Mehr Männer als (Grundschul)Lehrer?!

Am Mittwoch, 28. März 2012, fand im Saal University New Orleans die zweite Veranstaltung im Zuge der Vortragsreihe „Differenzverhältnisse: Gesellschaftliche Bedingungen von Erziehung und Bildung“ des Instituts für Erziehungswissenschaft (IEZW) statt.
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Bild: Hannelore Faulstich-Wieland bei ihrem Vortrag.

Als Gastvortragende konnte der Lehr- und Forschungsbereich (LuF) Kritische Geschlechterwissenschaft Frau Hannelore Faulstich-Wieland, Universitätsprofessorin für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Sozialisationsforschung an der Universität Hamburg im Fachbereich Allgemeine, Interkulturelle und International vergleichende Erziehungswissenschaft, begrüßen.

Vortrag, Kommentar, Diskussion

Sind Burschen die neuen „Bildungsverlierer“? Braucht es mehr männliches Lehrpersonal in der Grundschule? Sind Männer als Rollenvorbilder für Schüler notwendig? Und wenn ja, an welche Männer und Männlichkeitsbilder wird in diesem Zusammenhang gedacht?

Diese und ähnliche Fragestellungen wurden im Vortrag von Hannelore Faulstich-Wieland aufgegriffen und in einen historisch gesellschaftsanalytischen Rahmen gestellt. Der Verweis auf und die Interpretation von internationalen Studien half, die Fragen einzuordnen und zu qualifizieren. Hinterfragt wurde zuallererst, welche Argumentationslinien und Motive diesen Diagnosen und Forderungen zugrunde liegen. Einig waren sich die an der Diskussion beteiligten Personen darüber, dass die Differenz „Geschlecht“ in diesem Diskussionszusammenhang dedramatisiert werden müsse und ein/e gute/r Lehrer/in über deren/dessen pädagogische Qualifikation zu beurteilen sei. Unsinnig wäre es jedenfalls, Männlichkeit als neues problemlösendes Anforderungsprofil an PädagogInnen heranzutragen. Schließlich könne ja nicht davon ausgegangen werden, dass „Männer“ wie auch „Frauen“ als homogene Gruppen mit je homogenem Verhaltensrepertoire  auftreten würden.

Schlussfolgerungen, ob es aus erziehungswissenschaftlicher oder pädagogischer Sicht notwendig sei, nun mehr Männer in der Grundschule zu fordern, wurden unterschiedliche gezogen. So kann diese Forderung aus der Sicht kritischer Geschlechterforschung insofern mit Ja beantwortet werden, als dass damit zur Diversität des Lehrpersonals beigetragen werden könne. Dies sei wie die Berücksichtigung weiterer Differenzen durchaus zu begrüßen. Zugleich, so Hannelore Faulstich-Wieland, gehört es zur erforderlichen pädagogischen Professionalität eines jeden Lehrers (und einer jeden Lehrerin), seine (ihre) je eigene Männlichkeit (je eigene Weiblichkeit) kritisch und reflexiv zu betrachten, nicht aber herrschende Männlichkeitskonzepte (Weiblichkeitskonzepte) unhinterfragt als Norm geltend zu machen. Eine solche Reflexivität wäre der wirkliche Gewinn aus der aktuell verkürzt geführten Debatte.

Vortragsreihe Institut für Erziehungswissenschaft 2012

Die fünfteilige Vortragsreihe ist thematisch durch die am Institut vertretenen Lehr- und Forschungsbereiche – „Allgemeine Erziehungswissenschaft“, „Erziehungswissenschaft der Generationen“, „Inklusive Pädagogik und Disability Studies“, „Kritische Geschlechterwissenschaft“ und „Migration und Bildung“ – geprägt und greift den Zusammenhang „bildung – macht – unterschiede“, der vom Institut bei den 3. Innsbrucker Bildungstagen im November 2009 problematisiert wurde, erneut auf. Das damit prägnant werdende und weiter zu spezifizierende Profil des Instituts für Erziehungswissenschaft erweist sich damit als eines, das an einem gesellschafts- und kulturtheoretischen Ansatz orientiert ist. Mit einem Focus auf gesellschaftliche Differenzverhältnissen in Forschung und Lehre will das Institut für Erziehungswissenschaft zu einer gerechteren Verteilung von Lebenschancen in unserer Gesellschaft beitragen.

Der erste Vortrag, der am 28. Januar 2012 stattfand, stand im Fokus der Differenzen, welche im Zusammenhang mit der „Migrationstatsache“ stehen, den Prof. Astrid Messerschmidt (Universität Karlsruhe) als Gastvortragende bereicherte. Der nächste Vortrag fand am 18. April 2012 unter dem Titel „Bildung als Gabenökonomie“ von PD Dr. Gabriele Sorgo (Universität Wien) statt.

(René Mühlbacher, Michaela Ralser, Maria Wolf)