Martin Scharfe: „Über die Religion. Glaube und Zweifel in der Volkskultur“

Vor kurzem ist im Böhlau-Verlag (Köln, Weimar und Wien) das neue Buch „Über die Religion. Glaube und Zweifel in der Volkskultur“ des Volkskundlers und Kulturwissenschaftlers Martin Scharfe erschienen. Scharfe lehrt seit fünf Semestern als Gastprofessor am Institut für Europäische Ethnologie/Volkskunde der LFU Innsbruck.
Über die Religion. Glaube und Zweifel in der Volkskultur
Bild: Über die Religion. Glaube und Zweifel in der Volkskultur

Seit jeher stellten „Volksglaube“ und „Volksfrömmigkeit“ ein zentrales Forschungsfeld der Kulturwissenschaft Volkskunde dar. Dabei war das Interesse auf diesen Gebieten unbewusst und unerkannt von den christlichen Glaubensdoktrinen unserer Kultur abhängig; nicht von ungefähr hat es sich daher stets aufs Positive ausgerichtet. So konnte sich – nicht zuletzt gestützt durch die wissenschaftliche Tätigkeit – der Eindruck erhalten, „das Volk“ sei „fromm“ vom Anfang bis zum Ende.

Religion wird von Scharfe als kulturelle Leistung – als „Menschenwerk“ also – gedeutet und nicht als Offenbarung. Dieser Zugang ermöglicht neue Perspektiven jenseits von Glaubenbekenntnissen und Werturteilen und ist genauso neu wie das Vorhaben, auch die Gegenspieler der Religion – Blasphemie, Sakrileg, Zweifel, Desinteresse, Atheismus – als eigenständige und gewichtige kulturelle Leistungen zu würdigen und nicht nur als bedauerliche Zeichen von Abweichung, Hoffnungslosigkeit und Verfall zu denunzieren. Am Ende steht damit die Skizze einer Kultur der Gottlosigkeit, die sich mitten im christlichen Abendland entfaltet hat.

In seinem neuen Buch „Über die Religion“ analysiert der Volkskundler und Kulturwissenschaftler Martin Scharfe die empirisch fassbare Volksfrömmigkeit – die „gewöhnliche Religion“ des Alltags – in Mitteleuropa sowohl in ihren katholischen als auch in ihren protestantischen Prägungen, wie sie sich von der Frühen Neuzeit an bis in die unmittelbare Gegenwart nicht zuletzt als Reflex auf die Todeserfahrung entwickelt hat. Er unternimmt dabei den Versuch einer Gesamtdarstellung und eines Überblicks auf die reichen Erträge rund eines Jahrhunderts wissenschaftlicher Forschung von Volkskundlern, Historikern, Theologen und Vertretern anderer Disziplinen.

Zur Person
Martin Scharfe, geb. 1936, war Professor für Empirische Kulturwissenschaft an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Seit WS 2002/03 lehrt er als Gastprofessor am Institut für Europäische Ethnologie/Volkskunde der LFU Innsbruck.

Informationen zum Buch
Institut für Europäische Ethnologie und Volkskunde