Sprache, Migration und Bildung

Im Rahmen der Reihe „Die vielen Unterscheidungen. Erziehungswissenschaftliche Zugänge zur Interdependenz gesellschaftlicher Differenzverhältnisse“ hielt Inci Dirim am 18. Mai 2011 am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck einen Vortrag über Sprache, Migration und Bildung mit linguizismuskritischen Anmerkungen.
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Bild: Inci Dirim hielt einen Vortrag über Sprache, Migration und Bildung.

Unter dem Begriff Linguizismus wird im Allgemeinen eine Form des Rassismus verstanden, welcher spezifische Abwertungen und Ausgrenzungen von Menschen auf Grund ihrer Sprachen, Akzente und Dialekte thematisiert. Es ist ein Instrument der Machtausübung zur Wahrung und Herstellung einer sozialen Rangordnung. Somit wird Sprache instrumentalisiert, als sozial markiertes Phänomen, durch das soziale Klassen produziert und reproduziert werden (vgl. Bourdieu 1992:81) und mit dem soziale Ungleichheit erzeugt wird.

Durch die Verwendung des Begriffes Linguizismus kann ein wissenschaftliches Instrumentarium zur Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse mit einem Fokus auf Sprache sowie Handlungsformen zur Überwindung linguizistischer Diskriminierungen entwickelt werden. Die gegenwärtige Zuspitzung erziehungswissenschaftlicher, bildungspolitischer und damit verschränkter einwanderungspolitischer Diskurse bzw. Maßnahmen auf die Beherrschung des Deutschen wurden unter linguizismuskritischer Perspektive analysiert. Dazu wurden verschiedene Studien vorgestellt, auf die gegenwärtige Situation eingegangen und auf Linguizimus in Österreich aufmerksam gemacht. Bei einer Analyse der gegenwärtigen Situation findet sich sowohl offener wie auch subtiler Alltagslinguizismus und institutionell verankerter Linguizismus. Linguizismus argumentiert mit Geboten statt Verboten und mit dem Nutzen für die Anderen, dabei ignoriert er die multilinguale Realität der Gesellschaft und verkennt die Potenziale verschiedener Sprachen. In Österreich ist Linguizismus durch die sprachliche Regelung im Rahmen der Novelle des Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetzes, des Fremdenpolizeigesetzes, des Asylgesetzes und des Staatsbürgerschaftsgesetzes 2011 (vgl. Krumm 2010, Krumm 2011) institutionell verankert.

Verschiedene Modelle wie der Hamburger Modellversuch einer bilingualen Schule wirken erfolgreich gegen linguizistische Ausgrenzungen und tragen dazu bei, Alternativen zu einem monolingualen Bildungssystem zu entwickeln. Der Vortrag wies darauf hin, dass in einer Gesellschaft, die auf verschiedenen Ebenen vom „natio-mono-linguizistischen Habitus“ durchdrungen und regiert ist, eine vollständige Verhinderung linguizistischer Diskriminierung nicht erreichbar ist. Es besteht allerdings die Möglichkeit der Abmilderung der Effekte dieses Habitus.

Zitierte Literatur:

  • Bourdieu, Pierre (1990): Was heißt Sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tauschs. Wien (Braumüller)
  • Gogolin, Ingrid (1994): Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster, New York (Waxmann)
  • Krumm, Hans-Jürgen (2011): Entwurf eines Bundesgesetzes, mit dem das Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz, das Fremdenpolizeigesetz 2005, das Asylgesetz 2005 und das Staatsbürgerschaftsgesetz 1985 geändert werden. Stellungnahme im Rahmen des Begutachtungsvefahrens. http://homepage.univie.ac.at/hans-juergen.krumm/Stellungnahme%20KR%20zur%20NAGNov%202011.pdf (Zugriff am 23.5.2011)
  • Mecheril, Paul (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim, Basel (Beltz)

(Andrea Umhauer)

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