Licht und Schatten in Wittgensteins Schriften: Religiosität und Kulturpessimismus

Zwei unbekannte Texte des Philosophen von Ilse Somavilla<br/> Eine Neuerscheinung aus dem Brenner-Archiv<br/> Im Zuge der Arbeit am Projekt "Ludwig Wittgenstein: Persönliche Schriften" im Forschungsinstitut Brenner-Archiv (wissenschaftliche Bearbeitung der Tagebücher, des Vortrags über Ethik und der Korrespondenz mit Paul Engelmann) ist die Idee entstanden, zwei kurze Texte Wittgensteins, in denen er auf unterschiedliche Art und Weise an dieselbe Thematik herangeht, in einer kleinen Edition vorzustellen. Es handelt sich dabei um eine Tagebucheintragung Wittgesteins aus dem Jahre 1922 über ein nächtliches (Traum-)Erlebnis und um ein Brief-Fragment, vermutlich an seine Schwester Hermine geschrieben.
Wittgenstein
Bild: Wittgenstein

In beiden Texten setzt sich Wittgenstein mit Gott und der Religion auseinander: im ersten Text kommt das Dunkle, Angsteinflößende, das Gott für ihn zeitweise darstellte, zum Vorschein, im zweiten Text wird Religion als das reine, geistige Licht gesehen, das jegliche kulturelle Strömung überstrahlt.
Anhand dieser Schriftstücke und in einem Aufsatz der Herausgeberin soll den Spuren von Wittgensteins religiösem Spannungsverhältnis nachgegangen werden, sowie seinem ambivalenten Verhältnis gegenüber Kultur und Wissenschaft.

Wittgensteins Verhältnis zum Glauben war zwiespältig: einerseits verband er mit ihm das Gefühl des völligen Ausgeliefertseins an eine göttliche Macht, an einen strengen, obersten Richter, wie er im Alten Testament vorkommt. Andererseits bedeutete der Glaube für Wittgenstein etwas Positives, Lichtvolles, eigentlich "das Licht" bzw. das Symbol für reine Geistigkeit und Wahrheit.
Die Diskrepanz in Wittgensteins Verhältnis zu Gott und zur Religion lässt sich nicht nur inhaltlich in dieser Spannung zwischen Furcht und Hoffnung beobachten, sondern auch in seiner Art des Schreibens, also auf sprachlicher Ebene: hier wechselt nüchtern geführter, distanzierter Diskurs mit sehr persönlichen Eintragungen, die in ihrer Leidenschaftlichkeit einen inneren Zustand offen legen, der sich zuweilen an der Grenze zum Wahnsinn zu bewegen scheint.
Beginnend von den frühen Tagebüchern bis hin zu den späten Notizen in den Vierzigerjahren kehrt Wittgenstein immer wieder zu Glaubensfragen zurück, ob im persönlichen Leben oder im Zusammenhang mit seinen philosophischen Auseinandersetzungen.

Die Texte werden, wie in den 1997 erschienenen Tagebüchern Wittgensteins Denkbewegungen, großteils nach dem Transkriptionssystem MECS-WIT dargestellt, das im Wittgenstein-Archiv der Universität Bergen (Niederlande) entwickelt worden ist. Seit 1993 besteht zwischen dem Brenner-Archiv und der Universität Bergen eine enge Zusammenarbeit.

Das Buch wird im September 2004 im Haymon-Verlag erscheinen.