Interdisziplinäre Bioethik-Exkursion nach Israel

Insgesamt elf Studierende der Universität Innsbruck und Medizinischen Universität nahmen die Gelegenheit wahr, an einer elftägigen Exkursion nach Israel teilzunehmen. Die Bewusstmachung eigener Auffassungen zu den Themen Tod, Sterben und Jenseits und deren Reflexion vor dem kulturellen Hintergrund Israels standen im Mittelpunkt der Studienreise.
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Bild: Die Studierenden wurden von Prof.in Gabriele Werner-Felmayer (l.), Prof. Josef Quitterer (r.), Dr.in Elisabeth Medicus (3.v.r.) und Reiseleiter Israel Ariel (2.v.l.) begleitet.

Die Komplexität bioethischer Fragestellungen und Dilemmata im Spannungsfeld zwischen heilkundlicher Grundversorgung und modernster Medizin-Technologie erfordert eine möglichst umfassende und differenzierte Annäherung an das Thema Tod und damit verbundenen aktuellen Kontroversen zu Todeskriterien, Hirntod, Organspende oder Euthanasie. „Sterben und Tod vor unterschiedlichem kulturellem Hintergrund“, lautete daher der Titel einer interdisziplinären Studienreise, die nach kollegialer Vorbereitung durch Prof.in Werner-Felmayer vom Innsbrucker Biozentrum und Prof. Josef Quitterer vom Institut für Christliche Philosophie der Universität Innsbruck vom 19. bis 30. März 2012 abgehalten wurde. Die Thematik der Exkursion erfuhr und erfährt in Israel auf Grund seiner kulturellen und politischen Gegebenheiten sowie der Holocaust-Erfahrung für die aktuelle bioethische Debatte, aber auch für die Beschäftigung mit der Rolle der medizinischen Forschung während der NS-Zeit besondere Bedeutung. Den Exkursions-TeilnehmerInnen wurde dadurch Gelegenheit geboten, sich vor diesem Hintergrund mit unterschiedlichen Traditionen sowie eigenen Haltungen in reflexiver Art und Weise auseinanderzusetzen“, betont Prof.in Werner-Felmayer, die die Studierenden beider Universitäten gemeinsam mit Prof. Quitterer begleitete. Weiters nahm die Ärztliche Leiterin des Hospiz, Drin Elisabeth Medicus, an der Reise teil und stand für Diskussionen zur Verfügung. Von Seiten der Universität Innsbruck  wurde die Exkursion vom Vizerektorat für Lehre sowie von der Katholisch-Theologischen Fakultät unterstützt. Dort war die Exkursion auch Teil eines eigenen Moduls, in welchem für die Studierenden bereits im Wintersemester 2011/12 vorbereitende Lehrveranstaltungen angeboten wurden.

Vorbereitung und Reise durch …

In einer Einführungsphase zur Exkursion im Wintersemester 2011/12 wurde für die TeilnehmerInnen das Seminar „Bioethik in der Medizin“ (MUI) und die Vorlesung „Methodische Einführung“ (LFU) abgehalten, um auf diesem Weg grundsätzliche Einblicke in die Themen Leben, Tod und Auferstehung und deren kulturelle Interpretationen zu geben. Ein Schwerpunkt widmete sich dabei der Frage nach klinischen Todeskriterien und ihrer Diskussion aus anthropologischer und philosophischer Sicht. Weiters wurden in den Lehrveranstaltungen die Problematik von Medizin und Forschung während des NS Regimes durch Doz. Dr. Horst Schreiber vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck beleuchtet, sowie die kulturellen und religiösen Hintergründe von Auferstehungs- und Jenseitsvorstellungen im Mittleren Osten durch den Theologen Dr. Peter Marinkovic, Universitätspfarrer der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ergänzend wurden zwei Filme gezeigt, und zwar die Dokumentation „Wenn Ärzte töten“ zur Rolle von Ärzten in Auschwitz  mit anschließender Diskussion zwischen Horst Schreiber und der Anatomin Prof.in Helga Fritsch, sowie „Das Herz von Jenin“, eine mit Betroffenen und Schauspielern nachgestellte Darstellung der Ereignisse um den Tod eines palästinensischen Buben in Jenin, dessen Vater einer Organentnahme zustimmt.
Für die Exkursion bearbeitete die interdisziplinär zusammengesetzte Studiengruppe schließlich wissenschaftliche Publikationen zu Personsein und Bewusstsein, Nachweis von Bewusstseinszuständen, klinischen Todeskriterien (Hirntod vs. Herztod) und assistiertem Suizid, beides vor allem im Kontext der Organspende, sowie Therapie-Entscheidungen am Lebensende. „Ihre Arbeiten präsentierten die Studierenden während der Exkursion in Seminaren, die auch unter freiem Himmel, etwa am See Genezareth oder im Wüstenzelt stattfanden“, erzählt Prof.in Werner-Felmayer.  

