Religion und Gesellschaft in der Türkei

Im Rahmen des Forschungseminars „Religion und Gesellschaft“ von Prof. Köchler, Institut für Philosophie, fand im Mai eine Exkursion Innsbrucker Studierender und Forscher nach Istanbul, Ankara und Mardin statt.
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Bild: Die Exkursionsteilnehmer mit Prof. Köchler (Mitte).

Fragen rund um das Verhältnis von Religion und Gesellschaft, nicht zuletzt im Hinblick auf den Islam, beschäftigen in den letzten Jahren nicht nur Wissenschaftler und Experten, sondern zunehmend auch eine breite Öffentlichkeit: Sind religiös gespeiste Weltanschauungen eine Bedrohung für das friedliche Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften? Welche Begründungen und Ausformungen der Idee der Säkularität existieren und welche praktischen Implikationen halten sie bereit? Braucht Europa angesichts steigender Spannungen einen neuen Religionsfrieden, und wie könnte ein solcher im Einklang mit den Menschenrechten formuliert werden? Diese und viele weitere grundsätzliche Fragestellungen stehen im Zentrum des Seminars „Religion und Gesellschaft“, das in diesem Sommersemester von Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Köchler (Institut für Philosophie, Präsident der International Progress Organization [IPO]) unter Mitwirkung von Dr. Jodok Troy (Institut für Politikwissenschaft), Ass.-Prof. Dr. Andreas Th. Müller (Institut für Völker- und Europarecht), Ass.-Prof. Dr. Andreas Oberprantacher und Ass.-Prof. Dr. Marie-Luisa Frick (beide Institut für Philosophie) sowie unter Beteiligung von Frau Dr. Gabriele Osthoff-Münnix veranstaltet wird. Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung fand Mitte Mai eine 9-tägige Exkursion in die Türkei statt, bei der die Studierenden die Möglichkeit erhielten, theoretischen Analysen praktische Anschauungen gegenüber zu stellen. Die Türkei als ein Land, dessen Ringen um seine eigene Identität zwischen Laizität und Rückbesinnung auf den Islam auch aus europäischer Perspektive – im Hinblick auf einen möglichen EU-Beitritt – von großer Bedeutung ist, erwies sich dabei als besonders interessantes Zielland. 

Istanbul – zwischen Europa und Asien

Den Auftakt der Reise machte ein Aufenthalt in der 13-Millionen-Stadt Istanbul, wo die TeilnehmerInnen im Rahmen von Vorträgen, welche die Inter-Cultural Dialogue Platform (KADIP) und die International Progress Organization (IPO) gemeinsam veranstalteten, über die historische als auch gegenwärtige Lage nicht-muslimischer Minderheiten in der Türkei und über die Hizmet-Bewegung unterrichtet wurden. Ein ganztägiges Seminar zur Thematik „Religion, Politik und Gesellschaft in der Türkei“ wurde vom Center for Global Studies und dem Center für Civilizational Studies am Sitz der Stiftung für Wissenschaft und Kunst (BISAV) veranstaltet. Die Vorträge ermöglichten der Innsbrucker Gruppe detailliertere Einblicke in die türkische Gesellschaft und vermittelten einen Überblick über die aktuellen Diskurse zur Rolle des Islam in der modernen Türkei. Im Rahmen ausgedehnter Wanderungen und Stadtbesichtigungen, inklusive Besuchen der Hagia Sophia und der Blauen Moschee, konnten die TeilnehmerInnen auch selbstständig den vielen Gesichtern und Gegensätzlichkeiten Istanbuls nachspüren und ins Leben der pulsierenden Metropole eintauchen. Von besonderem Mehrwert für die Innsbrucker Exkursion war die Begegnung mit der pakistanischen Politikwissenschaftlerin Minhas Majeed Khan (Universität Peshawar), die auf Einladung der IPO in Istanbul weilte und ihre Doktorarbeit über die evangelikale Bewegung in den USA und deren Einfluss auf die Beziehungen zwischen den USA und Pakistan präsentierte. Mit ihrer intimen Kenntnis eines weiteren bedeutenden islamischen Landes brachte Frau Khan zusätzlich vergleichende Perspektiven ein.

