Das Böse. Und die Philosophie – ein Symposium

Kann das „Böse“ gedacht werden? Was bedeutet es heute? Was hat das „Böse“ (in) der Philosophie zu sagen und was hat die Philosophie zum „Bösen“ (noch) zu sagen, auch in Erinnerung an die Zerstörungen des 20. Jahrhunderts? Zu diesen Fragen veranstaltete das Institut für Philosophie gemeinsam mit dem Frankreich-Schwerpunkt und der Forschungsplattform „Politik Religion Kunst“ ein Symposium.
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Bild: Artur Boelderl (2. v. l.), Michael de Saint-Cheron (Mitte), Roman Siebenrock (rechts).

„Daß nun ein [...] verderbter Hang im Menschen gewurzelt sein müsse, darüber können wir uns, bei der Menge schreiender Beispiele, welche uns die Erfahrung an den Taten der Menschen vor Augen stellt, den förmlichen Beweis ersparen“, schreibt Immanuel Kant in seiner religionsphilosophischen Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793/94). Er bringt damit auf den Punkt, was die Philosophie in ihrer neuzeitlichen bis spätmodernen Verfassung wiederholt herausgefordert hat: das Denken des („radical“) Bösen. Gegen diesen (Kantischen) Gedanken, der das Böse im und als „Hang“ des Menschen zu fassen versucht, und im Bewusstsein um die entwürdigende Gewalt totalitärer Herrschaft erhob Hannah Arendt in ihrer Schrift Eichmann in Jerusalem (1963) den Einspruch, dass das Böse in seiner destruktivsten Ausformung seinem Prinzip nach alles andere als „radical“ sei. In Bezug auf den „Fall Eichmann“ habe es sich sogar als furchtbar „banal“ erwiesen.

Interdisziplinäres Symposium

In Anbetracht dieser spezifischen Differenz („radical“/„banal“), die zum einen die Verlegenheit der Philosophie zum Ausdruck bringt, „das“ Böse in Gedanken fassen bzw. gedanklich austragen zu wollen, und zum anderen die Vermutung nahe legt, dass die Diskussion selbst historisch verfasst ist, luden das Institut für Philosophie gemeinsam mit dem Frankreich-Schwerpunkt und der Forschungsplattform „Politik Religion Kunst“ zu einem abendlichen Symposium ein.

Drei Referenten aus relativ unterschiedlichen Fachgebieten widmeten sich sukzessive der Aufgabe, im Sinne differenzierter Analysen und Beiträge auf die Frage einzugehen, ob und inwiefern das Böse überhaupt gedacht werden könne, und was alternative Zugänge zu dieser Frage eventuell bereit halten könnten.

„Zum Teufel mit dem Teufel“

Thematisch eröffnet wurde das Symposium mit einem provokativen Vortrag von Prof. Roman Siebenrock, Institut für Systematische Theologie, in dem er zunächst einmal darauf hinwies, dass das Böse aus theologischer Perspektive eigentlich ein Thema sei, von dem man sich im Rahmen der katholischen Lehrmeinung praktisch verabschiedet habe bzw. zu dem man sich, wenn schon, mit „hermeneutischer Sorgfalt“ und in „wohltuender Zurückhaltung“ äußere. Damit sei auch gesagt, so Siebenrock, dass die Faszination des Bösen eine sei, die vielmehr die aktuell moralisierende Weltpolitik und die erfolgreiche Belletristik bezeichne, welche sich beide auf eine dramatische Beschwörung von Dualismen verstünden.

Im Unterschied dazu forderte der Referent in seinem Beitrag auf, sich den Verwicklungen menschlichen Begehrens anders als mit einfachen, verabsolutierenden Formeln zu stellen, um so besser verstehen zu lernen, unter welchen Bedingungen und in welchen Situationen lebensspendende Beziehungen möglich oder aber verunmöglicht werden. Eine solche Aufmerksamkeit könnte wiederum dazu beitragen, dass Menschen mittels persönlicher Anstrengungen einen Unterschied zu machen und Anhäufungen historischen Unheils zu unterbrechen vermögen.

