LehrerInnenforschung: Theorie braucht Praxis, braucht Praxis Theorie?

Vor kurzem hat Univ.-Prof. Dr. Michael Schratz vom Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung in Zusammenarbeit mit der auf der Universität Bamberg, Deutschland, tätigen Univ.-Prof. Dr. Sibylle Rahm ein Buch zum Thema Schul- und Unterrichtsforschung herausgegeben. Das Werk zur Berufsforschung und Bildungspolitik beinhaltet unter anderem Beiträge von Hartmut von Hentig, Herbert Altrichter und Hilbert Meyer.
LehrerInnenforschung
Bild: LehrerInnenforschung

Schul- und Unterrichtsforschung ist auf fundierte Erkenntnisse über Praxis angewiesen. Dass sie diese mit den gewonnen Daten nicht erreicht, wird vielerorts bedauert. Doch braucht Praxis Theorie? Der Ansatz der LehrerInnenforschung, der in diesem Band als historisch entwickeltes Anliegen mit vielfältigen Realisierungspotenzialen entfaltet wird, verspricht Abhilfe.

Prof. Schratz verfolgt in seinem Beitrag "Research as a basis for teaching" die Spuren der englischen LehrerInnenforschung, deren Gründervater der Curriculumforscher Lawrence Stenhouse ist. Ihm ging es vor allem darum, die LehrerInnen als Experten ihrer Unterrichtstätigkeit ernst zu nehmen und ihnen das Primat der (Unterrichts-)Forschung zuzuerkennen: "Es sind die Lehrerinnen und Lehrer, die schlussendlich die Welt von Schule und Unterricht verändern werden, indem sie sie verstehen." Schratz stellt den für das Verstehen des Ansatzes erforderlichen berufsbiografischen Werdegang Stenhouse’ dar, ehe er an seinem Hauptwerk, dem „Humanities Curriculum Project“, den Stellenwert des Verständnisses von forschenden Lehrerinnen und Lehrern, aufzeigt. Dabei sind immer die Schülerinnen und Schüler die zentralen Bezugspunkte curricularen Wirkens, um sie in ihrer Entwicklung zu demokratisch-mündigen BürgerInnen zu bilden.

Stenhouse lieferte einen wichtigen Beitrag zur Theorieentwicklung in der Praktikerforschung. Vor dem Hintergrund seines sozialanthropologischen Theorieverständnisses schuf er den Begriff der „Praktischen Theorie als theoretische Basis für das Handeln und Reflektieren von Professionellen. Im letzten Abschnitt zeigt Schratz auf, wie die englischsprachige Aktionsforschungsbewegung auf Um- und Schleichwegen Eingang in die deutschsprachige Diskussion der LehrerInnenforschung gefunden hat.

Mit der Ermächtigung der LehrerInnen, als Forschende im eigenen Berufsfeld tätig zu werden und damit ihren Status als bloße Objekte von Forschung zu transzendieren, eröffnen sich Möglichkeiten, Theorie und Praxis in fruchtbare Austauschbeziehungen zu bringen. Teachers as researchers erforschen ihre professionelle Praxis und sind somit TrägerInnen der Schul-, Unterrichts- und Personalentwicklung. Wieweit sie mit ihren Ergebnissen zur Theorieentwicklung in der Erziehungswissenschaft beitragen, wird in diesem Band aus unterschiedlichen Bereichen reflektiert.