Mardin – an der Grenze zu Syrien

In der südostanatolischen Stadt Mardin unweit der Grenze zu Syrien standen wiederum die christlich-islamischen Beziehungen und die großteils friedliche, aber dennoch nicht immer konfliktfreie Koexistenz zwischen den beiden Religionsgruppen im Mittelpunkt des Interesses. Im Anschluß an einen Besuch von Prof. Köchler beim Rektor der Artuklu Universität in Mardin, Prof. Dr. Serdar Bedii Omay, konnten sich die Exkursions-TeilnehmerInnen auf Einladung der Universität zudem mit Studierenden und Professoren der dortigen Universität austauschen und auch einen „typischen“ arabischen Abend mit traditioneller Musik erleben. Im Zuge eines Besuches des Atak-College, eines großen privaten Schulzentrums mit Volks- und Mittelschule, hatten die TeilnehmerInnen die Gelegenheit, sich mit dem Unterricht in einer traditionell multikulturellen Region der Türkei vertraut zu machen und mit arabischen, kurdischen und türkischen Schülern zu sprechen. Konkrete Fragen des Zusammenlebens von Moslems und Christen in der Türkei konnten anläßlich eines Besuches der größten syrisch-orthodoxen Kirche Mardins mit dem Auxiliarbischof Gabriyel Akyüz besprochen werden. Einen Höhepunkt des Aufenthaltes in Mardin stellte der Empfang der Innsbrucker Delegation durch den syrisch-orthodoxen Metropoliten von Mardin und Diyarbakir, Erzbischof Philoxenus Saliba Özmen, dar. Auch vom regionalen Gouverneur, Turhan Ayvaz, wurden die Gäste aus Österreich in seiner Residenz willkommen geheißen. Besichtigungen der Stadt Midyat mit ihrer beeindruckenden Silhouette, die sowohl Kirchtürme als auch Minarette zieren, sowie des syrisch-orthodoxen Klosters Mor Gabriel, eines der ältesten christlichen Klöster der Welt, rundeten das Programm ab.

Ankara – moderne Türkei

Den Abschluss der Exkursion bildete ein zweitägiger Aufenthalt in der Hauptstadt Ankara sowie der Besuch der beiden Universitäten Bilkent und Hacettepe, wo eine weitere Vortragsreihe zum Generalthema Religion und Gesellschaft stattfand. Besonders eindrucksvoll war dabei die Begegnung mit Univ.-Prof. Türkkaya Ataöv, einem der führenden Intellektuellen und Experten für Internationale Beziehungen der Türkei, der mit den Exkursions-TeilnehmerInnen sein fundiertes Wissen über die Geschichte der Islamischen Philosophie teilte und anhand historischer Beispiele das Scheitern einer islamischen „Aufklärung“ an der herrschenden Orthodoxie sowie das spannungsgeladene Verhältnis von Religion und Wissenschaft aufzeigte.

In seinem Grundsatzvortrag über „Secularism and the Politics of Religion in Europe“ an der Hacettepe-Universität arbeitete Prof. Köchler die philosophischen Grundlagen des säkularen Paradigmas heraus, das auf einer epistemischen Kritik von Religion beruhe, und er betonte, dass für ein gelungenes Miteinander unterschiedlicher Religionen in Europa zuallererst der Widerspruch zwischen der vermehrten Beschwörung einer so genannten christlichen Leitkultur einerseits und der Forderung nach einer Trennung von Religion und Staat, insbesondere gegenüber dem Islam, andererseits, überwunden werden müsse. Jede Instrumentalisierung von Religion für politische Zwecke stelle, so Köchler, eine ernste Gefahr für den Frieden in Europa dar.

(Marie-Luisa Frick und Andreas Oberprantacher)