1929 war sie Sachverständige am Berliner Jugendgericht, in London setzte sie ihre Arbeit als Psychiaterin am Institute for the Scientific Treatment of Delinquency fort. Im Herbst 1946 initiierte sie das West Sussex Child Guidance Service, eine Einrichtung, die zusammen mit dem von Anna Freud aufgebauten Hampstead Child Therapy Course für die psychoanalytische Ausbildung von Kinderanalytiker/inne/n weltweiten Ruf erlangte. 1947 erschien ihr Hauptwerk The Psycho-Analytical Approach to Juvenile Delinquency, in der sie ihren interdisziplinären Ansatz weiter ausbaute. Kate Friedländer starb 1949 an Lungenkrebs.

Literatur:


Link Irene  (* 5. November 1908 Hohenems, † 28. September 1986 Baltimore)

Am 5. November 1908 kam Irene Link als Tochter des Hohenemser und später Innsbrucker Rabbiners Dr. Josef Link in Hohenems zur Welt. Seit 1914 lebte die Familie in Innsbruck.

Der 1905 geborene Bruder Ernst promovierte im November 1926 zum Doktor der Staatswissenschaften und  dreizehn Monate später zum Doktor der Rechte.  Irene beendete das 1927 begonnene Medizinstudium im März 1933.  Beide waren Mitglieder zionistisch orientierter Vereine, Irene bei der Innsbrucker Ortsgruppe des jüdischen Jugendbundes Blau-Weiß, Ernst beim Sportklub Hakoah. Im Jahr 1932 erkrankte der Vater  Dr. Josef Link an Magenkrebs, woran er am 7. November desselben Jahres verstarb.

Irene begann nach der Promotion eine Facharztausbildung für Psychiatrie. Für kurze Zeit arbeitete sie als Assistenzärztin an der Universitätsklinik in Innsbruck, von 1933 bis 1938 im Nervenkrankenhaus Maria Theresien-Schlössel in Wien.  Mutter Helene Link, die inzwischen auch in Wien lebte, erhielt im Dezember 1938 eine Ausreisebewilligung, gelangte über Triest nach Palästina zu ihren Söhnen und verstarb 1962 bei ihrer Tochter in den USA.

Irene Link hatte Dr. Max Hitschmann, einen Wiener Juristen, geheiratet. Hitschmann war nach den Novemberpogromen für kurze Zeit im Konzentrationslager Dachau interniert gewesen. Er wurde entlassen und mußte sofort mit seiner Frau emigrieren. In Shanghai fand das Ehepaar ein erstes Exil und im April 1940 erhielten sie die Einreisebewilligung in die Vereinigten Staaten. Dr. Irene Hitchman-Link arbeitete nach ihrer Ankunft in den USA zunächst als Krankenschwester bis sie ihre Prüfungen wiederholt hatte und als Psychiaterin tätig sein durfte. Von 1941 bis 1962 war sie am Springfield State Hospital in Baltimore tätig, anschließend bekleidete sie bis 1968 den Posten eines Director of Hospital Inspection and Licensure, von 1969 bis 1974 den eines Deputy Commissioner beim Maryland State Department of Mental Hygiene. 1946 wurde die einzige Tochter Eve geboren.

Literatur:
  • Böhler, Ingrid: Der „Landesrabbiner“: Dr. Josef Link und seine Familie. In: Albrich, Thomas (Hg.): „Wie lebten wie sie …“: jüdische Lebensgeschichten aus Tirol und Vorarlberg. Innsbruck 1999, 27-52.
  • Sella, Gad Hugo: Die Juden Tirols. Ihr Leben und Schicksal. Tel Aviv 1979, 111.
  • Hershfield, Bruce (ed.): Obituary Irene L. Hitchman, MD. Maryland Psychiatrist, November 1986, Vol. 13/5/5, Abbildung.

 

(Renate Erhart, Medizinische Universität Innsbruck)