„Sag mal, verehrtes Publikum: bist du wirklich so dumm?“ Tucholsky zum Vergnügen

Kürzlich erschien ein Sammelband aus Antologien von Kurt Tucholsky mit dem Titel „Sag mal, verehrtes Publikum: bist du wirklich so dumm?“ Tucholsky zum Vergnügen. herausgegeben und mit einem Vorwort von Prof. Stefan Neuhaus, vom Institut für Germanistik.
Buchcover: Tucholsky zum Vergnügen
Bild: Buchcover: Tucholsky zum Vergnügen

Auszug aus dem Vorwort von Prof. Stefan Neuhaus

Georg Christoph Lichtenberg, den Tucholsky hoch schätzte, ist einer jener Schriftsteller, die im Grunde Aphoristiker sind. Als glänzende Stilisten und philosophische Köpfe können sie mit einem Satz mehr ausdrücken als andere in einem Roman. Tucholsky gehört zweifellos selbst in diese Reihe. Eine Absicht des vorliegenden Bändchens ist es, eine entsprechende Auswahl seiner geistreichen Formulierungen zu präsentieren. Nannte Lichtenberg seine Aphorismen provokativ „Sudeleien“, so begnügte sich Tucholsky bescheiden mit „Schnipsel“. Doch auch in seinen zahlreichen Artikeln, die meisten hat er für die berühmte Zeitschrift „Die Weltbühne“ geschrieben, finden sich prägnante Sätze, die Schnipsel-Status verdienen. Einige wurden hier „ausgeschnipselt“ und den echten Schnipseln zugeordnet. Welcher andere Autor hätte es verstanden, den Realismus eines Buches (Hans Falladas „Bauern, Bonzen und Bomben“) mit einem Satz wie dem folgenden zu loben: „Es ist eine Atmosphäre der ungewaschenen Füße.“ (9,169)? Seine Missachtung des Adels fasst unser Autor mit brillanter Einfachheit in einem Wortspiel zusammen: „Snoblesse oblige“ (6,164).

Tucholsky ist aber nicht nur ein Meister der kleinsten Form. Er schrieb, neben seinen beiden Romanen („Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ und „Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte“), Reiseberichte („Ein Pyrenäenbuch“), Minidramen, Gedichte und Essays, die auch heute noch so frisch wirken, dass man sie immer und immer wieder lesen kann. […]

Abschließend erklärt Neuhaus in seinem Vorwort:

[…] Mit Tucholsky lässt sich leicht begründen, weshalb vorliegendes Vorwort nicht länger ausfallen sollte: „Ich will euch was sagen: bin ich vielleicht ein Fremdenführer? Lest das Buch selber!“ (2,273). Und zum Schluss der Lektüre wird der Leser hoffentlich folgendem Satz zustimmen, den Tucholsky eigentlich auf Franz Bleis „Landfahrer und Abenteurer“ gemünzt hat: „So lächelt man, ist angenehm unterhalten und klappt das Buch bekümmert zu, weil es nicht länger ist“ (1,166).

Zur Person Tucholsky

Kurt Tucholsky (1890-1935) ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Zeit zwischen den Weltkriegen. In seinen Texten zeigt sich Tucholsky als Meister der Milieuschilderung und als unbarmherziger Ankläger von Ungerechtigkeit wie politischer Dummheit – vor allem aber als amüsanter, schlagfertiger und hochsensibler Erzähler kleiner Geschichten und Schicksale.

„Sag mal, verehrtes Publikum: bist du wirklich so dumm?“ Tucholsky zum Ver­gnügen. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Stefan Neuhaus. Mit 10 Abb. Stuttgart: Reclam 2006 (RUB). 152 S. ISBN 3-15-018392-8. € 4.