„Wir sind auf einem sehr guten Weg, aber noch nicht am Ziel“

Das Büro der Behindertenbeauftragten an der Universität Innsbruck ist erste Anlaufstelle für Uni-Angehörige mit Behinderung. Die Behindertenbeauftragte der Universität Innsbruck, Dr. Elisabeth Rieder, spricht im Interview über Barrierefreiheit, Tutorien für Studierende mit Behinderung und zukünftige Projekte.
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Bild: Dr. Elisabeth Rieder (im Vordergrund) und ihre Mitarbeiterin Mag. Bettina Jeschke.

Frau Dr. Rieder, welche sind die wichtigsten Ziele und Aufgaben des Büros der Behindertenbeauftragten?
Das Büro der Behindertenbeauftragten ist in drei Schwerpunkte gegliedert: erstens der Service und die Beratung der Studierenden und der einzelnen Abteilungen der Universität. Zweitens die Öffentlichkeitsarbeit im Bereich des Behindertenwesens. Der dritte, sehr wichtige Schwerpunkt ist das barrierefreie Bauen – darum auch die Zuordnung des Büros zum Vizerektorat für Infrastruktur.

Mit welchen Arten von Barrieren sind die Studierenden an der Universität konfrontiert?
Ganz unterschiedlich. Wir haben Studierende aller Behinderungsformen: gehöreingeschränkte, gehörlose, mobilitätseingeschränkte, seheingeschränkte und blinde Studierende sowie psychisch beeinträchtigte Studierende – diese kommen jetzt immer mehr zum Büro der Behindertenbeauftragten und lassen sich beraten. Dadurch, dass die Beratungen sehr engmaschig sind, ist die Arbeit sehr intensiv.

Wieso ist es beispielsweise für sehbehinderte oder blinde Studierende wichtig, Hilfe zu bekommen? Wie sieht die Hilfe dann konkret aus?
Behinderte Studierende haben laut Universitätsgesetz das Recht, modifizierte Prüfungsmodalitäten in Anspruch zu nehmen. Das heißt, in Abstimmung auf die jeweilige Behinderung können sie die Prüfung schriftlich statt mündlich oder umgekehrt absolvieren oder mehr Zeit für die Prüfung haben – bis zum doppelten der Prüfungszeit. Sie dürfen Hilfsmittel wie die Braillezeile verwenden oder bekommen Assistentinnen und Assistenten zur Seite gestellt, denen sie die Prüfung diktieren. Die Studierenden haben außerdem Anspruch auf Tutorien, die von der Universität Innsbruck in einem Ausmaß von bis zu sechs Stunden bezahlt werden. Nicht-behinderte Studierende – im Optimalfall der gleichen Studienrichtung – helfen behinderten Studierenden, zum Beispiel, indem sie ihnen bei der Literaturrecherche zur Seite stehen. Mir ist es sehr wichtig, dass das individuelle und persönliche Gespräch im Vordergrund steht: So können wir optimale Lösungen für die Studierenden finden.

Wer kann sich an das Büro der Behindertenbeauftragten wenden: alle Studierenden mit Behinderung?
Ja, alle Studierenden mit Behinderung. Im öffentlichen Raum zählen Menschen mit Behinderung eigentlich erst ab 50 Prozent Einstufung im Behindertenpass als begünstigte Behinderte. Unser Grundsatz aber ist, dass ausnahmslos alle Studierenden, die Hilfe brauchen, sie bekommen sollen – und wenn sie mit fünf Prozent eingestuft sind. Bezüglich Studiengebührenerlass muss die 50-Prozent-Regel jedoch eingehalten werden.

Wie können die Lehrenden gezielt behinderte oder chronisch kranke Studierende unterstützen?
Ich halte im Zuge der Personalentwicklung ein Seminar für Lehrende, in dem es um die barrierefreie Gestaltung von Lehrveranstaltungen und Lehrmaterialien geht. Es gibt insgesamt ein tolles und wertschätzendes Miteinander mit Lehrenden und Studierenden. Das Wichtigste in diesem Bereich ist Information und Aufklärung, denn bei Missverständnissen liegen die Probleme vor allem im Informationsbereich. Mit vielen Gesprächen und Sensibilität lässt sich aber das Meiste aus der Welt schaffen.

