Interkulturelle Philosophie

Um über „Wertetraditionen und Wertekonflikte in interkultureller Perspektive“ zu diskutieren, traf sich ein internationaler Kreis von Philosophinnen und Philosophen Anfang Mai in Innsbruck.
Internationale Philosophinnen und Philosophen kamen im Rahmen einer Tagung an der Universität Innsbruck zusammen, um über Werte zu diskutieren.
Bild: Internationale Philosophinnen und Philosophen kamen im Rahmen einer Tagung an der Universität Innsbruck zusammen, um über Werte zu diskutieren.

Werte besagen, worauf es ankommt. Als Anker- und Orientierungspunkte des Lebens und Zusammenlebens sind sie unverzichtbar für die Selbstvergewisserung und Identitätsbildung sowohl von Individuen als auch von Kollektiven. Garantierten Wertetraditionen ehemals geistigen Rückhalt, evozieren sie heute - in Zeiten der zunehmenden kulturellen Durchmischung und Konfrontation - vielfach Irritation und Verunsicherung. Welche Wertetraditionen finden sich in außer-europäischen Kulturräumen? Welche praxisleitenden Vorgaben sollen bei divergierenden oder gegensätzlichen Wertvorstellungen gelten? Können wir uns mit der angeblichen Unentscheidbarkeit von Geltungsansprüchen begnügen? Diesen und vielen weiteren Fragen war der internationale Kongress auf der Spur, der vom 3.-5. Mai 2012 von der Gesellschaft für Interkulturelle Philosophie, dem Institut für Philosophie und der Forschungsplattform CEnT an der Universität veranstaltet wurde.

Elmar Waibl, Leiter des Instituts für Philosophie, eröffnete mit einer konzentrierten Zusammenschau aktueller Herausforderungen durch das Nebeneinander verschiedener Wertetraditionen im heutigen Europa. „Wir brauchen einen Grundkonsens an geteilten Werthalten, denn sonst kann das Zusammenleben nicht gelingen“, so Waibl, der besonders die Tradition der Aufklärung als Markstein auswies, hinter den nicht zurückgefallen werden dürfe.

Neben (vergleichenden) Einführungen in eigenständige Wertetraditionen wie etwa in die japanische Ethik und ihre Gerechtigkeitsvorstellungen (Ryosuke Ohashi, Kyoto/Köln), den Jainismus und seine konsequente Gewaltlosigkeit (Jayandra Soni, Marburg/Innsbruck), die lateinamerikanische Philosophie (Johann Schelkshorn, Wien), die islamische Jurisprudenz (Jameleddine Ben-Abdeljelil, Wien) oder den Buddhismus und seine Verbindungen zu zeitgenössischer französischer Philosophie (Nancy Billias, Hartford/USA), setzten sich einzelne Vorträge auch mit vorrangigen Problemstellungen von Einwanderungsgesellschaften auseinander.

So ging Monika Kirloskar-Steinbach (Konstanz/Köln) in ihrem Vortrag der Frage nach, wie sich ein Menschenrecht auf Immigration denken lässt und Chibueze Udeani (Linz) als auch Jacob Mabe (Berlin) ergründeten, inwiefern europäische Gesellschaften von so genannten afrikanischen Werten profitieren könnten, wobei sie auf Familienwerte einerseits und die afrikanische Kultur der Oralität andererseits verwiesen. Grundsätzliche ethische Analysen lieferten Ram Adhar Mall (München/Jena), der gegen jede Vorrangstellung einzelner Wertetraditionen plädierte sowie Georg Stenger (Wien), der sich der Wertschätzung aus phänomenologischer Perspektive annäherte und eine sorgfältigere Betrachtung des Wertbegriffs einforderte. Mohamed Turki (Tunis/Recklinghausen) beleuchtete zudem die Bedeutung des „Arabischen Frühlings“ nicht nur für das Wertegefüge der betroffenen Länder.

Abschließend erörterten Marie-Luisa Frick (Innsbruck), Gabriele Münnix (Düsseldorf/Innsbruck) und Elmar Waibl aus unterschiedlichen theoretischen Zugängen und unter reger Beteiligung des Plenums, ob sich angesichts der faktischen und oft auch konfliktträchtigen Vielfalt an Werten universalistische Positionen noch aufrecht erhalten lassen oder ob relativistischen Perspektiven der Vorzug zu geben sei. Auch wenn sich darüber erwartungsgemäß kein Konsens herstellen ließ, waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der internationalen Tagung einig: Fragen der inter- und transkulturellen Verständigung bedürfen einer profunden philosophischen Auseinandersetzung – heute dringender denn je.

(Marie-Luisa Frick)