„Levinas. Und das Böse“

Eine systematische Inversion der Frage nach dem Bösen wurde auch vom zweiten Referenten, von Prof. Michaël de Saint-Cheron, vorgeschlagen, der sich als Literaturwissenschaftler und philosophischer Friedensforscher in seinen Büchern eingehend mit den Werken von André Malraux, Emmanuel Levinas, Elie Wiesel und Mohandas Gandhi konfrontiert hat. An einige Zeilen aus Paul Celans Gedicht Und KRAFT und SCHMERZ erinnernd, berief sich Saint-Cheron mit den Philosophen Paul Ricoeur und Emmanuel Levinas darauf, dass das bleibende Geheimnis des Menschseins doch jenes der Güte sei.

Tatsächlich habe die Geschichte des 20. Jahrhunderts, in die Schützengräben, Konzentrationslager und Gulags eingezogen worden sind, weit mehr als der neuzeitliche Kritizismus eine radikale Infragestellung der Metaphysik, ja, ein „Zerbrechen“ von selbst-verständlicher Philosophie und Theologie bewirkt, so der Referent. Dieses Zerbrechen von Selbstverständlichkeiten und Selbstverständnissen könne, Saint-Cheron zufolge, allerdings auch als ein Aufbrechen erachtet werden, und zwar als ein Aufbrechen, anders auf das Böse Bezug zu nehmen als im Glauben an dessen diskursiver „Bewältigung“. Mit Levinas sollte gerade der Philosophie daran gelegen sein, „unendlich“ über die Tatsache zu staunen, „dass auf einer so grausamen Welt wie der unseren so etwas wie das Wunder der Güte erscheinen konnte“.

„L'écriture et le mal/Die Schrift und das Böse“

Den Abschluss des Symposiums bildete der Vortrag von Doz. Artur R. Boelderl, der am Institut für Philosophie der Universitäten Linz und Klagenfurt tätig ist und analog zu Saint-Cherons wissenschaftlicher Präferenz auf die Problematik der Schrift im Verhältnis zur Frage des Bösen einging – auf durchaus andere Weise allerdings. Wie vom Referenten sukzessive ausgeführt wurde, bestand sein Beitrag in einem Chiasmus zweier Texte, deren Kreuzungspunkt die unvermutete Chance bereit hält, eine nicht-pathologisierende Einsicht in den schriftlichen Charakter des Bösen bzw. in den bösen Charakter der Schrift zu eröffnen.

Konkret wurde von Boelderl eine Kreuzung ausgewählter Termini von Georges Batailles Text Die Literatur und das Böse und von Jacques Derridas Sammlung von Essays, die unter dem Titel Die Schrift und die Differenz versammelt worden sind, vorgenommen, und zwar dergestalt, dass Derridas Dekonstruktion des abendländischen Phonozentrismus konsequent auf Batailles Verständnis von Literatur als Akt der Überschreitung bezogen wurde. Dementsprechend zeichnete sich im Vortrag von Boelderl eine Bezugnahme auf das Böse ab, die frei von Moralismen war und sich stattdessen für den Aufschub von Bedeutungen im Feld sprachlicher Differenz als spezifische Erfahrung des Menschenseins interessierte.

In der gemeinsamen Diskussion, welche unter reger Beteiligung zahlreicher Gäste stattfand, widmeten sich die Referenten einzelnen Aspekten ihrer Ausführungen sowie möglichen Schnittmengen, Abweichungen und Einwänden, aber auch der wiederholt gestellten Frage, warum Christoph Waltzs Darstellung des „bösen“ SS-Standartenführers Hans Landa – in Quentin Tarantinos Film Inglorious Basterds (2009) – das Publikum derart in den Bann ziehe. Und warum man mit der Frage des Bösen wohl weiterhin rechnen werden müsse.

(Andreas Oberprantacher)