Josef Leitgeb: Gesammelte Werke

Über Josef Leitgeb wurden bereits vier Bände von Walter Methlagl, Manfred Moser und Hans Prantl herausgebracht. Nun wird die Ausgabe mit einem teilweise neuen Herausgeberteam weitergeführt: Johann Holzner, Anton Unterkircher (beide vom Forschungsinstitut Brenner-Archiv) und Walter Methlagl. Soeben erschienen ist der Band „Josef Leitgeb, Christian und Brigitte“.
Josef Leitgeb, Christian und Brigitte
Bild: Josef Leitgeb, Christian und Brigitte

Prantl und Moser werden weiterhin an einzelnen Bänden mitarbeiten. Geändert hat sich aber auch die Konzeption der Ausgabe. Es wird vom Prinzip "Gesammelte Werke" abgegangen und eine rigorose Auswahl getroffen. Vergangenen Freitag wurde die Neurescheinung Josef Leitgeb, Christian und Brigitte“ im Literaturhaus am Inn präsentiert.

Vorwort von Autor Martin Pichler aus Bozen

Das kleine Dorf, im Tiroler Unterland gelegen, der Hauptschauplatz dieses Romans, wirkt auf den ersten Blick idyllisch. Aber der Schein trügt. Aus freien Stücken in dieses Dorf zu ziehen, käme keinem Fremden in den Sinn. In ein solches Dorf wird man hineingeboren - oder strafversetzt.

Christian, der neue Dorfschullehrer, ist dennoch bereit, an diesem Ort sich zu integrieren, obwohl gleichzeitig ihn alles drängt, sich aus der Gesellschaft, aus den vorgegebenen, gleichsam behördlich abgestempelten Bindungen mehr und mehr zurückzuziehen. Er hat den ersten Weltkrieg an der Front schon mitgemacht; die Zeit danach, auf die er zunächst alle seine Hoffnungen gesetzt hat, erweist sich als eine richtungslose Zeit. Das Leben, in der Stadt wie auf dem Lande, erscheint ihm zunehmend klein, erbärmlich, brutal, beklemmend fremd.

Brigitte, anders als der Dorfschullehrer aus einer gutbürgerlichen Familie stammend, jung, unerfahren, setzt der Flucht Christians ins Ich abrupt ein Ende. Sie befördert, wenn auch nur für kurze Zeit, seinen Traum von einem Leben, das die Kreise der Schulbehörden wie der Dorfkaiser, die wohlbehüteten Felder aller weltlichen und kirchlichen Institutionen nach Kräften meidet.

Der Erzähler wiederum geht jeder Schwarz-Weiß-Zeichnung umsichtig aus dem Weg. Zum einen, weil er seinen Figuren ein Eigenleben einräumt und dieses keineswegs permanent charakterisieren möchte. Zum andern, weil er selber unsicher ist oder jedenfalls recht unschlüssig, vor allem wo es gilt, klar zu entscheiden, ob in der Natur das Regellose oder das Regelgebende zuallererst zu sehen wäre.

Der Roman schließt, einigermaßen überraschend und wenig konsequent, mit einem Happy-End. Leitgeb, der damit Vorschläge seines Lektors Max Tau aufgegriffen hat, selbst aber darüber ganz und gar nicht glücklich, hat auch andere Handlungsabläufe in Erwägung gezogen. - In diesem Band wird erstmals die Entstehungsgeschichte des Romans dokumentiert.

Herausgeber dieses Bandes sind: Johann Holzner, Manfred Moser, Hans Prantl, Daniela Rummel-Volderauer, Anton Unterkircher
Textgrundlage: 1. Buchfassung (Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1936).