Wo sehen sie persönlich den größten Aufholbedarf im Bereich Barrierefreiheit?
Im barrierefreien Bauen: Wir haben sehr alte Gebäude an der Universität, etwa das Hauptgebäude, doch leider kommt Denkmalschutz im Gesetz vor Barrierefreiheit. 2019 tritt ein Gesetz in Kraft, nach dem alle öffentlichen Gebäude barrierefrei erschlossen und ausgestattet sein müssen. Wir haben alle Universitätscampus von einer Architektin, Dipl.-Ing. Christine Eder, die Sachverständige für Barrierefreiheit ist, evaluieren lassen. Sie hat einen Maßnahmenplan erstellt und auch den Neubau der Chemie begleitet, der, wie ich denke, sehr gut gelungen ist. Natürlich sind wir auf dem richtigen Weg, aber wir sind noch sehr weit von einem Ziel entfernt. Was mir sehr wichtig ist – ich habe selbst Politikwissenschaften an dieser Universität im Rollstuhl studiert – ist das Ziel, auf jedem Campus einen Regenerationsraum für Studierende einzurichten. Dort können sich die Studierenden zwischen ihren Lehrveranstaltungen erholen und auch routinemäßige medizinische Eingriffe am eigenen Körper durchführen. Räume wie diese gibt es bereits im GEIWI-Turm und in der Chemie Neu. Außerdem sind an jedem Campus Rollstühle für temporär verletzte Studierende verfügbar. In diesem Jahr werden das Hauptgebäude und auch das Technikareal in Angriff genommen: Mit dem Technikareal wurde bereits begonnen, es werden Stufenlifte und Lifte gebaut sowie Induktionsanlagen für gehöreingeschränkte Personen mit Hörgerät. Induktionsanlagen sind entweder im Boden eingebracht und koppeln an Hörgeräte an oder können um den Hals getragen werden – zweitere kann man bei uns ausleihen. Sie blenden störende Nebengeräusche, wie zum Beispiel Rascheln oder auch Tuscheln im Hörsaal aus: Der Studierende hat ein reines Hörerlebnis und kann sich auf die Lehrenden konzentrieren.

Sie haben von Regenerationsräumen gesprochen – sind diese für alle Studierenden mit Behinderung zugänglich?
Ja, sowohl die Regenerationsräumlichkeiten als auch die Treppenlifte und auch die barrierefreien Sanitäranlagen sind bei uns mit dem Eurokey erschlossen. Das ist ein Schlüssel, den jeder mobilitätseingeschränkte Mensch in Europa bekommt und der Anlagen für behinderte Menschen zugänglich macht.

In der GEIWI gibt es in den neuen Hörsälen keine eigenen Tische für Rollstuhlfahrer. Was ist hier beim Umbau schief gelaufen?
Das wird in nächster Zeit revidiert. Einige Hörsäle sind mit eigenen Rollstuhlpulten ausgestattet worden, wir werden uns bemühen, jeden Hörsaal so gut wie möglich nachzurüsten. Manche Hörsäle sind besser nachzurüsten, bei anderen ist es schwieriger, zum Beispiel bei jenen mit Stufen. Hier ist es sehr schwer, Treppenlifte einzubauen, weil auch die Fluchtmöglichkeit gegeben sein muss. Wir bemühen uns stetig, nachzubessern und achten darauf, die optimalen Bedingungen für Studierende der unterschiedlichsten Beeinträchtigungen zu schaffen. Ich reise regelmäßig zu nationalen Sitzungen zu diesem Thema. Zusätzlich mache ich eine Ausbildung in Gebärdensprache, sodass ich mich auch mit gehörlosen Studierenden unterhalten kann.

Welche Projekte gibt es an der Universität für Studierende mit Behinderung?
Im vorigen Jahr ist das erste Mal das Austrian Student Program for Students with Disabilities mit unserer Partneruniversität in New Orleans umgesetzt worden. Ich bin mit einer Kollegin gemeinsam mit acht behinderten Studierenden mit unterschiedlichen Behinderungsarten nach New Orleans gereist. Ich selbst war 2000 als die erste Studierende im Rollstuhl das so genannte Versuchskaninchen. Das Programm war damals aber für behinderte Studierende zu anstrengend. Daraufhin haben wir doch einige Jahre Anlauf gebraucht, bevor das Projekt letztes Jahr im April das erste Mal durchgeführt werden konnte. Wir waren zusammen mit einem Arzt, einer Krankenschwester und mehreren Assistentinnen und Assistenten direkt am Campus in einem barrierefreien Studentenheim untergebracht. Es hat mich sehr gefreut, dass es mit Hilfe von Sponsoren der Universität und Privatsponsering zustande gekommen ist. Wir haben jetzt schon einige Anmeldungen für das nächste Programm in drei Jahren.

Können sich Anwärter für Tutorien, also nicht-behinderte Studierende, auch an Ihr Büro wenden?
Das ist uns ein großes Anliegen! Wir suchen immer wieder Tutorinnen und Tutoren der unterschiedlichen Fachrichtungen. Alle Interessierten können sich jederzeit bei uns melden. Ein solches Tutorium wird nicht nur von der Universität bezahlt, es kann auch eine echte Bereicherung sowohl für die behinderten Studierenden als auch für die Tutorinnen und Tutoren sein.

Das Interview führte Sophia Gabrielli. Das Gespräch mit Elisabeth Rieder wird heute, 31. Januar 2012, bei „uni konkret“ auf Freirad 105,9 MHz (Freies Radio Innsbruck) um 21:00 Uhr ausgestrahlt.