Der Mathematiker Weinhart als Physiker, Geophysiker und Praktiker

Kürzlich erschien der Band 92 der Reihe Bericht naturwissenschaftlich-medizinischer Verein Innsbruck anlässlich des 300. Geburtstages des Gründers der Experimentalphysik an der LFU Innsbruck Ignaz von Weinhart zu Thierburg (1705-1787). Als Vorstand des Instituts für Mathematik hat er die Experimentalphysik vorbereitet und 1743 gegründet.
Kegelförmiger Zerrspiegel mit Abbildung um 1800.
Bild: Kegelförmiger Zerrspiegel mit Abbildung um 1800.

Er gründete ein Experimentalkabinett - das sogenannte Armarium, hielt Vorlesungen über Mechanik und an Sonntagen Kurse für Maurer- und Zimmermanngesellen. Er war Lehrer von Peter Anich und Blasius Hueber (Anich, Peter, geb. 22.2.1723 Oberperfuss (Tirol), gest. 1.9.1766 ebenda, Kartograph und Bauer. Fertigte einen Himmels- und einen Erdglobus (heute im Tiroler Landesmuseum) sowie eine Karte der Umgebung von Innsbruck an und schuf gemeinsam mit Blasius Hueber das 20-blättrige Kartenwerk von Tirol; Pionier der Hochgebirgskartographie).

 

Weinhart lehrte hauptsächlich Mathematik. 1765 verfasste er ein Lehrbuch der Mathematik: 'Questiones et Responsa ex Arithmetica vulgari, Algebra, et Geometria in Lectionibus et Collegiis Mathematicis pertractanda'. Dieses Lehrbuch wurde immerhin fast 14 Jahre lang (bis 1779) offiziell als Vorlesungsbuch anerkannt.

 

Interdisziplinäres Arbeiten

Weinhart erwarb sich sehr bald besondere Verdienste als Experimental-Physiker und als Geophysiker mit der konsequenten Verfolgung seines Prinzips, der erkenntnistheoretischen Lehr- und Forschungsmethode: „erst die Ergebnisse systematisch durchgeführter Versuche und Messungen - abgestimmt und gepaart mit theoretischen Konstruktionen - können zu weitestgehend richtigen Erkenntnissen führen“. Außerdem erwarb er sich Verdienste durch seine allseits geschätzten volkswirtschaftlich relevanten Untersuchungen.

 

Erfindungen und Experimente

So verbesserte der „Praktiker“ Weinhart an der ungefähr 100 Jahre vorher von Otto v. Guericke erfundenen Luftpumpe den Antriebsmechanismus „admodum elegans“ und „automatisierte“ die Ventilsteuerung. Er konstruierte auch selbst eine solche Pumpe, die dann auch für andere Universitäten und Lyceen (u.a. Ingolstadt, Dillingen, Würzburg,...) und selbst für die Höfe in Wien und Florenz angefertigt wurde.

 

Er führte Experimente mit elliptischen und parabolischen Brennspiegeln durch. Die unter Weinharts Anleitung aus Gips gefertigten und (vermutlich) mit einer Blattgoldauflage versehenen „vergülten“ Spiegel waren wegen ihrer hohen Qualität auch gute „Exportartikel“.

 

Geographische Errungenschaften

Weinhart unternahm monatelange Beobachtungen der Position der Sonne und des Polarsterns, und führte barometrische Höhenmessungen durch, um bei der Vermessung Tirols möglichst genaue Werte zu erhalten. Er hatte auch die Leitung und Aufsicht für die Kartierung Tirols und der Vorlande; und als Lehrer und Förderer von Peter Anich und Blasius Hueber war er wesentlich an der Entstehung der berühmten 'Tiroler Karte', des 'Atlas Tyrolensis' beteiligt. Im Auftrag Weinharts stellte Peter Anich auch einen von einem Uhrwerk angetriebenen Himmelsglobus her: mit einem Durchmesser von ca. 1m und der Darstellung der Position von 76 Sternbildern und 1862 Einzelsternen erregte dieser Globus weit über die Landesgrenzen hinaus großes Aufsehen. Dieser Himmelsglobus und ein gleich großer Erdglobus waren bis Oktober 1849 im Besitz des Physikalischen Kabinetts, und wurden dann an das Landesmuseum Ferdinandeum abgegeben.

 

Meteorolgie, Geologie und Biologie

Barometrische Messungen führte er auch im damals mit ca. 800m Tiefe wohl tiefsten Bergwerksschacht der Erde durch: dem Hl.-Geist-Schacht bei Kitzbühel. Dabei wurde er mit den Problemen des „todten Luffts“ und des „bösen Wetters“ konfrontiert. Sachkundig erkannte er auch die Lösung dieser Probleme: Schlagwetterunfälle und gesundheitliche Gefahren für Knappen könnten vermieden werden durch eine entsprechende Durchlüftung mit Maschinen wie „Blasbälg“, „Lufftziecher“ oder „Focher“.

 

Weinhart stellte Listen zusammen über (wirtschaftlich) nutzbare Gesteinsarten in Tirol, verfasste einen Artikel über die „Anpflanzung des Türkenkorns in Tirol“, und schrieb eine Abhandlung über Ursachen und Abhilfe des Fischsterbens in stehenden und zugefrorenen Gewässern.

 

Weinhart hatte sich im Auftrag des „Guberniums“ auch als Gutachter mit Naturphänomenen zu befassen: einmal bei einem drohenden Felssturz nach einem großen Erdbeben im Sellrain (1767), und einmal bei der drohenden Überschwemmung des „Ober- und Unter- Yhnthalls“ durch den aufgestauten Rofner Eissee (1772).

 

Die Vielseitigkeit Weinharts und sein praktisches volkswirtschaftliches Denken und Handeln zeigt sich auch in seinem Engagement für das neue Salzsudverfahren der Haller Saline. 1761/62 führte Weinhart selbst verschiedene Untersuchungen durch zur Methode und Wirtschaftlichkeit des neuen Verfahrens des damaligen Haller „Salzmayr“ Johann Josef von Menz zu Schönfeld, Doktor der Medizin, und verhalf diesem Verfahren vollends zum Durchbruch.

 

Geachtete und anerkannte Stätte der Naturwissenschaft

Durch Weinhart wurde die LFU Innsbruck erst zu einer geachteten und anerkannten Stätte für Naturwissenschaft. Er gab dem wirtschaftlichen und handwerklichen Leben Tirols bedeutende neue Impulse und er war durch die Öffnung des Armariums und der Abhaltung von Kursen aus Mechanik, angewandter Mathematik und Astronomie für interessierte Laien und Handwerker wohl ein Wegbereiter für die modernen Volkshochschulen.

 

Bei Rückfragen wenden Sie sich an: Armin.Denoth@uibk.ac.at