Unternehmerisch und erschöpft?

Mit der Zunahme prekärer Beschäftigungsformen und deren Folgen befasst sich eine neue Vortragreihe, die von Universität Innsbruck, Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund und Arbeitsmarktservice vergangene Woche im Rahmen eines Pressegesprächs präsentiert wurde.
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Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Die neue Vortragsreihe, die am Dienstagabend mit einer Podiumsdiskussion in der Tiroler Arbeiterkammer eröffnet wurde, will Wissen zu prekärer Beschäftigung aus Forschung und Praxis zusammenführen. Die Vertreter von Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund und Arbeitsmarktservice betonten bei einem Pressegespräch, dass sie tagtäglich mit den Folgen der zunehmenden prekären Beschäftigung konfrontiert seien. Auch die Sozialwissenschaften haben in den vergangenen Jahren die aktuellen Veränderungen der Arbeitswelt aufgegriffen. Zunehmende Individualisierung und Modernisierung haben zur Auflösung traditioneller Verhaltensnormen und gesellschaftlicher Bindungen geführt, soziale Beziehungen und Familienzusammenhänge sind instabiler geworden. Das hat nicht nur zur Erweiterung von Freiheiten und Wahlmöglichkeiten geführt, sondern auch zu Verunsicherung. Diagnosen wie Überlastungssyndrom, Burnout oder Depression werden immer häufiger gestellt und zeigen eine bedenkliche Entwicklung in unserer Gesellschaft auf.

„Unternehmerisch“ tätig sein, wird heute nicht mehr nur von Unternehmerinnen und Unternehmern erwartet, sondern zunehmend auch unselbstständig Beschäftigten abverlangt. Dass die daraus resultierenden Veränderungen nicht ohne Einfluss auf die Gestaltung von Geschlechterverhältnissen, Familienformen und das Selbstverständnis von Menschen sind, ist selbstverständlich. Vieles ist in Bewegung geraten: Frauen werden zunehmend - vor allem prekär - in den Erwerbsarbeitsmarkt integriert, Männer können immer weniger die traditionelle Rolle des „Familienerhalters“ erfüllen. Dennoch wird, nicht zuletzt auch im Rahmen des Rück- und Umbaus der europäischen Sozialstaaten, an traditionelle Familienformen und Geschlechterrollen festgehalten.

Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, Zusammenhänge und Widersprüche der Organisation von Arbeit, der Produktionsweise und der individuellen Lebensgestaltung der Menschen in den gegenwärtigen Veränderungen unserer Gesellschaft sichtbar zu machen. Aber auch kulturelle Bildern von Geschlechterverhältnissen und die Pluralität von Lebensformen sollen zu sozialen Realitäten in Bezug gesetzt werden, die sehr viel weniger egalitär sind, als es die politische und gesellschaftliche Rhetorik vermuten lässt. Anstatt etwa Klagen über die Auflösung der Familie anzustimmen, die in aktuellen Diskursen meist sehr moralisierend verhandelt wird, soll dazu angeregt werden, Gestaltungsspielräume, ökonomische Zwänge und Anforderungen von Arbeitsverhältnissen in den Blick zu nehmen und Auswege aus diesen widersprüchlichen Zuweisungen und Anforderungen aufzuzeigen.

Für das Konzept und die Organisation der Veranstaltungsreihe zeichnen Dr. Alexandra Weiss (Büro für Gleichstellung und Gender Studies/Universität Innsbruck), Hans Ofner (AK-Tirol, Arbeitsrechtliche Abteilung) und Norbert Nairz (VÖGB, Bildungssekretär des ÖGB-Tirol) verantwortlich.

(Christian Flatz)