Lob des Bergpasses. Weg vom Lokalismus, hin zur Welt

Zu diesem Thema sprach am 10. Jänner Nicolao Merker, Emeritus an der römischen Universität „La Sapienza“, auf Einladung des Italien-Zentrums. Sein Gastvortrag fand im Rahmen der Lehrveranstaltung „Kulturstudien Italiens“ von Angelo Pagliardini und Carla Leidlmair-Festi (Institut für Romanistik) statt.
Nicolao Merker hielt im Jänner im Claudiasaal einen Gastvortrag.
Bild: Nicolao Merker hielt im Jänner im Claudiasaal einen Gastvortrag.

Der Bergpass öffnet hin zum Anderen, zum Neuen. Er kann als Grenze wahrgenommen, aber auch als Übergang angesehen werden, er steht symbolisch für Abschottung oder aber auch für Neugierde. Und jedenfalls ist der Bergpass so etwas wie eine Metapher für den Weg in ein Neuland, ein Schicksal für die modernen Menschen in ihrer Gratwanderung zwischen der Tradition und einer oft als bedrohlich empfundenen Modernität.
Der Bergpass ist für den Vortragenden Merker nichts Befremdendes, im Gegenteil. Schaut man auf sein Leben zurück, so fällt es auf, dass die Überwindung von Bergpässen oder der Wechsel von Ländern in der Geschichte seiner Familie nie ein Hindernis darstellte.

Merker stammt aus einer im Trentino angesiedelten altösterreichischen Familie. Bernhard Jülg, der Urgroßvater mütterlicherseits und im Schwarzwald geboren, war Professor an der Innsbrucker Universität. Zuvor hatte er Lehrstühle in Krakau und Lemberg innegehabt. In Innsbruck wurde der Orientalist, der ein Wörterbuch der mongolischen Sprachen verfasste, sogar Rektor. Aus seiner Ehe mit einer Tirolerin (deren Mutter aus dem Trentino stammte) wurde der Großvater Karl geboren, der mit dem Tiroler Maler Albin Egger-Lienz gut befreundet war und Griechisch und Latein am deutschen Gymnasium in Trient unterrichtete, das damals noch zu Österreich gehörte. Der Onkel von Merker war jener Bernhard Jülg, der zum Brennerkreis um Ludwig von Ficker gehörte und als Dichter und Schriftsteller zwischen Trient, Innsbruck und Kufstein, wo er Italienisch und Französisch unterrichtete, lebte. Sein literarisches Werk, Novellen, Gedichte, Essays und ein Roman, sind heute im Brennerarchiv aufbewahrt. In seinem unvollendeten Roman „Kudewah“ erzählt er das gar nicht so erfundene Leben von einem italienischen Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert, der ein glühender Anhänger von Mazzini und Garibaldi wurde.

Professor Merker selbst teilt mit seinen Vorfahren ein bewegtes Leben vor und hinter dem „Pass“. 1931 Im kleinen Ort Tavernaro bei Trient geboren, wächst er in München auf, wo er die Volksschule besucht. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters in den Bergen Tirols kehrt seine Mutter 1941 nach Trient zurück, wo er das Gymnasium besucht und somit in Kontakt mit dem italienischen Kulturraum kommt. Wichtig ist der Einfluss des Onkels Carlo und dessen politische Gesinnung auf Merkers Entscheidung Philosophie zu studieren. Der lange Weg führt dann - wohl über viele „Bergpässe“ - von Trient nach Messina, wo er seine Studienjahre verbringt. Hier wohnt er beim Onkel Carlo Jülg, der an der Schule wieder Deutsch unterrichten durfte, nachdem man ihn nach dem Krieg aus politischen Gründen die Stelle im Trentino nicht mehr zurückgeben wollte. Der Antifaschist, der mit seiner Frau Valeria Wachenhusen unter Mussolini zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt worden war, hatte aktiv am Widerstand teilgenommen. Ihr Briefwechsel während jener turbulenten Jahre wird nun in Trient in Buchform herausgegeben. Aber auch die faszinierende Geschichte dieser durch und durch mitteleuropäischen Familie wird bald Gegenstand einer Publikation sein. Als Dozent und dann als Professor für Geschichte der modernen Philosophie lenkte Merker seine Forschungstätigkeit auf Hegel und den Deutschen Idealismus und beschäftigte sich mit wichtigen Phasen der deutschen Kulturgeschichte - von der Reform bis zur Aufklärung. Vom liberalen Denken Kants und Humboldts hin zu den deutschen Jakobinern spannt sich dann der Bogen bis Marx und Engels. Dem Begriff der Nation und den Ideologien des Kolonialismus und des Populismus widmete er seine neueren Werke. Er ist Autor einer Geschichte der Philosophie in drei Bänden und eines historischen Atlas der Philosophie.

Am Ende seines Vortrags erinnerte Merker, dass „die Dialektik von Tradition und Neuerung seit jeher zur Geschichte der Menschheit gehört“. Und dass „Unglücke entstehen, wenn wir außer Acht lassen das ‚Neue’ und ‚Andere’ nicht auf unseren Konsens wartet“. Eine kritische Hinterfragung der Tradition ist im Sinne Herders notwendiger denn je: „Die Tradition ist eine an sich vortreffliche Naturordnung; sobald sie aber alle Denkkraft fesselt, allen Fortgang der Menschenvernunft und Verbesserung nach neuen Umständen und Zeiten hindert: so ist sie das wahre Opium des Geistes“.

(Carla Leidlmair Festi)