… viele Stationen und Inhalte

Auf der Reise durch vielfältige Landschaften und Kulturräume zwischen Galiläa,  dem Jordantal, der Judäischen Wüste und Jerusalem ermöglichte Reiseleiter Israel Ariel zahlreiche Begegnungen mit den Mythen und Traditionen Israels abseits gängiger Pfade, verwies auf die heute wirksamen, zumTeil daraus resultierenden politischen Probleme der Region, und vermittelte auf Wanderungen die eindrucksvolle Natur des Landes. Auf dem Programm der Studienreise stand zudem der Besuch zahlreicher Institutionen: Am Zefat Academic College boten Prof. Amnon Carmi, UNESCO Chair of Bioethics in Haifa, derzeit Dekan der juridischen Fakultät, und sein Kollege, Advokat Oren Asman, eine Darstellung des, bezüglich seiner Entstehungsgeschichte und Ausprägung weltweit einzigartigen und kontroversiell diskutierten, Patient near Death Law von 2005 mit anschließender Gelegenheit zur Diskussion; einen weiteren Programmpunkt stellte das Seminar mit Prof. Mayer Brezis und Prof. Alan Rubinow von der Hadassah Medical School in Ein Kerem, Jerusalem, dar, in dem drei klinische Fälle zu Entscheidungen am Lebensende aus der Erfahrung der Studierenden vorgestellt und ausführlich mit KollegInnen und Studierenden aus Israel diskutiert wurden. „Weitere KollegInnen konnten wir auf Einladung von Dr. Daniel Sperling, Hebrew University, im Jerusalem Forum of Bioethics treffen und nach unserer Präsentation `Philosophy of Mind and Brain Death´ konzeptuelle Überlegungen zu Hirntod diskutieren. Und schließlich besuchten wir die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Ein Kerem, Jerusalem, wo unter anderem auch die Medizinexperimente und die Grundlagen der biologistischen Rassenideologie didaktisch eindringlich dargestellt sind“, berichtet Prof.in Werner-Felmayer.
Bis zum Ende des Sommersemesters werden die Resultate der bioethischen Reflexion nun von den Studierenden in Essays dargestellt werden. Fraglos konnte der Zugang zur komplexen Thematik durch die Erfahrungen der Reise in vielen Facetten eröffnet werden. Darüber hinaus erfuhr die seit 2007 bestehende Zusammenarbeit mit dem israelischen UNESCO Chair of Bioethics, sowie zahlreichen israelischen Kolleginnen und Kollegen weitere Impulse. Im Rahmen der Bioethik-Lehre ist die Frage nach geeigneten Lehrformaten vordringlich. Dementsprechend widmet sich im September 2012 eine Konferenz in Tiberias dieser Thematik. Das ambitionierte Lehrangebot der interdisziplinären Bioethik-Exkursion wurde daher mit großem Interesse von den israelischen Kolleginnen und Kollegen wahrgenommen. Studierende wie Lehrende waren der einhelligen Meinung, dass das Format der Exkursion in besonderer Weise dazu geeignet ist, sich vertieft mit komplexen bioethischen Fragen zu befassen. Die Reise bot nicht nur Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen, sondern erwies sich durch die Kombination kultureller und bioethischer Perspektiven sowie die Kooperation zwischen Biomedizin und Philosophie als Bildungsreise im besten Sinn.

(Doris Heidegger)